Die Magie der schwarzen Scheiben
Dienstag, 10. Juni 2008 01:47 - Von Helge DenkerDer Plattenspieler stirbt nicht aus - im Gegenteil: Er erlebt eine Wiedergeburt. Nicht nur DJs schwören auf die schwarzen Scheiben.

Der Plattenspieler stirbt nicht aus - im Gegenteil: Er erlebt eine Wiedergeburt. Nicht nur DJs schwören auf die schwarzen Scheiben. Im letzten Jahr wurden über eine Million LPs verkauft.
Er läuft und läuft. 15 Jahre nach Einführung der Musik-CD werden wieder deutlich mehr Plattenspieler verkauft. 2006 doppelt so viele, wie drei Jahre zuvor.
Während andere analoge Medien wie Kassetten endgültig vom Markt verschwinden und die CD-Verkäufe bröckeln, legen Plattenspieler und LPs wieder mächtig zu. Mehr als eine Million schwarze Scheiben wurde im vergangenen Jahr in Deutschland verkauft. Selbst die neue Filiale, die Saturn im Europacenter am Tauentzien eröffnete, besitzt eine Plattenabteilung.
Und während der Gesamtumsatz mit Hi-Fi-Bausteinen in Deutschland seit Jahren stark sinkt, boomt das Geschäft mit den Plattenspielern - um rund 36 Prozent seit 2003. Wachsender Beliebtheit erfreuen sich die nostalgischen Apparate, schon stellt der Branchenverband Gäu "eine gewisse Rückbesinnung auf klassische Stereo-Komponenten" fest. 2007 soll der Plattenspieler-Absatz weiter steigen: um rund fünf Prozent auf 115 000 verkaufte Geräte, schätzt die Gäu.
Der Retrotrend um schwarzes Vinyl, Plattenteller und schräges Zubehör wie LP-Waschmaschinen, hat viel mit lieb gewonnenen Hörgewohnheiten und Technik-Nostalgie zu tun. Für viele Musikliebhaber gehören der langsam rotierende Plattenteller und das leise Knistern einer LP einfach zur Musik dazu. Sie schwärmen vom weichen, analogen Sound und lehnen den Klang einer CD oder einer MP3-Datei als "zu kalt" oder gar "datenreduziert" ab.
Die Liebe zu Nadel und LP treibt mitunter seltsame Blüten. So ist schon die richtige Aufstellung eines Plattenspielers eine Wissenschaft für sich. Und die Justierung eines Tonarmes eine fiese Fummelei, die schnell an die Arbeit eines Uhrmachers erinnert. Den Kampf gegen Trittschall, Rumpeln und Geschwindigkeitsschwankungen tritt der LP-Fan mit Dämpfungen, Entkopplungen, Marmorplatten und Gewichten auf dem Plattenteller an. Der Lohn von so viel Heimarbeit und Bastelei: der dezente Sex-Appeal einer drehenden Schallplatte, auf die sich langsam ein filigran gearbeiteter Tonarm senkt. Der Aufwand, der vor dem analogen Musikgenuss steht, ist im Vergleich zum MP3-Player oder CD-Player zwar enorm, tut der alten, neuen Liebe zur LP aber keinen Abbruch.
Der Faszination der Mechanik erliegen nicht nur ältere Musikfans mit vielen alten LP-Schätzen im Schrank, sondern auch junge Musikhörer - und natürlich DJs, deren neue Musik in Clubs und Lounges traditionell vom Plattenteller kommt.
Im Fachhandel sind heute mehr als einhundert verschiedene Plattenspieler-Modelle zu haben, darunter Dutzende von neuen Modellen. Dabei verbindet sich die alte Analogtechnik mit neuer PC-Technik, zum Beispiel beim Einsteigermodell Pro-Ject Debut III, der über einen Vorverstärker und einen USB-Anschluss verfügt. Mit ihm kann der Plattenspieler direkt an einen Computer angeschlossen werden, wo die Musik von Langspielplatte bearbeitet und dann gespeichert werden kann.
Auch die Traditionsmarke Dual, einst Inbegriff soliden Hi-Fi-Handwerks made in Germany, erlebt durch den Plattenboom neuen Auftrieb. Fünf Modelle, darunter den 455 1M in Klavierlack-Optik oder Nussbaum-Holz hat die Dual Phono GmbH von Alfred Fehrenbacher heute im Programm. Der Firmensitz ist, wie auch schon damals, St. Georgen im Schwarzwald.
Stark im Plattenspielerbau sind traditionell die Briten; viele Edel-Marken wie Linn, Thorens, SME und Rega stammen von der Insel. Traummodelle wie der Zet 1 oder Zet 3 von Transrotor sind nicht nur akustisch ein Genuss. Auch optisch machen die Player aus Acrylglas sehr viel mehr her, als ein schnöder CD-Player im Blechmantel oder ein MP3-Player im Billig-Feuerzeug-Look. So macht das Aufstehen und Umdrehen der schwarzen Scheiben mehr Spaß als Stress.























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