11.08.04

Entschädigung nach 18 Jahren

Von Jens Anker
Bei dem Bombenanschlag auf die Diskothek La Belle starben drei Menschen, mehr als 150 wurden verletzt
Bei dem Bombenanschlag auf die Diskothek La Belle starben drei Menschen, mehr als 150 wurden verletzt

Mehr als 18 Jahre nach dem Terroranschlag in der Berliner Diskothek La Belle werden die deutschen Opfer des Bombenattentats mit 35 Millionen Dollar entschädigt. "Wir haben ein durchaus vernünftiges Ergebnis erreicht", sagte der Opferanwalt.

Berlin - Die Bombe explodierte um 1.40 Uhr. Drei Kilogramm mit Eisenteilen durchsetzter Plastiksprengstoff rissen ein Loch in den Boden und zerstörten die Wand. Drei Menschen starben, mehr als 150 wurden zum Teil schwer verletzt, nachdem die Bombe in der Friedenauer Diskothek La Belle zündete. Berlin erlebte in diesen frühen Morgenstunden des 5. April 1986 den größten Terroranschlag in der Geschichte der Stadt.

Eine halbe Stunde nach der Explosion verhängte der Polizeipräsident den Ausnahmezustand. Nach jahrelangem Streit, einem Rekordprozess vor dem Berliner Landgericht und jahrelangen diplomatischen Ränkespielen, einigten sich die Beteiligten gestern um 17.30 Uhr auf eine Entschädigung der Opfer. Damit ist der letzte Baustein für die Rückkehr Libyens in den Kreis der Weltgemeinschaft gelegt.

Unmittelbar nach dem Anschlag begann die Suche nach den Tätern. Schnell konzentrierte sich die Suche nach den Urhebern auf die arabische Welt. Nato-Oberbefehlshaber Bernhard Rogers sprach von "unbestreitbaren Beweisen" dafür, dass der blutige Bombenanschlag auf das Konto eines "weltweiten Netzes" von Terroristen gehe. Drahtzieher des gemeinen Anschlages sei der libysche Staatschef Muammar Al Gaddafi.

Mit dem Anschlag auf die vor allem bei amerikanischen GIs beliebte Diskothek eskalierte die politische Auseinandersetzung zwischen den Vereinigten Staaten und Libyen. Die USA entsandten drei Flugzeugträger in die Große Syrte vor der Küste Libyens, Gaddafi erklärte diesen Teil des Mittelmeeres zur "Todeszone. US-Präsident Ronald Reagan ließ die Hafenstädte Tripolis und Benghazi bombardieren. Später verhängte die Uno ein Handelsembargo gegen Libyen, das in Teilen bis heute gilt. Damit war aus dem Anschlag in der kleinen Berliner Diskothek eine große internationale Krise geworden.

Doch die Suche nach den Tätern verlief zunächst im Sand. Erst der historische Glücksfall des Mauerfalls brachte den Ermittlern den entscheidenden Durchbruch. Die Stasiakten aus der Normannenstraße lieferten den Ermittlern um Oberstaatsanwalt Detlev Mehlis verblüffende Informationen. Demnach war die Staatssicherheit auf eine Gruppe libyscher Staatsangehöriger gestoßen, die das Interesse der Geheimdienstler weckten. Darunter befand sich auch Ali Chanaa, der als IM Alba der Stasi Auskunft über die arabische Szene in Ost-Berlin gegeben hatte. Das Treiben im Libyschen Volksbüro in Ost-Berlin beunruhigte die Schlapphüte in der Stasizentrale in Lichtenberg. Die Akten der Staatssicherheit führten Mehlis schließlich zu den Tätern.

Am Abend vor dem Anschlag trafen sich Ali und Verena Chanaa, Yasser Chreidi, Musbah Eter und Andrea Häusler in der Lindenstraße 115 in Kreuzberg. Was genau sich in der Wohnung abspielte ist bis heute nicht geklärt. Sicher ist, dass in der Küche der kleinen Sozialwohnung die Bombe zusammengesetzt wurde. Musbah Eter hob eine Ledertasche in die Luft und sagte: "Das ist die Antwort auf die Amerikaner und ein Geschenk von Gaddafi." Er und Yasser Chreidi waren die Wortführer der Gruppe. Ali Chanaa war dazu geraten, ebenso seine Ehefrau Verena. So schilderte Ali Chanaa später das Geschehen in der Wohnung. Danach fuhr Verena Chanaa zusammen mit ihrer Schwester Andrea Häusler mit dem Taxi in die Diskothek. Beide Schwestern setzten sich in die Nähe der Theke. Verena deponierte die Bombe unter ihren Tisch. Dann verließen beide das Tanzlokal wieder. Wenig später explodierte der Sprengsatz.

Die Diskothek des quirligen Italieners Enzo di Nunno war ein Treffpunkt der in Berlin stationierten US-Soldaten gewesen. Nachdem die Terroristen sich zunächst mehrere mögliche Anschlagsziele ausgespäht hatten, hatten sie sich zuletzt auf das La Belle festgelegt. Mithilfe ihrer Diplomatenausweise konnten sie ungehindert mehrfach den Eisernen Vorhang wechseln. Den Sprengstoff tschechischer Herkunft schmuggelten sie sogar von Ost- nach West-Berlin und wieder zurück, weil sich der Zeitpunkt des Anschlages verzögerte. Ungehindert konnten Yasser Chreidi, Ali Chanaa und Musbah Eter auch nach dem Anschlag wieder in die Hauptstadt der DDR wechseln.

Die Ermittlungen und die Suche nach den Tätern dauerten noch weitere Jahre, bis 1997 der Prozess gegen die fünf Angeklagten in Berlin begann. Neben den Angeklagten bildeten 200 Aktenordner, fünf Richter und zwei Ersatzrichter, zwei Staatsanwälte, eine Protokollführerin, vier Dolmetscher, ein Psychiater und mehr als zwei Dutzend Opferanwälte die Kulisse für den Prozess. Das Ziel der Anklage lautete, den libyschen Geheimdienst als Urheber für den Bombenanschlag verantwortlich zu machen. Vier Jahre später erging das Urteil nach 280 Verhandlungstagen. Das Gericht bestätigte Libyen als Urheber des Anschlages, verurteilte die Angeklagten jedoch nur wegen Beihilfe zum dreifachen Mord zu Haftstrafen zwischen 12 und 14 Jahren. Lediglich Verena Chanaa wurde wegen Mordes verurteilt, die Beweisaufnahme hatte ergeben, dass ihre Schwester nichts von dem geplanten Anschlag gewusst hatte.

Nach dem Urteil begann der Verhandlungsmarathon zwischen Libyen, den Opferanwälten und dem Auswärtigen Amt über eine Entschädigung für die Angehörigen der Todesopfer und die Verletzten, die zum Teil bis heute unter den Folgen des Anschlages leiden. Gaddafi hatte in den 90er-Jahren dem Terrorismus abgeschworen und versucht seit längerem, wieder in die Weltgemeinschaft aufgenommen zu werden. Die Diplomaten hatten eine Rückkehr stets an die Entschädigungszahlungen für die von Libyen zu verantwortenden Terroranschläge geknüpft. In dem Fall eines abgeschossenen französischen Verkehrsflugzeugs hatte Libyen den Angehörigen 35 Millionen Euro zugesagt. Die Attentäter des Lockerbie-Anschlages lieferte Libyen an die europäische Justiz aus - nur im Fall La Belle tat sich lange nichts. Die La-Belle-Opferhilfe lief jahrelang im internen Schriftverkehr des auswärtigen Amtes sogar unter dem Vermerk "geringe Priorität".

Immer wieder gerieten die Verhandlungen ins Stocken. Zwischenzeitlich bestritt der Sohn Muammar al Gaddafis, Al-Saadi, die Verantwortung Libyens für den Anschlag, eine Einigung geriet in weite Ferne. Im letzten halben Jahr intensivierten sich die Verhandlungen, die nun zu einem Ende geführt sind. Die Angehörigen der bei dem Anschlag ums Leben gekommenen Nermin Haney erhalten eine Million US-Dollar, elf schwer Verletzte jeweils 350 000 US-Dollar, 157 sonstige Gäste der Diskothek erhalten jeweils 188 000 US-Dollar Entschädigung.

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