Buch "Wellenbrecher"
Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise
Samstag, 31. Oktober 2009 08:36 - Von Stefan AnkerDie Männer tragen Kleidung, nur die Schuhe fehlen, es sieht aus, als ob sie schlafen. Aber sie tragen nun gelbe Zettel an den Zehen, längliche gelbe Zettel, auf die man ihre Namen schreibt. Einer meiner Freunde, er heißt Gustav, hält noch seine Pfeife im Mundwinkel. Ich werde den Anblick nie vergessen.
Diese Geschichte ist wahr. Sie hat sich im Juni 1963 zugetragen, weit draußen auf dem Meer, irgendwo vor Grönland. Klaus Gerber erzählt die Geschichte, und es ist das erste Mal, dass der Kapitän, damals als Matrose auf dem Fischereimotorschiff "München" beschäftigt, öffentlich über den Untergang und die Toten spricht. Vielleicht spricht er auch das erste Mal überhaupt darüber, denn Seeleute machen gewöhnlich nicht viele Worte.
"Manche sagen im Gespräch immer nur ,Jo' oder ,Nö'", sagt Stefan Krücken, der sich von 27 Seeleuten ihre Seefahrergeschichten hat erzählen lassen. In dem Buch "Wellenbrecher" hat Krücken die Abenteuer zusammengefasst, mal tragische und mal komische - wie das Leben an Bord eben spielt.
"Wellenbrecher" ist eine Lektüre, die zur Demut auffordert. Gerade für Wassersportler, die das Meer als Kulisse ihrer Freizeitgestaltung sehen, kann das Buch ein wichtiges Kontrastprogramm sein.
"Wir fischen bis zur vollen Orkanstärke, wie es Hochseefischer eben tun." Sätze wie dieser aus dem Text über Kapitän Rudolf Speer machen deutlich, worum es in der Berufsschifffahrt geht: Die See ist das Leben, und wenn es mal schwierig wird, dann macht man eben weiter. Ganz nebenbei erfährt der Leser allerlei, was er noch nicht wusste. Speers Abenteuer etwa spielt vor der Ostküste der USA, wo er mit seinem Trawler den Anker verlor - nicht weiter dramatisch, aber die "Ludwig Renn" fuhr unter der Flagge der DDR, die ihre Fangflotte offenbar sehr weit ausrücken ließ, um Fisch zu holen. In den Erzählungen geht man an Bord der "Gorch Fock", taucht mit einem U-Boot vor Wasserbomben weg oder erlebt die Sturmflut 1962 aus Sicht eines Kapitäns, der mit seiner Fähre zu den unter Wasser stehenden Halligen unterwegs ist.
Stefan Krücken hat so ein Buch schon einmal geschrieben. Es heißt "Orkanfahrt" und folgt derselben Idee. Es war 2007 das erste Buch im neu gegründeten Ankerherz-Verlag, und es war ein Erfolg. Eine Hörbuchfassung erschien (gelesen von Otto Sander), aus einer Kapitänsgeschichte entstand ein Jahr später ein großer Dokumentarroman ("Sturmkap"), auch ihn gibt es als Hörbuch, hier liest "Tatort"-Kommissar Axel Prahl.
Und nun Uwe Friedrichsen. Er präsentiert die "Wellenbrecher"-Geschichten heute schon bei Lesungen, er wird auch auf der Hörbuchfassung der Sprecher sein. Krücken ist ein geschickter Vermarkter seiner Texte, doch großer Überredungskunst habe es bislang gar nicht bedurft. Die Schauspieler hatten eine Verbindung zum Meer, sie mochten, was sie lasen. Prahl geht sogar mit "seinem" Kapitän, dem 85-jährigen Hans Peter Jürgens, auf große Fahrt. Im Januar sind sie Gast auf dem Kreuzfahrtschiff "Deutschland" und fahren damit rund Kap Hoorn - die Route, die Jürgens als 15-jähriger Schiffsjunge auf der Viermastbark "Priwall" gefahren ist.
Das wilde Südmeer bildet auch die Bühne für die ergreifendste Geschichte in dem neuen Buch. Krücken lässt Kapitän Hermann Gerdau erzählen, der 95 Jahre alt ist und in den 50er-Jahren auf einem Walfangschiff als Matrose fuhr. Dort führte er ein so entbehrungsreiches Leben, dass man es aus heutiger Sicht kaum glauben kann. Sieben Monate am Stück war er jeweils auf See, getrennt von seiner Frau. "Wie man mit dem Schmerz der Trennung umging? Das war nun mal so, sage ich noch heute." Ähnlich lapidar kommentiert Gerdau die unwirtlichen Bedingungen im Südmeer: "Zog schlechtes Wetter auf, kamen die Seen acht Meter hoch, und peitschte der Wind, legte der Kapitän das Boot in den Windschatten eines Eisbergs. Wir warteten ab, ruhten uns aus, und ich kam dazu, ein Buch zu lesen."
Es sind genau diese Bemerkungen, die Uwe Friedrichsen beim Lesen und Vorlesen reizen. "Dass sie so authentisch sind, das ist es, was die Geschichten im Wesentlichen ausmacht", sagt der Schauspieler. Ein eigenes Boot hat Friedrichsen nie besessen, doch sei er leidenschaftlicher Kreuzfahrer und habe da auch schon elf Windstärken überstanden. "Seekrank werde ich nicht, es gab schon Reisen, da waren der Barkeeper und ich die einzigen Gesunden an Bord. Aber solche Wellen wie die Kapitäne habe ich zum Glück noch nie gesehen."
Klaus D. Weinack etwa steuerte seinen Frachter durch einen Tsunami, den er nur durch Zufall auf dem Radarschirm entdeckt hatte. Es war gerade noch Zeit, das Schiff neu auszurichten und Fahrt aus der Maschine zu nehmen. "Ich schätzte, dass die Welle mindestens 25 Meter hoch war. Niemand auf der Brücke sprach ein Wort. Die Filipinos bekreuzigten sich." Was für ein Buch.























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