Frühchen brauchen Muttermilch
Dienstag, 10. Juni 2008 05:30Die Bedeutung von Muttermilch für die Ernährung im ersten Lebenshalbjahr ist unumstritten. Muttermilch schützt vor Allergien und fördert Studien zufolge die Intelligenz und verringert das spätere Risiko für Übergewicht und Bluthochdruck. Vor allem Frühgeborene profitieren von der Ernährung mit Muttermilch. Ihr Verdauungssystem ist noch nicht reif und reagiert besonders empfindlich auf Fremdeiweiß. Muttermilch wird von ihnen besser vertragen, und spezielle Kohlehydrate sorgen dafür, daß die Darmflora mit bestimmten Keimen besiedelt wird, die die Immunabwehr steigern.
Doch nicht alle Mütter von "Frühchen" können selbst stillen. Sie produzieren entweder zu wenig Milch oder müssen Medikamente nehmen, die das Stillen verbieten. Auf 15 neonatologischen Stationen in den neuen Bundesländern können diese Säuglinge dennoch mit Muttermilch versorgt werden, denn dort gibt es sogenannte Frauenmilchbanken. Das Prinzip: Mütter, die selbst entbunden haben und genügend Milch produzieren, sammeln ihre Milch für Frühgeborene. Die Qualitätskontrolle der gespendeten Frauenmilch unterliegt ähnlich strengen Kriterien wie das Blutspenden. Das Blut der Spenderin wird auf HIV, Hepatitis B und C sowie Zytomegalie-Viren untersucht. Außerdem wird jede Milchspende auf Bakterien getestet, und die meisten Frauenmilchbanken pasteurisieren die Milch, was zusätzlich Keime abtötet. "Mir ist kein Fall bekannt, daß ein Empfängerkind durch Frauenmilch Schaden genommen hätte", sagt Dr. Skadi Springer, die mehr als 20 Jahre lang die Frauenmilchsammelstelle an der Universitätsklinik Leipzig geleitet hat.
Skepsis besteht vor allem in den alten Bundesländern, wo 1972 die letzte Frauenmilchbank geschlossen wurde. Doch als Relikt der DDR können Frauenmilchbanken nicht gesehen werden. Zahlreiche europäische Länder wie Skandinavien, Frankreich, England, Italien und auch die USA führen ebenfalls Frauenmilchbanken. Neben guter Verträglichkeit und der Versorgung mit bestimmten Abwehrstoffen und Hormonen, die industrielle Säuglingsnahrung in dieser Qualität nicht liefern kann, schützt Frauenmilch vor einer bei Frühgeborenen nicht seltenen Darmerkrankung, der Nekrotisierenden Enterocolitis (NEC). Sie führt zu einer Entzündung einzelner Darmabschnitte, die mit einem lebensbedrohlichen Durchbruch der Darmwand enden kann. Eine englische Studie von 1990 mit 926 Frühchen zeigte, daß die Ernährung mit Muttermilch das Risiko an NEC zu erkranken, um mehr als die Hälfte senkt. Auch wenn hierbei noch andere Faktoren eine Rolle spielen, zeigt die Praxis, daß NEC auf Frühgeborenenstationen, die Frauenmilch füttern, seltener ist oder harmloser verläuft.
"Wir haben nur extrem wenige NEC-Fälle im Jahr und die mußten bislang nicht ein einziges Mal operiert werden", berichtet Prof. Michael Radke vom Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam. Den Kritikern, die die Kosten von rund 60 Euro pro Liter Frauenmilch anführen, hält er die täglichen Kosten von mindestens 1000 Euro für die Versorgung eines Frühgeborenen auf der Intensivstation entgegen. "Jeder Tag, den sie früher entlassen werden können, rechnet sich", sagt Prof. Radke. Darüber hinaus "lohnt es sich natürlich sowieso für jedes Kind, bei dem eine NEC vermieden werden kann."
Ursula Stamm






















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