11.09.04

Flüchtige Zwischenrufe

Von Gabriela Walde

Irgendwann platzte der Grafikschrank mit seinen zehn Schubladen aus allen Angeln. Kein Pergament war da mehr reinzukriegen. Zeit für den Ex-Galeristen Paul Maenz und seinen Kompagnon Gerd de Vries, die Blätter einmal zu sichten, die sich da in rund 30 Jahren Sammler- und Galeristentätigkeit gestapelt hatten. Ein kunterbunter Kosmos unterschiedlichster künstlerischer Handschriften kommt da zusammen: illustrierte Korrespondenzen, Fotografien, spontane, gefaxte Grüße für zwischendurch, "Guten Morgen", "Guten Abend" steht da drauf oder ein Danke "für Paul und Gerd", Mappen, Drucke, Plakate. Elaine Sturtevant in Beuys-Hose und -Hut, dem Schamanen-Künstler zum Verwechseln ähnlich, sendet einen beschwipsten Foto-Gruß mit schwungvollem "Merci Paul", offensichtlich war der gemeinsame Abend schön. Ausgefallen auch Keith Harings Liste für seine erste und legendäre Köln-Austellung im Jahr 1984. Aus New York hat er fein säuberlich seine flott skizzierten Bildermotive geschickt - in Briefmarkengröße. "Das ist unglaublich, so klein, aber jedes der Details stimmt da", erzählt Paul Maenz.

Hans Haacke wiederum faxte aus New York die Geburtsurkunde seines Sohnes Carl Samuel Selavy. Baby Boy wird zum Kunstwerk: "Collaboration Linda & Hans Haacke" verkündet ein blauer Stempelaufdruck. All diese Arbeiten gehören zu einem Konvolut mit etwa 250 Blättern, das Paul Maenz und Gerd de Vries jetzt dem Kupferstichkabinett als Schenkung übergeben haben. Gerade mit jenen Blätter von Künstlern der Konzept-Kunst und der Arte Povera füllt sich ein Vakuum in der Sammlungskonzeption des Hauses. Davon kann man sich in der Ausstellung "Where are you standing?" überzeugen.

Nun sind die gezeigten Papierarbeiten nicht das "sammlerische Zentralmassiv" von Maenz & de Vries, sondern vielmehr flüchtige Zwischenrufe, beiläufige Anmerkungen oder skurril Randständiges, das so manche künstlerische Mentalität transparent werden lässt. Umso spannender, da jedes Blatt seine eigene Geschichte erzählen kann. Zudem wirft die Schau ein Schlaglicht auf den Umgang Maenz' und de Vries' sowohl mit der Kunst als auch den Künstlern. Aber nicht nur das, in dieser relativ dichten Ansammlung spiegelt sich Geist, Atmosphäre und künstlerische Aufbruchstimmung der sechziger und siebziger Jahre. Und da werden unweigerlich auch Erinnerungen lebendig an jene Jahre von 1970 bis 1990, in denen das agile Duo nicht nur als Galeristen, sondern vor allem auch als engagierte Vermittler und Förderer junger Kunst ihre "Galerie für die Kunst der internationalen Avantgarde" in Köln betrieben.

Seit über zehn Jahren leben Maenz und de Vries nun schon in Berlin. Der Großteil ihrer Sammlung bildet heute - als Schenkung, Kauf oder Leihgabe - den Grundstock des Neuen Museums in Weimar. Das Archiv der Sammlung erwarb 1991 das Getty Center in Los Angeles.

Noch haben Paul Maenz und Gerd de Vries einen veritablen Fundus zu Hause. Vielleicht kann sich das Kupferstichkabinett bald noch einmal freuen. Für die Besucher wäre es wahrlich eine weitere Bereicherung.

Kupferstichkabinett, Kulturforum, Mitte. Tel.: 266 20 01. Di - Fr 10 - 18 Uhr, Sa/So 11 - 18 Uhr. Bis 9. 1., Katalog 12,90 Euro.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Liebes-Nachhilfe Flirten wie ein Silberrücken
William und Kate Hip-Hop-Crashkurs für die Royals
Chaos Panik in indischer Stadt durch verirrten Leopard
Xbox-One vs PS4 Microsoft muss knappe Niederlage hinnehmen
mood_inklusion_300.jpg
Inklusionspreis Berlin…

Auszeichnung für Unternehmen, die vorbildlich für behinderte…mehr

Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Reisetipps

Zehn spannende Events weltweit im Mai

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote