11.10.12

Weltraumsprung

Rekordversuch vorerst geplatzt

Der Österreicher Felix Baumgartner wollte im freien Fall die Schallmauer durchbrechen

Von Ulli Kulke

Der größte Gegner war der Wind: Der ursprünglich für gestern 14 Uhr geplante Start der Kapsel mit Felix Baumgartner an Bord musste zweimal verschoben werden. Dann wurde der Start des Heliumballons von dem aus der Österreicher Felix Baumgartner sich 36 Kilometer im freien Fall in die Tiefe stürzen wollte, endgültig abgesagt. Der nächste versuch kann wohl erst am Donnertag gestartet werden. Die letzten Vorbereitungen am Montag in Roswell im US-Bundesstaat New Mexiko sahen leichtes Training, Schlaf und viel Ruhe vor.

Drei Stunden etwa braucht er für den Hinweg, eine knappe Marathonstrecke, in der Geschwindigkeit eines trainierten Dauerläufers. Zurück geht es dann in gut fünf Minuten, die Dauer einer Achterbahnfahrt, aber schnell wie ein Überschallflugzeug. In einem Heliumballon wollte sich der 43 Jahre alte Österreicher Felix Baumgartner von seinem Startplatz nahe Roswell im US-Bundesstaat New Mexico auf die Höhe von 36.500 Meter begeben, um sich von dort auf die Erde zu stürzen. Damit will der Extremsportler einen neuen Weltrekord im freien Fall eines Menschen aufstellen, und sich auf den letzten eineinhalb Kilometern von einem Fallschirm auf Landegeschwindigkeit abbremsen lassen. Eine Art Raumanzug soll ihn schützen vor den lebensfeindlichen Bedingungen – kein atmosphärischer Druck, dafür hohe UV- und andere Strahlung.

Die Schallmauer durchbrechen

Die mehrfach angekündigte Aktion wird bisweilen als "Weltraumsprung" bezeichnet. Die Grenze des Alls aber wird Baumgartner nicht einmal zur Hälfte erreichen, die befindet sich nach verschiedenen Definitionen in einer Höhe zwischen 80 und 100 Kilometer. Ein Ausstieg aus dem "echten" Weltraum würde dem "Stratonauten" auch wenig nützen bei seinem Rekordversuch. Viel zu viel Zeit würde er bei allzu geringer Anziehungskraft verplempern, bevor er weiter unten von der Erde auf die angestrebte Geschwindigkeit – etwa 1100 Stundenkilometer – gezogen wird.

Erreicht er sie tatsächlich, wäre er auch der erste Mensch, der die Schallmauer durchbricht, ohne in einem Fahrzeug oder Flugzeug zu sitzen – und demgemäß auch ohne allzu viel Schall zu verursachen. Der erste stille Durchbruch gewissermaßen. Die Geschwindigkeit muss er jedenfalls im oberen Bereich gewinnen, ab etwa 15 Kilometer abwärts wird der Sturz bereits wieder gebremst durch den dort dichter werdenden Luftwiderstand. Der verhindert es denn auch stets, dass ein Fallschirmspringer aus der Höhe eines Interkontinentaljets – etwa 11.500 Meter – auch nur annähernd an Baumgartners Geschwindigkeit herankommt. 52 Jahre alt ist der bisherige Höhen- und Geschwindigkeitsrekord eines im Ballon aufgestiegenen Fallschirmspringers. Der Amerikaner Joseph Kittinger war im August 1960 auf immerhin 31.333 Meter aufgestiegen, und hatte im Sturzflug knapp 900 Stundenkilometer erreicht. Heute gehört der 84-Jährige als Berater zum Team des Österreichers. Sein Sprung von 1960 zeigt: Technisch war das Abenteuer grundsätzlich auch damals bereits möglich. Die Probleme und Gefahren, denen der Springer in der extremen Höhe ausgesetzt ist, gleichen denen der Astronauten bei ihrem Weltraumspaziergang.

Fünf Jahre Vorbereitung

Der Druckanzug muss ihn abschirmen und darf beim Ausstieg nicht beschädigt werden, ansonsten würde das Blut in Wallung geraten. Außerdem atmete er in dieser Zeit reinen Sauerstoff ein, um den Stickstoff aus dem Blut zu bekommen. 30 Minuten vor dem Abflug wurde er in seine Kapsel geschnallt und wartet den Countdown ab. Für seine Sauerstoffversorgung führte Baumgartner auf seinem Rücken Flaschen mit sich. Auf eines hatte der Rekordbrecher gestern besonders achten müssen: Keine blähende Nahrung zu sich nehmen. Sie könnte beim Sprung aus der Stratosphäre gefährlich werden. "Wegen der Druckverhältnisse". Den Absprung muss er möglichst geradlinig hinlegen, um nicht ins Trudeln zu geraten, was er wegen des niedrigen Luftdrucks nur schwer ausbügeln könnte. Würde er ins Koma fallen, stünde ein automatischer Bremsfallschirm bereit – der allerdings auch erst weiter unten seine Steuerungskraft entfalten könnte. Zwei Sprünge aus über 20.000 Höhe hat der Österreicher in diesem Jahr bereits zum Training absolviert – beide Male ohne Probleme. Wäre bei dem halsbrecherischen Versuch trotz der fünf Jahre langen Vorbereitung etwas schief gegangen, hätte ihm medizinische Versorgung sofort bereit gestanden. Während der gesamten Mission hatte Baumgartner sieben Ärzte zur Verfügung. Sowohl am Boden als auch in einem Helikopter in der Luft. Die umliegenden Krankenhäuser waren außerdem über den Sprung informiert und hatten Druckkammern, die mit der Behandlung von Dekompressionskrankheiten vertraut sind, für Baumgartner vorbereitet.

Von Erblindung bis Genickbruch

Der Sprung wird als Werbeaktion von einem Getränkehersteller gesponsert. Springer und Sponsor machen geltend, er könnte dazu beitragen, die Sicherheit bei Reisen ins All zu verbessern, gar die Möglichkeiten bei Notabsprüngen aus einer Raumstation austesten. Wie ernst dies gemeint ist, mag dahingestellt sein.

Wer, weil er schneller zur Erde zurück will, einfach aussteigt aus einer Raumstation, die in 250 Kilometer Höhe mit 28.000 Stundenkilometer über der Erde kreist, der hat noch ganz andere Probleme mit der Geschwindigkeit. Da reicht kein Fallschirm, sondern nur ein sicherer Hitzeschild.

Mögliche lebensbedrohliche Folgen für Baumgärtner könnten Erblindung, Genickbruch, Blutgerinnsel oder Ohnmacht sein. Die Organisatoren kündigten deshalb mit Blick auf die Möglichkeit eines tragischen Ausgangs der Aktion an, dass die Übertragung mit 20 Sekunden Verzögerung erfolgen würde. Baumgartner hatte angekündigt, dass der Sprung aus der Stratosphäre auch sein letzter sein sollte.

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