Die Reize von "Schöne Weyde"
Dienstag, 10. Juni 2008 07:42 - Von Silke Böttcher"Schöne Weyde" hieß die idyllische Uferwiese an der Spree, die 1598 in einer Reisebeschreibung des Kurfürsten Joachim II.
"Schöne Weyde" hieß die idyllische Uferwiese an der Spree, die 1598 in einer Reisebeschreibung des Kurfürsten Joachim II. Erwähnung fand. Anziehungspunkt war die Gaststätte Quappenkrug, in der Reisende auf dem Weg zwischen Köpenick und Berlin einkehrten.
Heute ist von ländlicher Idylle nichts übrig in Oberschöneweide. Reizvolles ist dennoch zu entdecken in dem Stadtteil, der trotz großer Probleme (nach der Wende gingen mehr als 20 000 Arbeitsplätze verloren) zu Unrecht als "Oberschweineöde" geschmäht wird. Denn das Gebiet, das der Oberfinanzrat Johann Philipp Otto Reinbeck 1814 kaufte, seiner Frau zu Ehren Schloß Wilhelminenhof nannte und das seit 1871 Oberschöneweide heißt, entwickelte sich ab 1889 zum wichtigen Industrievorort. Die Anbindung über Wasser, Straße und Schiene lockte 1887 Emil Rathenau und seine Allgemeine Electricitäts-Gesellschaft (AEG) an. Weitere Betriebe entstanden auf mehr als drei Kilometern am Spreeufer: 1898 baute hier die Niles-Werkzeugmaschinenfabrik, ab 1899 stellten die Kabelwerke Oberspree Telefonkabel her - kein Wunder, daß die Einwohnerzahl rasch stieg: von 116 im Jahre 1850 auf 30 000 im Jahr 1930.
Wir starten unseren Ausflug an der Ecke Wilhelminenhof- und Edisonstraße (erreichbar ab S-Bhf. Schöneweide z.B. mit Tram 67) - und stehen vor den historischen Industriebauten. Links erheben sich die Spreehöfe. Hier ließ sich etwa der Lampenfabrikant Robert Frister 1897 nieder. Der mehrfach erweiterte und sanierte Komplex ist heute Freizeit- und Gewerbegebiet.
Weiter rechts, in der Wilhelminenhofstraße 83, saß einst das Transformatorenwerk Oberschöneweide (TRO). Die ältesten Hallen baute 1899 die Deutsche Niles-Werkzeugmaschinenfabrik, 1920 übernahm die AEG sie fürs TRO-Werk. Hier entsteht heute das Kultur- und Technologiezentrum Rathenau mit Ateliers. Kunst lockt bald auch zwischen Reinbeck- und Laufener Straße. Wo einst der Quappenkrug stand, entsteht bis 2007 ein Zentrum für Gegenwartskunst mit Galerien und Dependancen bedeutender Museen.
Nächste Station ist das 1897 erbaute Kabelwerk Oberspree, dessen Name KWO noch auf einem Gebäude prang. Viele Hallen stehen leer, einige dienen als Werkstätten. Ein Blickfang ist das Kranhaus, in dem der Designer Sven Thomsen ein Atelier hat. Zum Areal gehört das Handwerker- und Gewerbezentrum Wilhelminenhof, wo auch der neue Campus der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft entsteht. Unklar ist das Schicksal der 1928 erbauten AEG-Fernmeldefabrik von Ernst Ziesel - obwohl der Denkmalschutz dem Abriß zugestimmt hat, gibt es Bemühungen, sie zu erhalten.
Weiter geht's - vorbei an der Villa Rathenau, die der AEG-Gründer 1903 als Wohnhaus baute, vorbei an der 65 Tonnen schweren Spindelpresse von 1936 und am 70 Meter hohen Peter-Behrens-Turm, den der Architekt 1914 für die Nationale Automobilgesellschaft entwarf - in die Ostendstraße. Auf der Waldowstraße queren wir ein Wohngebiet und wandern über Kepler- und Kottmeierstraße zur Christuskirche. Der Regierungsbaumeister Robert Leibnitz, der auch die Jerusalemer Erlöserkirche schuf, baute das für seine ausgezeichnete Akustik bekannte Gotteshaus, das Kaiserin Auguste Viktoria am 6. November 1908 einweihte.
Nächstes Ziel ist der Griechische Park, wo an der Ecke Schillerpromenade eine bronzene Venus mit Amor turtelt - erschaffen von Peter Christian Breuer. Über die Fontanestraße erreichen wir an der Ecke Zeppelinstraße rechts die Siedlung Gebag. Sie gehört zu den Wohnbauten, die meist an AEG-Angestellte vergeben wurden. Ernst Ziesel und Jean Krämer schufen den denkmalgeschützten Komplex bis 1930 um einen Park herum.
Etwas weiter, an der Helmholtzstraße, steht eine von Max Stutterheim entworfene Wohnhausgruppe (Nr. 5-9), die zu den bedeutendsten Jugendstilbauten des Gebiets gehört. An Nummer 5 erinnern eine Tafel und steinerne Initiale an den Künstler. Wir biegen in die Deulstraße und erreichen an der Siemensstraße die alte Feuerwache von 1898 mit ihren roten Türen. Vorbei an den Spreehöfen geht's zurück zum Start.























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