13.02.11

Gastbeitrag: Joachim Gauck

"Wir sind das Volk" auf ägyptisch

Was ist das nur? In weiter Ferne, nicht mehr Europa, schon Afrika, jenseits des Meeres und ... doch so nah. Es sind die Gesichter der Menschen, die mich, wie halb Europa, auf eine Zeitreise locken. Wir sehen sie: diese überschwängliche Freude bei den einen, ein stilles Lächeln bei den anderen.

Es ist, wir sehen es, eigentlich für sie alle nicht zu glauben, deshalb bekräftigen sie es so laut, schreien ihr Glück immer wieder heraus, wiederholen, was sie schon Hunderte Male gesagt haben, und finden ihre Würde wieder. Es ist unser "Wahnsinn" von 1989, unser Lebensgefühl von Aufbruch, Revolution und kollektivem Glück: Es ist Befreiung.

So heißt Freiheit, wenn sie jung ist. In den Befreiungstagen fragen sich viele nicht, ob denn sicher sei, was sie gerade feiern, ob die Soldaten, die sie jetzt umarmen, auch künftig ihre Brüder sein werden, ob die alle verbindende Freude, frei zu sein von Diktatur, später eine alle verbindende Ordnungsidee hervorbringen wird. Sie sind glücklich, weil sie sich befreit haben. Das kennt der Osten Europas von 1989. Wer das miterlebt hat, weiß, wie unendlich schwer es ist, die lange herrschende Angst in sich selbst zu überwinden. Weiß auch, wie viel geschehen muss, dass aus der Normalität von Angst und Anpassung das ermächtigende "Wir sind das Volk" wird. Aber auch emotional hat eben alles "seine Zeit". Es ist ein Seelenzustand, der herrscht, wenn Ketten fallen: Euphorie, Glückshormone, leuchtende Augen, Lachen und Weinen gemischt - irrational manchmal, aber überwältigend. Und ein anderer wird später kommen. Wir kennen das. Aus dem leuchtenden 1989 werden die mühsamen 90er-Jahre.

Verantwortung, so ist der Name der Freiheit, wenn sie erwachsen wird. Es ist gleichzeitig die Tugend wie das Glück des Bürgers. Aber während das Glück der Befreiung unmittelbar und überwältigend über uns kommt, will die Freiheit in der Form der Verantwortung mühsam gewahrt, gelernt und immer neu gestaltet sein. Dabei verzagen viele, resignieren und sehnen sich häufig sogar zurück nach den "Fleischtöpfen" der Pharaonengesellschaft. Aber wir wissen eben auch, dass der Bürger nicht nur ein Wunschbild, sondern überzeugende Wirklichkeit sein kann, dass Demokratie möglich ist, weil sie wirklich ist. Und dass Glück möglich ist - auch in den Ebenen der Mühen und Konflikte. Nur wird uns das Glück der freiheitlichen Demokratie nie so überwältigen wie das der Befreiung. Wir erleben es manchmal nur in der Rückschau auf ein Stück gelebten Lebens: Ach, sieh da, gelungene Freiheit - wie schön! Allerdings verdeckt der Alltagsfrust oft sogar diese uns allen mögliche stille Freude erwachsender Demokraten. Das ist schade, denn ohne Freude (und Dankbarkeit) werden wir uns unserer Werte weniger sicher sein.

Ach Europa! Warum freust du dich so gedämpft, sorgst dich mehr um Ordnung und Sicherheit? Sind deine Freiheitskämpfe, Freiheitssiege schon so vergessen, dass du nur Sorgen kennst, statt teilzuhaben an der großen Freude? Könnte man sich nicht wenigstens jetzt intensiv freuen über die Befreiung? Auch wenn man weiß, dass bald die Last der Freiheit folgen wird? Natürlich entstehen auch Ängste angesichts einer politischen Umbruchsituation. Mancher Politiker und mancher Journalist fragt sich besorgt, ob denn ein Zusammenbruch des autoritären Systems nicht die ganze Region destabilisieren würde. Die große Sorge der US-Amerikaner und Europäer, ob die Sicherheit Israels auch ohne Mubarak gewahrt bleiben könne, ist durchaus verständlich. Sodann könnte ein revolutionärer Umbruch im arabischen Raum ja auch eine islamistisch oder theokratisch geprägte Gesellschaftsform hervorbringen. Mit welcher Hoffnung, welchem Elan waren zudem einst junge Iraner aktiv, als dort ein altes Regime durch eine revolutionäre Bewegung gestürzt wurde? Aber dann war es eben nicht unsere Demokratie, die folgte, und heute warten die Söhne und Töchter der revolutionären Vorgängergeneration dort auf eben die Bürger- und Menschenrechte, die ihnen ihre autokratische Elite verweigert. Sie haben ja vor nicht allzu langer Zeit dafür gekämpft, haben etwas gewagt, Leib und Leben riskiert für eine offene demokratische Gesellschaft. Aber die hochgerüstete Polizei- und Militärmacht, verbunden mit Bevölkerungsgruppen, die als Funktionseliten oder Begünstigte des Systems etwas zu verlieren hatten, sie denunzierten und bekämpften den Freiheitswillen und die Absichten der mutigen Bewegung der demokratiehungrigen Bürger. Diese Kräfte verstehen sich auf das Plattmachen von Bürgerbewegungen. Sie geben es nicht zu, aber sie haben ein geheimes Leitbild: In einer Krise müsse man so handeln, dass ein Tiananmen-Platz nicht Gründungsort einer neuen Gesellschaft wird, sondern ein übersichtlicher, von unordentlichem Menschenvolk gereinigter Raum. Auf diesem kann dann bei Bedarf die Macht ihre Feste wie die Exzesse ihrer Überlegenheit begehen.

Natürlich können solche Erinnerungen eine Summe von Besorgnissen hervorrufen. Aber diese Besorgnisse können nicht alles sein. Denn es gibt einen ganz großartigen Grund zur Freude. Jene Wiederentdeckung einer einfachen politischen Wahrheit: dass unsere Werte, die oft verdächtigten, eben nicht nur eine Maskierung westlicher Dominanz und Herrschaftsabsichten sind - anders als mancher Chinaversteher aus der Wirtschaft, mancher unserer gesellschaftskritischen Intellektuellen oder unserer pragmatischen Appeasementpolitiker von einst und jetzt es oft behaupten, verstehen die Unterdrückten in allen Kulturkreisen das, was durch die Bürger- und Menschenrechte politikmächtig wurde. Die Potentaten der vormodernen und gegenmodernen Gesellschaftsordnungen mögen behaupten, sie hätten eine eigene politische Kultur. Die Unterdrückten aller Erdteile aber wissen und fordern das eine, was in den kodifizierten Menschen- und Bürgerrechten eben auch für sie bereitsteht. Mag sein, dass in manchen Regionen Übergangsformen zur Demokratie das Gebotene sind. Mag sein, dass eine solche "gelenkte" oder begrenzte Form von Demokratie das weniger Schlechte ist, das Demokraten dann auch erkennen und anerkennen müssen.

Aber jetzt begrüßen wir einfach die leuchtenden Augen der Ägypter und aller, die in dieser Region "das Volk" sind. Sie werden eigene Wege gehen müssen und eigene Probleme zu bewältigen haben. Wenn sie es wollen, können Europäer und Amerikaner dabei helfen. Vielleicht werden sie noch lange und entbehrungsreiche Wege gehen müssen, wie die Osteuropäer, bevor sie in Europa ankamen. Aber sie sind unterwegs zu uns. Freude!

Der Publizist war zu DDR-Zeiten evangelischer Pastor und wurde erster Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde. Seine Nominierung und Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten löste eine breite Zustimmungswelle in Bevölkerung und Medien aus.

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