29.09.09

Kanada

Treffpunkt Toronto

Ist es das Versprechen gigantischer Weite, das grüne Ufer des Ontariosees? Oder eher der 553 Meter hohe CN-Tower, Wahrzeichen der Stadt, dessen abends farbig leuchtende Restaurantkuppel sich um 360 Grad drehen kann?

Von Marko Martin

Blickt man hier doch bei ausgezeichnetem Essen (frischem Lachs und kanadischem Eiswein) aus 351 Meter Höhe gleichermaßen auf den See wie in die glitzernden Straßenschluchten der Drei-Millionen-Einwohner-Metropole.

Eine Theorie besagt, dass sich der Name der Stadt von "Treffpunkt" herleite, da "Toronto" genau dies bedeutet habe in der Sprache der Huronen. Doch wie auch immer: Man kann in Kanadas größter Stadt nicht ankommen, ohne sogleich mit freundlichem Stolz darauf aufmerksam gemacht zu werden, dass in diesem globalisierten Treffpunkt mehr als hundert Ethnien friedlich zusammenleben. Der somalische Taxifahrer weiß das ebenso wie die mexikanische Kellnerin oder der chinesischstämmige U-Bahn-Ticketverkäufer, und gern teilt jeder dies mit.

Die erste Lektion betrifft jedoch eher Ton als Inhalt der multikulturellen Botschaft: Gott, wie locker sie hier alle sind! Was für eine unprätentiöse Freundlichkeit, die nicht das mitunter allzu aufgesetzt wirkende "Oh great!" des großen südlichen Nachbarn besitzt.

Und noch etwas scheint anders in den verglasten und verspiegelten Häuserschluchten der Stadt: Keine Sekunde lang fühlt man sich hier als Fußgänger verloren. Weder in den "Pathways", die es mit ihren 27 Kilometern als größter unterirdischer Ladenpassagen-Fußgängertunnel sogar ins "Guinnessbuch der Rekorde" geschafft haben, noch in der wuchtigen Säulenhalle der Union Station, einer kleinen Schwester der New Yorker Central Station, wo wir für umgerechnet einen Euro in die U-Bahn steigen.

Menschen aller Hautfarben

Auch nicht im Schatten der wuchtigen Bank of Canada, die sich übrigens den gängigen Finanzspekulationen so geschickt verweigert hat, dass Kanada bis jetzt kaum von der weltweiten Krise betroffen ist. Auf den Trottoirs sind Menschen aller Hautfarben unterwegs, ausnahmslos gut gekleidet und hurtig, doch keinesfalls hektisch oder mit abweisendem Blick. Im Gegenteil.

Der Besucher möchte nach Chinatown. Kein Problem, sagt lächelnd ein jeder, den er anspricht: Nehmen Sie einfach die Straßenbahn bis zur Spadina Avenue, daneben befindet sich - if you like it - auch der Kensington-Markt mit seinen jamaikanischen T-Shirt- und CD-Läden, senegalesischen Restaurants und portugiesischen Weinläden, denn "Little Portugal" beginnt ja gleich dahinter, an der Ecke Bathurst und Dundas Street. Und genau so ist es, wenn auch die Gebäude hier selbstverständlich keine Wolkenkratzer mehr sind, sondern pittoresk heruntergekommene Häuschen im viktorianischen Stil mit Gärtchen und Holzveranden, auf denen Rastafaris sitzen oder chinesische Greise. Wir kaufen im indischen Viertel ein paar Räucherstäbchen, haben die schöne und dazu preisgünstige Qual der Wahl zwischen schicken Sushi-Restaurants und vietnamesischen Garküchen, entscheiden uns an der King Street Nr. 461 für das Lounge-Bistro "Brasai", auf dessen an die rote Backsteinmauer gelehnte Schiefertafel "Lunch/Dejeuner" zu lesen steht - sind jedoch Stunden später noch immer in der nun nächtlichen Stadt unterwegs.

Fragen uns allerdings weiterhin, was es wohl ist, das Toronto bei aller Größe so beinahe anheimelnd macht. Ist es dieses Gefühl von Sicherheit, sich nachts auf der Bar-, Pub- und Clubmeile der Church Street und der Yonge Street (diese ist mit 1600 weit ins Landesinnere hineinreichenden Kilometern die ebenfalls vom "Guinnessbuch" geadelte längste Straße der Welt) ausgelassen, aber gefahrlos hin und her bewegen zu können und nirgendwo etwaige dubiose Ecken meiden zu müssen?

Das Rätsel erfährt am nächsten Morgen eine mögliche Antwort. An der Front Street West gibt es zwischen all den aufstrebenden Häuserblöcken eine kleine Grünfläche mit einer Steinbrüstung, auf der in kupferfarbenen Medaillons die Namen von "100 Workers" stehen - Arbeiter aus allen Teilen der Welt, die von 1901 bis in die Jetztzeit bei Gebäude- und anderen Unfällen ums Leben gekommen sind. Ehre und Erinnerung gebühre ihnen, ist auf einer Begleittafel zu lesen, auf welcher die Stadt Toronto gelobt, um die Sicherheit ihrer Bürger weiterhin besorgt zu sein. Welche andere Millionenmetropole, denkt der Besucher gerührt, würde wohl all jene, die es tragischerweise nicht geschafft hatten, am urbanen Traum teilzuhaben, mit gleicher Selbstverständlichkeit ins Bewusstsein ihrer Bewohner rücken?

Vielleicht hat er ja gerade hier die wirkliche Essenz dieses von Fairness geprägten Toronto entdeckt, obwohl es natürlich auch die zu Musik, Tanz, Theater und Performance gewordenen Outdoor-Festivals sein könnten: etwa das "Caribana-Festival" im Juli oder das renommierte Filmfestival Anfang September.

Hier dreht Hollywood

Apropos: Wussten Sie, dass Hollywood hier inzwischen Schlange steht und nicht nur der Oscar-gekrönte Musical-Film "Chicago" in der Stadt gedreht wurde - und zwar auf dem restaurierten Gelände der einstmals weltgrößten Schnapsbrennerei? Industriearchitektur als Filmkulisse und beliebte Ausgehmeile gleichermaßen, wo man in Galerien und Lädchen fündig werden und seine Einkäufe dann in einem der zahlreichen Cafés begutachten kann. Selbiges könnte man natürlich - zumindest theoretisch - auch im Edel-Viertel Bloor-Yorkville tun, wo bei "Holt Renfrew" oder "Tiffany" sogar die englische Königsfamilie einkauft. Die Queen ist nämlich nominelles Staatsoberhaupt des Commonwealth-Mitglieds Kanada.

Wir dagegen stöbern lieber im riesigen und darüber hinaus schönen Eaton Centre - und sind mit den neu erstandenen Jeans und Turnschuhen bestens gerüstet für die anschließende Museumstour: Vom Bata-Schuhmuseum mit 12 000 Exemplaren inklusive der kapriziösen Treter von Marilyn Monroe und Elton John über die von Star-Architekt Frank Gehry transparent gestaltete Art Gallery of Toronto (Indianerzelt trifft französische Impressionisten-Sammlung) ins eigentliche Heiligtum der Stadt - die Hockey Hall of Fame. Wer bislang Eishockey für einen rüden Nordmenschen-Sport gehalten hat, wird in diesem Familienmuseum eines Besseren belehrt, denn vor den Vitrinen der Stars mit ihren Pokalen und Trikots erzählen Väter ihren Söhnen - und Töchtern! - nicht nur von legendären Spielen, sondern erklären gleich noch en passant die Regeln - als eine weitere unaufdringliche Lektion in Sachen Respekt und Fairness.

Die Reise wurde unterstützt von Tourism Toronto und Air Canada.

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