05.01.08

Der neue Kennedy

Um 22 Uhr in Iowa, fünf Uhr morgens deutscher Zeit, trat der Sieger vor seine jubelnden Anhänger: Barack Obama, der 45 Jahre alte demokratische Senator aus Illinois.

Von Torsten Krauel
Er ist jung und kaum erfahren, aber ein Hoffnungsträger. Barack Obama feiert seinen glänzenden Sieg von Iowa mit seiner Frau Michelle und den Töchtern Malia (l.) und Sasha
Er ist jung und kaum erfahren, aber ein Hoffnungsträger. Barack Obama feiert seinen glänzenden Sieg von Iowa mit seiner Frau Michelle und den Töchtern Malia (l.) und Sasha

Des Moines - Um 22 Uhr in Iowa, fünf Uhr morgens deutscher Zeit, trat der Sieger vor seine jubelnden Anhänger: Barack Obama, der 45 Jahre alte demokratische Senator aus Illinois. "Sie behaupteten alle, dieser Tag würde nie kommen", rief er mit seiner akzentuierten Baritonstimme und meinte die Medien ebenso wie das Camp Clinton. "Sie sagten, wir griffen zu hoch, das Land sei zu polarisiert. Aber in dieser Januarnacht, in diesem geschichtlichen Moment, habt ihr vollbracht, was die Zyniker für ausgeschlossen hielten. Ihr habt gezeigt, was in fünf Tagen auch in New Hampshire möglich ist, und was Amerika in diesem neuen Jahr 2008 schaffen kann: Wir sind eine Nation, ein Volk, und die Zeit für den Wechsel in Amerika ist gekommen! Die Politik der Angst macht einer Politik der Hoffnung Platz!" Das zielte auf George W. Bush, aber gesiegt hat Obama zunächst über "Die Unvermeidliche" - Hillary Clinton.

Die Gründe dafür machen den dritten Platz Hillarys schmachvoll. Hillary verlor ihre Hoffnungsträger an Obama - die Jugend, die Frauen und die Parteiungebundenen.

Clintons Leute sind von Gestern

Für Clinton hatte der populäre frühere Gouverneur von Iowa, Tom Vilsack, ebenso geworben wie die wichtige Gewerkschaft des Öffentlichen Dienstes. Für Clinton warben die meisten Mandatsträger der Landespartei von Iowa. Es waren alles Leute über 50 oder 60. Es waren Leute von Gestern.

Barack Obama bekam fast sechzig Prozent der Stimmen junger Wähler unter 30, Clinton ganze elf. Für Obama votierte ein Drittel der Frauen insgesamt, die nahezu sechzig Prozent der Caucus-Teilnehmer stellten. Für ihn stimmte auch die Mehrzahl der registrierten Ungebundenen, die bei den Demokraten mitwählten. Das dürfen Parteiungebundene in Iowa tun. Es kam zwar nur ein Fünftel von ihnen. Doch deren Votum war deutlich. Unabhängige, auf die Clinton bei der nächsten Vorwahl in New Hampshire am Dienstag große Hoffnung setzt, sind für Obama empfänglich. In New Hampshire stellen sie ungefähr vierzig Prozent der Wählerschaft. Und Hillary hat keine Zeit mehr, ihre Botschaft grundsätzlich umzustellen. Sie hat mit Fotos von sich und Rentnerinnen geworben. Jetzt hängen ihr die Bilder an.

Bei der Urabstimmung in Iowa 2008 sind fast doppelt so viele Demokraten zum Caucus gekommen wie 2004. Sie votierten, so scheint es nun, gegen die Kandidatin von Gestern, Hillary Clinton, zugunsten des Kandidaten der Zukunft, Barack Obama. "Wollt ihr sie wirklich zurückhaben?", fragte kürzlich mit Blick auf Clinton die Wahlkampfmanagerin Al Gores aus dem Jahr 2000. In Iowa hat die Basis der Demokratischen Partei geantwortet: Nein.

Das zeichnete sich schon früh am Wahlabend im Stimmbezirk Clive im Nordwesten der Landeshauptstadt Des Moines ab. In einer Turnhalle versammelten sich die Demokraten getrennt nach Kandidaten, um gezählt zu werden. Hillarys Anhänger hatten in ihrer Ecke einen Tisch mit Brötchen aufgebaut und ein Video laufen, auf dem die Kandidatin mit überwiegend Betagten zu sehen war. Sie warb mit Geld und Anspruch, das Obama-Camp in der anderen Ecke mit Plastikstühlen und dem Image des ärmlichen Möchtegerns.

Obama siegt in einem Staat der Weißen

Dann aber rückten die Wähler in Masse an, und Obamas Ecke füllte sich. Immer neue Stühle mussten her, es gab plötzlich bunte Obama-Kekse, und als die Zählung mit viel Hallo über die Bühne gegangen war, da hatte Obama 122 Anhänger und Hillary nur 75. Zwei smarte junge Obama-Aktivisten mailten das Resultat von einem Laptop ins Obama-Quartier und rissen ihre Handys aus der Jacke. Die meist grauhaarigen Aktivisten in der Clinton-Ecke blickten hingegen wie vom Donner gerührt, so wie es auch Bill Clinton bei Hillarys Dankesrede tat. Das Ehepaar Clinton hatte Iowa nach einigem Zögern zu einem Prüfstein der Attraktivität Hillarys im ländlichen Mittleren Westen erklärt - mit dem unausgesprochenen Anspruch auf den ersten Platz. Die Strategie ging nicht auf. Clinton wurde vom Neuling Obama und vom Linkspopulisten John Edwards auf den dritten Platz verwiesen. Ihre Abwahl durch die Jugend ist für Hillary, die doch für den Wandel stehen möchte, unangenehm. Aber ihr dritter Platz ist auch aus einem anderen Grund gefährlich.

Denn Obama hat nun bewiesen, dass er in einem nahezu rein weiß geprägten Bundesstaat siegen kann - und darauf warten viele Schwarze, die bislang unentschieden sind oder für Clinton votieren. Iowa hat 93 Prozent weiße und nur vier Prozent schwarze Wähler. Obama hat dort gesiegt und die unsichtbaren Schranken einer "schwarzen" oder "weißen" Kandidatur überwunden. Damit ist er wählbar geworden.

Diese Wählbarkeit war bislang das wichtigste Argument für Hillary Clinton. In Iowa hat sie es verloren. Das wird Folgen bei den nächsten Vorwahlen haben: im weiß geprägten New Hampshire am Dienstag, im schwarz geprägten Michigan am 15. Januar, im Latino-geprägten Nevada vier Tage später, und vor allem im schwarzen South Carolina am 26. Januar.

Auch John Edwards, der schon seit 2004 unablässig Iowa bereist hat und dort unbedingt Erster werden wollte, kam nur hinter Obama ins Ziel. Der zweite Platz ist ein Erfolg gegen Hillary, aber eine Niederlage gegen den smarten Obama, der Edwards in Iowa die Wählerinnen wegnahm. Von den abgeschlagenen Bewerbern stiegen die Senatoren Joe Biden und Christopher Dodd noch am Wahlabend aus dem Rennen aus.

Der neue Stern heißt Huckabee

Bei den Republikanern ist die Lage unübersichtlicher. Der einstige Baptistenpfarrer Mike Huckabee hat Grund zur Freude: Er gewann in Iowa nicht nur wegen christlicher Konservativer, sondern - Obama folgend - auch mit Hilfe der Frauen. Evangelikale stellen in Iowa fast zwei Drittel der Republikaner, und so machten sich Anhänger von Huckabees Rivalen Mitt Romney auf dessen bunter Abschlussparty in Des Moines Mut: Dienstag in New Hampshire schlagen wir zurück. In der Tat hat Romney, ein sehr betuchter Finanzmann, unter weltlichen Republikanern einen Vorsprung von zwanzig Prozent.

Doch Huckabee ist nun ein neuer Stern am Republikanerhimmel, und die Republikaner suchen nach einem Retter. Huckabees Strategie ruht darauf, sowohl bibelfest als auch unhistorisch alltagsnah zu wirken - oder, wie er am letzten Tag des Iowa-Vorwahlkampfs sagte: "Lieber so aussehen wie der Arbeitskollege als wie derjenige, der ihn feuert." Mitt Romney sieht aus wie der Banker, der er lange war, obwohl dem Multimillionär Rausschmiss-Mentalität nicht nachgesagt wird.

Vor zweitausend Anhängern sagte Huckabee, er habe nie geglaubt, je einen anderen Staat so gern zu haben wie seine Heimat Arkansas, "aber heute liebe ich Iowa!" Nun wird er in New Hampshire die Bibel etwas in den Hintergrund rücken und stattdessen zum Beispiel sagen, was er schon öfter nebenbei geäußert hat: "Ein Land, das in der Schule den Musik- und Kunstunterricht vernachlässigt, gibt sich selber auf." Solche Sätze kommen ihm genauso leicht über die Lippen wie die Drohung, persönlich die UN in den East River zu kippen, sollten die Vereinten Nationen das Recht der Amerikaner auf Waffenbesitz beschneiden.

"Auf nach New Hampshire!", begann Hillary Clinton um halb zehn Uhr abends ihre Dankesrede. Dort, im Nordosten der USA, im Nachbarstaat von Clintons Heimat New York, muss sie gewinnen, sonst wird es ernst für sie. Dasselbe gilt für Mitt Romney aus dem weiteren Nachbarstaat Massachusetts. Zwar folgt der Superdienstag am 5. Februar, an dem Großstaaten wie Kalifornien und eben New York wählen. In diesen Staaten liegt Clinton weit vor Obama. Aber der Umfrage-Absturz des monatelangen Spitzenrenners Rudy Giuliani bei den Republikanern zeigt, dass das Auftauchen eines glaubhaften Rivalen die Lage nachhaltig ändern kann. Giuliani kam gar nicht erst nach Iowa und landete dort mit drei Prozent unter "ferner liefen". Auch Senator John McCain, in Iowa auf dem vierten Platz, setzt ganz auf New Hampshire, wo seine Werte anziehen.

Die Sieger von Iowa sind nicht immer Präsidentschaftskandidat geworden. Nur vier der neun Caucus-Ersten zwischen 1972 bis 2004 schafften das. Insoweit ist Hillary Clintons Durchhaltewille zu Recht ungebrochen. Die Umfragen für die Demokraten in New Hampshire sind uneinheitlich. In manchen liegt Hillary zehn Prozent vor Obama, in anderen gleichauf. "Ich stehe gestiefelt und geschnürt, auf zum nächsten Wettbewerb!", sagte Clinton in Des Moines. Die Rekordbeteiligung am Caucus habe gezeigt, dass Amerika reif für einen Demokraten im Weißen Haus sei. Es fragt sich nur, welchen. Ich natürlich!, sagt Hillary. 1992 kam Ehemann Bill in Iowa ebenfalls als dritter durchs Ziel und wurde trotzdem Präsident.

Die Demokraten haben mit Barack Obama nun freilich einen neuen Kennedy, gegen den Hillary Clinton die Rolle Richard Nixons 1960 übernehmen muss - alt gegen jung, Erfahrung gegen Greenhorn. Bei den Republikanern wiederum ist nun womöglich ein konservativer Bill Clinton aufgetaucht, mit Kaminfeuerstimme und einen sehr gelassenen Hundeblick. Gegen Obamas historisch aufgeladene, angestrengte "Wir machen Geschichte!"-Miene kann das wichtig werden. Die Demokraten sind enorm motiviert, zu Huckabee soll es ein dickes Dossier geben. Aber Barack Obama versprach in seiner Dankesrede in Des Moines nicht umsonst auch einen harten Kampf gegen den Terrorismus. Schwarz zu sein ist kein Grund mehr zu verlieren. Doch als Parzival zu gelten - das darf ihm nicht passieren. Nicht jetzt, wo er in den weißen winterlichen Weiten Iowas plötzlich das Weiße Haus am Horizont schimmern sieht.

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