Vorbild für ein großes Vorbild
Dienstag, 10. Juni 2008 05:38Es ist recht einfach geworden für Boxer in diesen Tagen, ein sportliches Vorbild zu nennen. Jemanden, zu dem sie aufschauen. Max Schmeling ist und bleibt das Synonym für Boxsport in Deutschland, sein Schatten reicht weit über den Tod hinaus.
Doch auch das Idol hatte ein Vorbild. Eines, das ihm in jungen Jahren imponiert hat und das nie verdrängt werden konnte.
In den 99 Jahren seines langen Lebens hat Schmeling viele erlebt. Große Boxer, große Egos. Muhammad Ali, Henry Armstrong, Georges Carpentier, Julio Cesar Chavez, George Foreman, Marvin Hagler, Thomas Hearns, Jack Johnson, Ray Leonard, Joe Louis, Rocky Marciano, Carlos Monzon, Archie Moore, Ray Robinson oder Mike Tyson - fast alle kannte er persönlich, mit den meisten war er freundschaftlich verbunden. Einen Namen aber hob Schmeling immer besonders hervor - Jack Dempsey.
Trotz der Klasse all der anderen: Dempsey war nicht nur sein persönliches Idol, sondern in Schmelings Sichtweise auch bei objektiver Betrachtung schlicht der Größte. Er verkörperte die Vollkommenheit eines Profiboxers. Dempsey, ein kluger, feiner Mensch mit einem beeindruckenden Charakter, verband wie kein Zweiter eine brillante Technik und Taktik mit einem gewaltigen Punch. Seine Schläge kamen mit dem vollen Einsatz seines ganzen Schultergürtels. Er haßte es, den Ring mit irgend jemand zu teilen. Er schien ein Faustkämpfer von einem anderen Stern zu sein. Joyce Carol Oates hat in ihrem berühmten Essay "Übers Boxen" treffend formuliert, daß sein Kampfstil - direkt, schnell, schlagfreudig und erbarmungslos - den Boxsport für immer geprägt hat. Sie hat auch nicht unrecht, daß die heutigen Kämpfe im Vergleich zu denen von Dempsey eigentlich wie harmlose Menuette wirken.
Mit 24 Jahren gewann der Junge aus Manassa/Colorado den Titel im Schwergewicht, als er seinen Gegner Jess Willard förmlich vernichtete. Willard gab in der dritten Runde auf mit gebrochenem Kiefer, zwei gebrochenen Rippen, einem komplett zugeschwollenen Auge und partiellem Verlust des Gehörsinns. Dempsey dominierte das Schwergewicht sieben Jahre lang, dann wurde er von Gene Tunney geschlagen.
Max Schmeling war 20 Jahre alt, als er Dempsey erstmals sah. Im Ring. Der US-Amerikaner war 1925 gerade auf Hochzeitsreise durch Europa und machte unter anderem in Köln Station, um vor Tausenden im Lunapark einige Proben seines Könnens zu geben. Schmeling war als einer von drei Kölner Boxern auserwählt, gegen ihn zwei Runden anzutreten, sogar ein Treffer gelang ihm dabei. Dempsey guckte verblüfft, doch erschüttern konnte Max ihn nicht. Noch nicht.
Beim zweiten Mal war das schon anders, als Dempsey Schmeling im Mai 1933 in New York vier Wochen vor seinem Kampf gegen Max Baer im Trainingscamp besuchte und mit ihm sparren wollte. Mit seiner inzwischen so gefürchteten Rechten traf Max Schmeling Dempsey in der ersten Runde mitten auf die gerade operierte Nase, woraufhin der prompt aufgab. Die Ära Dempseys war für den Boxsport da bereits beendet, er tingelte bis 1940 über Box-Veranstaltungen in den USA, ehe er endgültig aufhörte. Schmeling dagegen traf ihn auf der Höhe seiner Kunst.
Die Kämpfe damals waren im Vergleich zu jenen heute viel härter, viel brutaler. Max Schmeling hat noch mit Vier-, später mit Fünf-Unzen-Handschuhen geboxt. Schon nach zwei Runden waren sie meist gebrochen, war alles aufgefleddert, lag nur noch das starre Leder über den Knöcheln. Die Schläge taten unfaßbar weh, man glaubte, gegen eine Betonmauer zu rennen. Damals gab es auch nur acht Gewichtsklassen, in denen logischerweise auch nur jeweils ein Weltmeister existierte. Sich damals bis ganz nach oben durchzuboxen, war zweifellos schwieriger als heute.
Freilich soll das die Leistungen anderer, beispielsweise eines Muhammad Ali, nicht schmälern. Gerade durch ihn, sagte Max Schmeling stets, erhielten die Ringschlachten ein neues Gütesiegel. Muhammad Ali ließ sie zu einem ästhetischen Erlebnis werden. Auch er boxte im Schwergewicht, der Königsklasse, die durch Sportler wie Dempsey und Max Schmeling immer die größte Magie ausstrahlte.
Jessica Almond






















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