Polizeichef in Erklärungsnot
Dienstag, 10. Juni 2008 06:40
London - Nach weiteren Enthüllungen zu der irrtümlichen Erschießung eines Brasilianers bei einem Anti-Terror-Einsatz in London werden die Forderungen nach einem Rücktritt des Londoner Polizeichefs lauter. Eine Anwältin der Familie des getöteten Jean Charles de Menezes sagte, Ian Blair "sollte zurücktreten". Die Anwälte bezeichneten den Polizeieinsatz als "chaotisch". Wie die Zeitung "Daily Mirror" berichtete, hatten die Polizeibeamten die Anweisung, den 27jährigen Elektriker de Menezes lebend zu fassen. Nach Berichten von "Times" und "Guardian" versuchte Polizeichef Blair, die Untersuchung des Falls zu stoppen. Blair wies dies gestern zurück.
Anwältin Harriet Wistrich bezeichnete Ian Blairs Erklärung kurz nach den von der Polizei als Anti-Terror-Einsatz dargestellten Todesschüssen als Lüge. "Niemand ist eingeschritten, um die Lügen zu korrigieren", sagte Wistrich. Nach einem Treffen mit der unabhängigen Untersuchungskommission der Polizei (IPCC) äußerte sich die Anwältin im Rundfunk "skeptisch" über die Chancen einer "völlig unabhängigen, gründlichen und transparenten" Arbeit des Gremiums. Zuvor hatte Anwalt Gareth Peirce die Umstände des Einsatzes, der am Morgen des 22. Juli zur Tötung de Menezes' geführt hatten, als "großes Durcheinander" kritisiert.
Nick Harvery von den oppositionellen Liberalen im Unterhaus legte Polizeichef Blair nahe, "Reue" zu zeigen und sich öffentlich zu dem aus dem Ruder gelaufenen Einsatz zu äußern. Ansonsten werde er "untragbar".
Das wachsende Mißtrauen der Öffentlichkeit gegen die Polizeiversion wurde durch mehrere Presseberichte weiter genährt. Laut "Daily Mirror" hatten die mit der Beschattung von de Menezes beauftragten Beamten von ihrer Einsatzleiterin Cressida Dick Anweisung bekommen, den Mann noch vor Betreten des U-Bahnhofs Stockwell zu ergreifen. Definitiv habe sie niemanden angewiesen, de Menezes zu erschießen, sagte ein Vertreter von Scotland Yard.
Den Beamten gelang es jedoch nicht, den Brasilianer zu ergreifen. Ob sie die Zeit hatten, das mit Schußwaffen ausgerüstete Sonderkommando in der U-Bahnstation über Dicks Anordnung zu informieren, sei Gegenstand der Ermittlungen der Untersuchungskommission, berichtete der "Daily Mirror". Scotland Yard zufolge hingen Leben oder Tod möglicherweise von "fünf Sekunden" ab. De Menezes wurde einen Tag nach der zweiten Bombenserie in London durch gezielte Kopfschüsse getötet. Er war ins Visier der Fahnder geraten, weil er in einem Haus im südlichen Tulse Hill wohnte, in dem sich laut Polizei auch zwei der Attentäter vom 21. Juli aufhielten.
Um kurz nach halb zehn verließ Jean Charles de Menezes das Haus. Der wachende Polizist war sich nicht sicher, ob es sich um den Verdächtigen handelte, und ordnete an, daß man sich diesen Mann doch genauer ansehen solle. Weitere Polizisten nahmen die Verfolgung auf und gaben zu Protokoll, daß der Mann in einen Bus gestiegen sei, diesen um 9.47 Uhr verlassen und einen neuen Bus bestiegen habe. Um kurz nach zehn habe er die Stockwell Station erreicht.
Bereits am Mittwoch veröffentlichte Fotos und Zeugenaussagen hatten die Version der Polizei in Mißkredit gebracht, wonach sich de Menezes durch winterliche Kleidung und Überspringen der Eingangssperre zur U-Bahn verdächtig gemacht habe. Der Fernsehsender ITV veröffentlichte Fotos und Videoaufnahmen, die zeigten, daß der 27Jährige eine leichte Jeansjacke trug, den U-Bahnhof langsamen Schrittes betrat noch eine Gratiszeitung mitnahm. Zu dieser Zeit war die Polizei bereits der Meinung, daß sie einen Terroristen verfolgt. Nach seinem Er erreichte die U-Bahn und setzte sich. Neben ihm nahmen Polizisten Platz. Der Brasilianer habe sich erhoben, wurde überwältigt. Danach seien acht Schüsse gefallen. AFP/ip























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