Thomas Brasch: Mitten am Tag eine Furcht
Montag, 2. Juni 2008 02:42Ich weiß nicht wovor
Über mir die gelbe Sonne
Vor mir das Kottbusser Tor
Hinter mir leises Rufen und Flüstern
Jeder Schritt wird mir schwer
Wer tut mir was Keiner ist hier
Aber alle sind hinter mir her
Dann ist es in der Straße still
Ich bin ausgedacht
Welches Feuer ich will
Habe ich angefacht
© Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main
Thomas Brasch (1945 - 2001) hatte eine ungewöhnliche Biografie. Er kam aus einem jüdischen Elternhaus, sein Vater, kommunistischer Emigrant, machte in der DDR eine steile Funktionärskarriere. Der Junge war für kurze Zeit Kadett der Nationalen Volksarmee, später saß er ein, da er gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings protestiert hatte. Er begann zu schreiben; 1976 reiste er mit seiner damaligen Gefährtin, der Schauspielerin Katharina Thalbach, nach Westberlin aus. Seine ersten Publikationen, Erzählungen, Lyrik und Dramen, wurden stark beachtet, er drehte Filme, er übersetzte Shakespeare. Später wurde es zunehmend stiller um ihn. Er war eine anarchische Natur mit deutlichem Hang zur Selbstzerstörung. Die Angst, von der sein Gedicht erzählt, ist zugleich namenlos und allumfassend, auch die Erinnerung an die Shoah klingt wohl darin nach. Kulisse ist das tiefste Kreuzberg. Sie scheint die angemessene Kulisse für Fremdes, für Befremdung, für Chaos und Angst. Braschs Tod kam sehr früh. Das Gedicht liest sich wie dessen Ankündigung.





























