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"Ohne Berlin mag ich nicht mehr sein"

Unser Autor Bernd Philipp im Gespräch mit Nico Hofmann Für einen wie ihn finden die Gazetten griffige Bezeichnungen.

Mit Filmproduzent Nico Hofmann unterwegs am Savignyplatz
Mit Filmproduzent Nico Hofmann unterwegs am Savignyplatz

Für einen wie ihn finden die Gazetten griffige Bezeichnungen. Mal ist er "Der Ganz-oben-Mann", mal "Der Unterwegsmensch" - und zuweilen auch der "Herr der Katastrophen". Wie, bitte, muss man sich so einen Master of Desaster vorstellen? Furcht erregend? Blutrünstig? Verschlagen-hinterhältig? Als Inkarnation des Bösen?

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Treffen mit Nico Hofmann im Charlottenburger Kiez am Savignyplatz. Die Angst weicht schnell. Hier steht ein Mensch - freundlich, bescheiden, ausgestattet mit der Gelassenheit eines erfolgreichen Mannes. "Wundern Sie sich nicht", hatte eine enge Mitarbeiterin von ihm mich telefonisch noch gewarnt, "der Chef ist heute nicht gut drauf..."

Der Chef wirkt in der Tat etwas nachdenklich. Erst zwei Stunden zuvor hatte er die Einschaltquoten für den Serienstart von "Verliebt in Clara" vom Donnerstagabend gesehen. "Ich kann nicht leugnen", sagt er, "dass wir alle sehr enttäuscht sind." Verständlich: Das hauptstadtfrische Berlin-Epos um die leicht nymphomanisch veranlagte Journalistin Clara - wunderbar kess und süß dargestellt von Hofmanns Neuentdeckung Julia-Maria Köhler - war von der Presse gepriesen und empfohlen worden. Da hatte alles gut gepasst, alle hatten gut mitgespielt. Nur die Zuschauer nicht. Die guckten "CSI: Den Tätern auf der Spur" auf RTL oder zogen sich lieber das vom Ersten verabreichte "Star-Quiz mit Jörg Pilawa" rein. Eine völlig neue Erfahrung für Hofmann. "Wir haben in den vergangenen Jahren rund 120 Produktionen gemacht, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt", sagt er voller Unverständnis und auch etwas trotzig. In Sachen Einschaltquoten schwimmt er sonst immer auf Welle Wahnsinn. Und eher begegnet man einem singenden Kamel als einem Nico Hofmann, der über Quoten grübelt.

Geschlafen hat er letzte Nacht auch nicht gut. Der Sturm peitschte gegen die Fenster seines Penthouses in der Bleibtreustraße, und im Halbschlaf wird er vielleicht an seinen TV-Zweiteiler "Tornado - Der Zorn des Himmels" gedacht haben, in dem ein Tornado unseren Fernsehturm zerfetzte.

Wir gehen zum S-Bahnhof Savignyplatz und laufen die S-Bahn-Bögen entlang. "Ich laufe von zu Hause aus nur ein paar Minuten bis ins Büro in der Mommsenstraße", erzählt er, "ich brauche kein Auto. Ich habe auch keins, weil ich nie meinen Führerschein gemacht habe."

Aus Trotz den Führerschein verweigert

"Was?" sage ich, "bei Ihnen hätte ich einen Jaguar als Zweitwagen erwartet..."

Hofmann lächelt milde, halt so, wie es an diesem verdammten Tag möglich ist. "Dass ich nie den Führerschein gemacht habe, war damals eine Art Trotzreaktion. Mein Vater wollte unbedingt, dass ich die Fahrerlaubnis mache und dann zur Bundeswehr gehe. Konsequenterweise habe ich beides nicht gemacht." So ist er also Flaneur geblieben - und ein Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs. "Manchmal denke ich, dass ich den Führerschein doch mal machen sollte. Ohne Auto ist man doch stark eingeschränkt, vielleicht nicht in der Stadt, aber zum Beispiel bei Fahrten ins Umland von Berlin. Mein Problem: Ich bin ja selten ein paar Tage hintereinander hier. Ach, ich müsste noch kurz in mein Büro, dauert nicht lange..."

"Ja, gerne", sage ich, "Büros schau ich mir gerne an. Sie verraten ja eine ganze Menge über den, der darin arbeitet." - "Hoffentlich sind Sie bei mir nicht enttäuscht", meint er. Stimmt aber nicht: Vermutlich ist Hofmann weltweit der einzige Film- und TV-Produzent ohne PC auf dem Schreibtisch. "Ich habe Probleme mit der Technik, aber ich habe seit kurzem einen zu Hause...", erklärt er.

Dann entdecke ich in seinem Büro die "Gesammelten Werke" von Erich Fried. Der österreichische Büchner-Preisträger, von den 68-ern einst verehrt, obwohl er auch ihren Dogmatismus verurteilte, gehörte zu den großen Zeitkritikern des vergangenen Jahrhunderts und legte sich konsequent mit allen an. Seine Gedichte wurden vor einem Vierteljahrhundert aus bayerischen Schulbüchern entfernt. In Bayern haben kritische Geister einen schweren Stand.

Giftigste Streitereien seiner Eltern verfilmt

Wie kommt nun Fried zum Quotenmann? "Hängt zusammen mit meinem Elternhaus", erzählt Hofmann, "Meine Eltern waren beide Journalisten und gesellschaftlich stark engagiert. Meine Mutter arbeitete als Wirtschaftsredakteurin für die ,Frankfurter Allgemeine', mein Vater war politischer Korrespondent im Bonner Büro der ,Rheinpfalz'. Es herrschte bei uns ein weltoffenes, tolerantes Klima. Sonntags luden meine Eltern zu Salongesprächen, da kamen wichtige Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur zusammen. Mein Vater war und ist ein enger Freunde von Helmut Kohl, Milos Forman, der das ,Kuckucksnest' drehte, war bei uns, auch Wolf Donner oder Christof Zanussi. Da wurden sehr viele kontroverse Meinungen ausgetauscht."

"Da gab es schon früh eine Affinität zur Kunst und speziell zum Film?" frage ich.

"Kann man sagen. Als ich sechs Jahre alt war, bekam ich eine Super-8-Kamera geschenkt, verfilmte damit Lesebuchstoff im eigenen Garten. Später, bevor meine Eltern sich scheiden ließen, habe ich ihre giftigsten Streitereien, die zur Scheidung führten, von Freunden im Wohnzimmer nachstellen lassen und gefilmt. Das aber fanden Vater und Mutter nicht so komisch..."

Hofmann schmunzelt. Seine Eltern sind noch heute politisch interessiert und gesellschaftlich engagiert. "Ich finde es gut, dass beide im hohen Alter noch so aktiv sind", sagt der Jungfilmer von einst. Und er erinnert sich auch noch daran, dass er mit 15 oder 16 Jahren die Garage seiner Eltern zu einem Kino umfunktionierte, seinen Mitschülern gegen Eintritt richtig kommerzielle Filme vorführte, zum Beispiel "Spiel mir das Lied vom Tod", aber auch eigene Filme, etwa einen zum Thema Jugendarbeitslosigkeit. Das war Mitte der 70er-Jahre. "Als Kind war ich ansonsten recht unauffällig", erzählt er, "das Abi machte ich mit einem Schnitt von 2,6. Ich war übrigens der dienstälteste Klassensprecher meiner Schule, von der 7. bis zur 13. Klasse, viele Jahre davon auch Schulsprecher."

Marktführer bei historischen Stoffen

War halt ein früher Macher. Meister im Organisieren. Feiern, Sportfeste, Schulgottesdienste - ein Fall für Nico. Das Zusammenführen von Menschen, Voraussetzung für seinen Job heute, hat er früh praktiziert. Und ein kritischer Geist war er wohl auch schon früher. "Es war ja damals schon eine sehr politische Zeit - Stammheim, Baader-Meinhof und so. Von meinem Deutsch- und Geschichtslehrer wollte ich immer wissen, warum eigentlich das Dritte Reich im Unterricht so wenig vorkommt." Aber eine richtig befriedigende Antwort hat er wohl nicht bekommen.

Herrn Hofmanns Gespür für Geschichte ist dennoch in seinen Filmen präsent. Man denke nur an Filme wie "Stauffenberg", "Der Tunnel" (Ost-West-Fluchtthematik), "Nicht alle waren Mörder" (die Verfilmung von Michael Degens Memoiren), "Die Luftbrücke" und vor allem "Dresden". Den Film sahen 13 Millionen Zuschauer vor den Bildschirmen, jung und alt vereint beim Geschichtsunterricht im Wohnzimmer. "Dresden" wurde in 80 Länder verkauft, auch nach England. Der Produzent: "Der Film hat in vielen Familien zu generationsübergreifenden Diskussionen geführt. Ein Kritiker schrieb sogar, die reinigende Wirkung des Films sei eine Vorstufe zum entspannten Patriotismus der Fußball-WM gewesen. Meine Wirtin damals im ,Hotel Adler' in Asperg stand heulend am Frühstückstisch und hat mir erzählt, was der Film am Abend in ihrer Familie ausgelöst hat. Das sind Momente, die einen dann glücklich machen."

Bei der filmischen Umsetzung historischer Themen ist Hofmann Marktführer. Dabei steht vor allem Berlin im Zentrum seiner Pläne. "Berlin ist eben ein Mythos. Die Luftbrücke, die Mauer, der Kalte Krieg, die Maueröffnung, die Wiedervereinigung - diese Themen sind in aller Welt ein Begriff." Kein Wunder, dass Hofmanns Erzählungen, die demnächst ins Fernsehen kommen, vom Hauch der Geschichte umweht sind und in zwei Fällen auch einen Berlinbezug haben, und zwar in höchst ambivalenter Form. Demnächst beginnen mit hochkarätiger Besetzung die Dreharbeiten zu dem Film "Das Wunder von Berlin" über den Fall der Mauer. "Die Story basiert auf Erlebnisse eines NVA-Soldaten, der in der Nacht des Mauerfalls mit dem Gedanken konfrontiert war, dass er nach noch geltendem Befehl auf seine eigenen Leute schießen müsste."

Darsteller von Helmut Kohl gesucht

Im November lässt Hofmann die Geschichte filmisch zurückdrehen und die Mauer neu errichten. Szenarium: Die Kluft zwischen Arm und Reich in den neuen Bundesländern ist so groß, dass es zu einem Bürgerkrieg kommt und im Osten eine Republik namens "Neuland" entsteht. Eine Fiktion des Grauens. Ein Polit-Thriller vor dem Hintergrund steigender NPD-Erfolge im Osten. "Wir Fernsehleute müssen dazu übergehen, Stimmungen wahrzunehmen und auch provokante Themen aufgreifen", findet Hofmann.

"Ich selbst", so Hofmann empfinde die Einheit als ein großes Geschenk."

Einer, der seinen Beitrag zu Wiedervereinigung geleistet hat, steht im Mittelpunkt einer der nächsten Hofmann-Produktionen: Helmut Kohl. "Wir haben in Vorbereitung mit ihm das längste Interview gemacht, das er jemals gegeben hat. Nun suchen wir noch einen Darsteller, den die Rolle Helmut Kohls glaubhaft rüberbringen kann." Wird vermutlich ein sehr aufwendiges Casting werden. Warum guckt mich Hofmann eigentlich so komisch an?

Am 5. März schickt er erst einmal den Event-Zweiteiler "Flucht und Vertreibung" ins Rennen (ARD). Hauptrolle: Maria Furtwängler. Ende März folgt auf Sat.1 "Die Jagd nach dem Schatz von Troja" mit Heino Ferch in der Rolle von Heinrich Schliemann, ebenfalls in zwei Teilen...

Die Stadt ist Quelle seiner Inspiration

Ansonsten gilt: Berlin ist die Quelle seiner Inspiration. Seit 1990 wohnt Hofmann hier. Charlottenburg, Kreuzberg, Schöneberg. Immer in Wohngemeinschaften, vorzugsweise mit Leuten aus der Filmszene. "Ich war acht Jahre alt, als mir meine Mutter erstmals an der Bernauer Straße die Mauer zeigte. Sie war mit mir oft hier, ging mit mir auch in Ost-Berlin oft ins Theater. Da sah ich dann Ulrich Mühe oder auch Corinna Harfouch auf der Bühne - das sind noch heute nachhaltige Erlebnisse. Für mich stand immer fest, dass ich eines Tages in Berlin leben und arbeiten möchte. Auch als ich mein Volontariat beim ,Mannheimer Morgen' machte und später in München studierte. Ohne Berlin mag ich nicht mehr sein. Könnte sein, dass mich die Stadt nie wieder los wird."

"Sie wollten hier im Büro eigentlich nur was erledigen", erinnere ich ihn. "Hab ich schon", sagt er, "habe der Julia-Maria Köhler, die die Clara spielt, ein paar Zeilen des Trostes geschrieben und veranlasst, ihr einen schönen Blumenstrauß zu schicken. Die Sache mit den Quoten wird sie tief treffen, wie das gesamte junge Team, das ein Jahr wunderbar zusammengearbeitet hat. Aber wir geben so schnell nicht auf. Nach der zweiten Folge am nächsten Donnerstag kann alles wieder ganz anders aussehen."

Unten auf der Straße treffen uns die letzten Ausläufer des nächtlichen Sturms. Überall krachen Teile aus dem ohnehin morbiden Baumbestand. Wir kehren schnell in einen Imbiss ein. Hofmann hat ja als Student auch mal bei McDonald's gearbeitet. Jetzt sind wir sicher. Sonst müssten die Kollegen der Boulevardzeitungen titeln: "Starproduzent im Quotentief - vom Baum erschlagen."

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