Archiv
Ein musikalischer Schatz in 300 Kisten
Samstag, 6. September 2008 02:22 - Von Jenni RothDer Schatz ist schier unermesslich und steckt in rund 300 Umzugskartons: Tausende Fotos, Tonbänder mit Originalaufnahmen, Bücher, Musikinstrumente, Videos, Kassetten und CDs - ein Teil stammt noch aus dem 19. Jahrhundert.
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Es herrscht Goldgräberstimmung in Berlin-Dahlem: Nach mehr als einem Jahrzehnt im Exil ist das Berliner Phonogramm-Archiv in seiner Heimat wieder vereint. Bis vor zwölf Jahren waren die Dokumente in den Händen des "Internationalen Instituts für traditionelle Musik e.V.", einer der weltweit bedeutendsten Institutionen für Tondokumente traditioneller Musik aus aller Welt, und finanziell unterfüttert von der Berliner Kulturverwaltung. Doch dann fuhr der Senat seine Zuschüsse auf Null herunter, und ohne das Geld konnte der Verein nicht überleben.
Eine Schande, denn des Institut habe die Musik als Kulturerbe der Stadt verkörpert, findet Johannes Theurer, Vorsitzender der Gesellschaft für traditionelle Musik. Einen "irren Aufschrei" habe es damals gegeben, der Streit wurde in den Feuilletons auch über Deutschlands Grenzen ausgeschlachtet. "Und das nur, weil man die halbe Million pro Jahr nicht zahlen wollte." Doch es nützte alles nichts. Das Geld war weg und sehr bald auch der damalige Institutsleiter Max-Peter Baumann. Er zog von Berlin an die Uni Bamberg - und nahm die Sammlung einfach mit. Zwei Jahre später gründete sich die Gesellschaft für traditionelle Musik mit dem Ziel, die Sammlung zurück nach Berlin zu holen.
Jetzt, nach zehn zähen Jahren der Lobbyarbeit ist sie endlich am Ziel, und das Archiv als Dauerleihgabe der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zurück an seinem Ursprungsort. Theurer kann kaum verstehen, dass das mehr als 100 Jahre alte "Prestige-Objekt" jahrelang auf taube Ohren gestoßen ist - undenkbar noch in der Zeit vor dem Fall der Mauer: "Da war man noch froh über alles, was einen Namen hatte." Knapp 30 000 knarzende Phonographen-Walzen aus der Zeit von 1900 bis 1945 gehören zum Archiv - und zum so genannten Weltdokumentenerbe. Und wo das Siegel der Unesco drauf steht, ist auch einiges drin: Tondokumente, die Forschungsreisende und Missionare einst sammelten und immer noch sammeln, Dokumente, die es erlauben, Musiktraditionen aus Afrika, Asien, Australien, Ozeanien und Europa zu vergleichen, und sich an jene wie aus Feuerland zu erinnern, die es heute so nicht mehr gibt.
Der Psychologe Carl Stumpf (1848-1936) hatte 1900 eine in der Stadt gastierende thailändische Musiktheater-Gruppe mit Hilfe des 1877 von Thomas A. Edison gegründeten Phonographen aufgezeichnet - der Startschuss für das Archiv und für die "Berliner Schule", die in die ganz Welt ausstrahlen sollte. "Das Fach Musikethnologie wurde überhaupt erst am Institut gegründet", erklärt Lars-Christian Koch, der heutige Chef des Archivs. Gründerpersönlichkeiten wie Erich Moritz von Hornborstel (1877-1935) seien in die USA ausgewandert und hätten dort die "Berliner Schule" etabliert. Stumpf hoffte, aus außereuropäischen Musikkulturen Erkenntnisse über das Wesen und die Entstehung von Musik ableiten zu können, denn im Zeitalter des Kolonialismus drangen erstmals exotische Klänge nach Europa. Bald begnügte man sich nicht mehr damit, durchreisende Musiker aufzunehmen, man nahm selbst jede Reisestrapaze auf sich, um den fremden Klängen auf die Spur zu kommen und sie vor Ort zu dokumentieren und aufzuzeichnen.
Mittlerweile werden die Aufnahmen in aller Welt gehört, Traditionsfirmen wie Rounder in den USA, aber ebenso europäische Labels, verdienten am historischen Bestand aus Berlin. 2324 Schellackplatten und die Wachswalzen, davon rund mit 16 000 Original-Aufnahmen, zählt das Archiv. Deren Klangqualität sei "hervorragend", versichert Theurer, ja, gar so gut, dass dabei "kommerziell noch etwas herausspringen" könne. Er denkt nicht nur daran, das Material in CD-Serien wieder zu verwerten. Wenn einst das Humboldt-Forum auf dem Schlossplatz steht, soll die Musik per Audioinstallationen auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Doch noch steht Arbeit bevor: 300 Kartons voller Dokumente wollen inventarisiert werden.





























