01.11.08

Hörbuch

Harry spricht mit doppelter Zunge

Kein schlechter Ort, um ein Geheimnis zu hüten, wenn auch nicht gerade Gringotts, die Zaubererbank. Die Patina ist einfach eine andere: eine staubige Theke unten; oben, im Tonstudio, ein abgetretener Perser.

Von Wieland Freund

Am Pult sitzen zwei junge Männer - ein Tontechniker und der Regisseur. Nur den Schauspieler hinter der milchigen Scheibe erkennt man kaum. Den Text allerdings, den er gerade aufnimmt, erkennt man umso leichter, handelt es sich doch um die zurzeit wohl berühmteste Geschichte der Welt. "Ich habe diesen Zauberstab Draco Malfoy mit Gewalt abgenommen", sagt Harry gerade, aber anders als gewohnt ist es nicht Rufus Beck, der hier Joanne K. Rowlings Superbestseller "Harry Potter" liest. In der spartanischen Sprecherkabine sitzt stattdessen der Schauspieler Felix von Manteuffel.

Manteuffel und Hörbuch-Regisseur Sven Stricker kommen seit sage und schreibe fünf Jahren in dieses schmucklose Münchner Tonstudio, um die Potter-Saga aufzunehmen: ein bis zwei Bände pro Jahr, alle 4346 Seiten - und alles streng geheim. Sogar beim produzierenden Münchner Hörverlag wussten jahrelang nur die Abteilungsleiter Bescheid, in der Buchhaltung wurde sicherheitshalber ein Großprojekt mit dem Namen "Musil" abgerechnet. Unglaublich, so Manteuffel, dass "die Eingeweihten wirklich die Schnauze gehalten" haben.

Geheimcode "Musil"

Die Geheimniskrämerei war sogar vertraglich vereinbart. Denn jede noch so kleine Nachricht aus dem Potterversum ist eine Schlagzeile wert und setzt Horden von Fans in Bewegung. Schon Rufus Beck hat die Potter-Bände inkognito eingelesen und war in einem anderen Münchner Tonstudio unter diversen Decknamen gebucht. "Wolfstanz" zum Beispiel stand in den Listen, als Beck Band Nummer vier einlas. Das war 2003, in dem Jahr, da Manteuffel mit Band eins begann. Wäre sein Engagement schon damals öffentlich geworden, der Hörverlag hätte sich unangenehme Fragen gefallen lassen müssen. Etwa die, ob er an Becks viel gerühmte Potter-Interpretation nicht mehr glaube.

Dazu kommt, dass es 2003 zwischen Beck und dem Hörverlag zeitweise zu Streitigkeiten kam und sogar Anwälte eingeschaltet wurden. Zufall, kommentiert der Hörverlag. Keinesfalls habe man damals einen Ersatz für Beck gesucht; stattdessen habe man für die Zukunft geplant. Schließlich beansprucht der Hörverlag nicht ganz zu Unrecht für sich, im deutschen Hörbuch-Markt "praktisch alles erfunden" zu haben. Dass man hier früher als anderswo begriffen hat, dass auf dem Hörbuch-Markt womöglich Platz für zwei Potter-Interpretationen ist, ist deshalb so abwegig nicht. Jedenfalls: Zweimal weit über 100 Potter-CDs - das gibt es bislang weder in Harrys britischer Heimat noch in Amerika. Doch die Situation in Deutschland ist schon deshalb unvergleichlich, weil Rufus Becks Lesung unvergleichlich ist. Als Potter-Interpret will Beck Kino fürs Ohr - er piepst und brummt und brüllt und spricht in hundert Zungen. Gegen Beck wirkt selbst Jim Dale, Harrys US-Interpret, der allein für Band fünf 134 verschiedene Stimmen bemühte, zurückhaltend - von Stephen Fry, der den britischen Potter liest, erst gar nicht zu reden. Mit anderen Worten: In Deutschland ist für eine gemessenere Potter-Lesung durchaus Platz und ganz besonders für eine, die, anders als die Becks, nicht vor allem die Kinder mitreißt. Mittlerweile sind 50 Prozent aller deutschen Potter-Leser erwachsen.

Felix von Manteuffel hat das alles allerdings nicht groß interessiert. Er lese "auch für Erwachsene und auch für junge Leute", sagt er. Becks Lesung kennt er nach eigener Aussage gar nicht, bei Frey habe er zwar reingehört, aber der mache es "schon ganz anders" als er. Konzeptionell allerdings gibt es eine gewisse Nähe: Manteuffel hat Thomas Mann, Heimito von Doderer, Elias Canetti und E.T.A. Hoffmann gesprochen und ist wie der Gelegenheits-Romancier Stephen Fry literaturaffin genug, um die Aura eines geschriebenen Textes nicht überbieten, sondern zelebrieren zu wollen: "Ich möchte jemanden in die Welt hineinziehen, in der ich mich befinde, wenn ich lese."

Manteuffel mag den Text, das kann man hören. Aber seine Verehrung ist nicht blind. Gegen Bestsellerlisten hegt er ein natürliches Misstrauen - als ihm der Hörverlag den Potter anbot, kannte er die Bücher nicht mal. Und auch jetzt hält er mit Kritik nicht hinter dem Berg. "In den ersten Bänden gibt es sprachliche Mängel", sagt er etwa. Und wenn es dauernd hieß: "Harry wirbelte herum", dann "mussten wir bei den Aufnahmen schon manchmal lachen".

Ob Potter ein Klassiker ist? Das könne erst die nächste Generation beurteilen, sagt Manteuffel. Auf seine Art arbeitet er aber mit daran, wenn er den Text zum zweiten Mal interpretiert. "Überlegen Sie mal, wie viele Inszenierungen es von 'Hamlet' gibt! Abertausende! Und alles wird immer wieder anders gemacht. So ist das hier auch zu verstehen." Die Entscheidung des Hörverlags schafft Platz für viele Gedankenspiele: Vielleicht gibt es irgendwann ja ein drittes Potter-Hörbuch? Gelesen von einer Frau?

Ab März ist die Neueinspielung lieferbar

An diesem Tag ist auf Seite 510 erst einmal Schluss. Erschöpft macht sich Manteuffel auf den Heimweg. Bis er den kompletten siebten Band und das finale "Alles war gut" eingelesen hat, wird es Weihnachten werden. Das fertige Hörbuch erscheint dann im März. Es wird das Beck'sche (das lieferbar bleibt) nicht ersetzen. 3,2 Millionen Mal hat sich Rufus Becks Potter verkauft und war damit so etwas wie der Ur-Erfolg des deutschen Hörbuchs. Beim Hörverlag ist man realistisch genug, von der Manteuffel-Fassung nicht um jeden Preis das Gleiche zu erwarten. Ganz bewusst geht man hier ein Risiko ein: Am Beispiel des erfolgreichsten Buches der Welt soll sich das Hörbuch als eigenständiges Medium beweisen.

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