Der PC als Zeitmaschine
Dienstag, 10. Juni 2008 02:17 - Von Steffen HaubnerEs beginnt mit einem Steinzeitmenschen und endet mit einer Reise zu den Sternen. Zumindest, wenn der Spieler alles richtig macht.
Es beginnt mit einem Steinzeitmenschen und endet mit einer Reise zu den Sternen. Zumindest, wenn der Spieler alles richtig macht. Lässt er sich von Gegnern wie Dschingis Khan, George Washington oder Stalin den Schneid abkaufen, ist sein Volk selbst bald nur noch Geschichte.
Die Serie "Civilization" des legendären Spieldesigners Sid Meier ist der unverwüstliche Klassiker unter den Historienspielen. Aber hat die spannende Reise durch alle Epochen der Geschichte irgendetwas mit der Realität zu tun? "Bei "Civilization' kann man nicht im klassischen Sinne Geschichte lernen, wohl aber durch eigenes spielerisches Handeln ein Interesse gewinnen, die konkreten historischen Verläufe besser zu verstehen", schreibt der Kölner Sozialwissenschaftler Prof. Jürgen Fritz in seiner Untersuchung zu der erfolgreichen Strategie-Serie. Die Erkenntnisse, die der Spieler durch das Spiel erlangen könne, seien "Motivation zum politischen Lernen" und könnten helfen, sich historische Gegebenheiten und Prozesse zu erschließen.
"Für viele Spieler ist es höchst befriedigend", erklärt Prof. Fritz die Faszination des Spiels, "eine eigene (virtuelle) Zivilisation über viele Stunden hindurch zu entwickeln: sich auszubreiten, Fortschritte zu machen, Schlachten und Kriege zu gewinnen." Kriegerisch geht es in den meisten Geschichtsspielen zu. In Strategie-Epen wie "Age of Empires" oder "Medieval" dienen die historischen Fakten als Kulisse für Feldzüge und Schlachten, die je nach spielerischem Geschick auch ganz anders ausgehen können, als es in den Geschichtsbüchern steht.
"Eine seltsame Mischung aus Detailverliebtheit in Sachen Ausstattung, wie etwa Waffen und Kostümen, und gleichzeitiger Unbekümmertheit im Umgang mit anderen historischen Fakten", hat auch der Medientheoretiker Dr. Dieter Köhler ausgemacht. In einem Seminar an der Uni Karlsruhe sind er und seine Studenten der "Geschichte in Computerspielen" auf den Grund gegangen.
Die Realistik der Darstellung werde eben schnell geopfert, wenn es darum gehe, Spannung zu erzeugen. Aber das sei bei anderen Medien wie Filmen oder Romanen schließlich genauso. Den Erkenntniswert von Computerspielen mit historischem Hintergrund schätzt er als eher gering ein. Immerhin: "Trotz eines sehr deterministischen Geschichtsbildes sensibilisieren Spiele wie "Civilization' die Spieler für die Möglichkeiten, die in einer historischen Entwicklung begründet sind." Anders ausgedrückt: Es hätte alles auch anders kommen können, und der Spieler ist eingeladen, diese Erkenntnis spielerisch nachzuvollziehen.
"Der Reiz solcher Spiele liegt vor allem darin, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen", erklärt Jonas Wegener, der sich als Spieler und angehender Sozialpädagoge seit Jahren mit dem Thema befasst. Das vermittelte Geschichtsbild sei allerdings meist eher altbacken: "Alles wird an großen Persönlichkeiten festgemacht, der Alltagsmensch bleibt weitgehend außer Acht." Natürlich gehe es den Herstellern darum, Spannung zu erzeugen. Dennoch hält Wegener Computerspiele für ein hervorragendes Mittel, Geschichte lebendig zu vermitteln: "Kein Medium ist so geeignet, einem eine bestimmte Epoche am eigenen Leib nacherleben zu lassen."
Davon ist man auch an der Universität Koblenz-Landau überzeugt. Im Rahmen einer Forschungsreihe entsteht dort derzeit ein "Eduventure", das die historisch-politischen Hintergründe der Deutschen Revolution im Jahre 1848 beleuchtet. In der Rolle eines Diebes erlebt der Spieler "hautnah die Konflikte zwischen der deutschen Bevölkerung im Rheinland mit den preußischen Provinzherren". Grundlage ist die Software eines PC-Spiels, das eigentlich herzlich wenig mit Fakten, sondern mehr mit Drachen und Zauberern zu tun hat. Der Name des 2006 veröffentlichten Fantasy-Rollenspiels ist kaum eine Empfehlung für historisch interessierte Spieler: "Oblivion" - "Vergessen". Wohlmöglich war es genau dieser Titel, der die Initiatoren des Projekts herausforderte.
Internet http://histucation.wordpress.com/ http://www.eduventure.de/























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