19.09.08

Bühne

Spitzel auf Spitzen

Othello und Giselle sind tragische Figuren. Ihr Vertrauen wird missbraucht, Intrigen werden gegen sie gesponnen. Am Ende steht beider Tod. Die Schuld dafür kann man im Versagen moralischer Verantwortung suchen - oder im System, das solche Vertrauensbrüche ermöglicht. Nur wenigen Tänzern gelingt es, solch tragische Rollen auf großen Opernbühnen zu verkörpern. Jahrelang proben sie für diesen magischen Moment, sie lassen Kraft und Schweiß, Freiheit auch und emotionale Hingabe. Denn im Tanz wird alles gefordert, zu viel mitunter. Hinter dem Vorhang nämlich, in Probenräumen und Kantinen, auf Gastspielreisen und Premierenfeiern, leben Othello und Giselle weiter. Wenn es das System erlaubt.

Von Jeannette Neustadt

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Bürokratie und Einzelschicksal

Den Blick auf ein solches System lenkt der Tanzwissenschaftler Ralf Stabel mit seinem neuen Buch "IM Tänzer", das sich mit der Verstrickung von Staatsicherheit und Tanz in der DDR auseinandersetzt. Stabel legt mit dieser hervorragend recherchierten Studie nicht nur eine DDR-Tanzgeschichte aus neuer, längst fälliger Perspektive vor, sondern zeigt auch die menschlichen Einzelschicksale hinter den bürokratischen Vorgängen.

Der IM mit dem Decknamen "Othello" war der erste, der Stabels Forschergeist weckte. Warum der Tänzer der Staatsoper Berlin 1959 ausgerechnet diesen Decknamen wählte, bleibt ein Rätsel. Schließlich verlegte sich IM "Othello" auf die Rolle seines intriganten Gegenspielers Jago und informierte die Staatssicherheit regelmäßig über Fluchtpläne der Ballett-Kollegen, unter anderem über den der eigenen Ehefrau. Seine Spitzelberichte führten bis zur Inhaftierung von Tänzern unter dem Vorwurf der versuchten Republikflucht. Aber IM "Othello" war nur einer unter vielen. "Ich habe irgendwo in den großen Ameisenhaufen reingestochen und nach einem Schneeballprinzip ein immer größeres Netz freigelegt", erklärt Ralf Stabel. Aufgehört hat er, als ihm das Prinzip und die Zielsetzung der Überwachung vor Augen stand, die "Horrorvision einer vollständig kontrollierten Gesellschaft."

Mit ihren klassisch hervorragend ausgebildeten Tänzern konnte die DDR Devisen verdienen. Sie waren es, die den sozialistischen Idealen auf der Bühne eine ausdrucksstarke Form verliehen und sich als kulturelles Aushängeschild ohne Sprachbarrieren überall auf der Welt problemlos präsentieren ließen. Probleme gab es erst nach Gastspielreisen, wenn das ein oder andere Ensemblemitglied nicht wieder zurückkehrte. Den inoffiziellen Mitarbeitern ging es deshalb vor allem darum, die Republikflucht von Tänzern zu verhindern. Schon 1963 umfasste das Netz der künstlerischen Institutionen Ost-Berlins 30 Mitarbeiter auf allen Ebenen. IM "Hans Sachs" wirkte als Dramaturg der Staatsoper Berlin an der "Absicherung der Bereiche Intendanz und künstlerisches Potenzial".

Steffi Scherzer, die 1984 zur Primaballerina der Staatsoper avancierte, berichtet von einem ständigen Überwachungsgefühl. "Irgendwie war es schon komisch", sagt sie heute, "aber man hat sich an die Spitzel gewöhnt. Wir mussten ja damit umgehen." Wenn sie auf Tournee ging, "wurde die Zimmerbelegung immer so geordnet, dass Nicht-IMs mit IMs zusammen kamen - wegen der Beaufsichtigung." Tänzer ohne Familie sowie Homosexuelle strich man schon vorher von den Besetzungslisten. "Gerade in so einem Ensemble ist das Konkurrenzverhalten ziemlich stark", sagt Scherzer. Das zeigt auch die Geschichte von IM "Giselle". Die Tänzerin verpflichtete sich nach der Republikflucht ihres Ehemanns 1978 zur Mitarbeit. Darauf wurde sie wieder als Reisekader eingesetzt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte das Ministerium für Staatssicherheit schon damit begonnen, die Tanzschulen einer Überwachung zu unterziehen. IM "Weinert" lieferte detaillierte Informationen über Schüler und Kollegen der Staatlichen Ballettschule Berlin. Sogar während seines Zusatzstudiums in Leningrad bediente IM "Weinert" die Staatssicherheit mit Berichten über Personen jenseits des Eisernen Vorhangs. Auch die Palucca-Schule und ihre unbeugsame Gründerin wurden einer eingehenden Kontrolle unterzogen. IM "Tom" erhielt den Parteiauftrag, in die Tanzeinrichtung einzutreten und dort die "ideologisch-politische Ausrichtung" der Dozenten vorzunehmen. Von 1959 bis 1989 stellte der spätere Schuldirektor Rainer Walther die wertvollste Quelle in der Nähe Paluccas dar. Bis zu ihrem Tod 1993 behielt er sein Amt inne. "Vielleicht", so Stabel, "hat man sich gesagt, dass die Schule ihr Lebenswerk ist, und darauf Rücksicht genommen, dass dieses Lebenswerk nicht in die falschen Schlagzeilen gelangt."

Nach der Wende gingen Tänzer

Auch an der Staatsoper Berlin mied man diese Schlagzeilen und entließ ehemalige IMs. Nachdem das Haus unter der Intendanz von Georg Quander kurz nach der Wende eine Selbstüberprüfung bei der Gauck-Behörde beantragt hatte, mussten auch einige der Ballett-Tänzerinnen ihre Spitzenschuhe einpacken. "Dann ging immer ein Ruck durch das ganze Ensemble", erzählt die heutige Vize-Intendantin Christiane Theobald. "Die meisten waren völlig schockiert. Zum Teil waren das die besten Freunde." Dennoch machte das Ensemble die Vorfälle nie publik. "Die jungen Tänzer interessiert das überhaupt nicht", sagt Theobald. Ralf Stabel hat es nun vorgemacht. Auch wenn er sich mitunter in der trockenen Sprache der Akten verfängt, liefert er eine wichtige Grundlage zur Diskussion um die Verstrickungen, die auf keiner Bühne ihren Platz finden.

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