Alfred Brendel hält Zwiesprache mit Wolfgang Amadeus
Dienstag, 10. Juni 2008 05:44Ein abgeklärter Abend. Mit einem Pianisten, der nichts mehr beweisen muß. Wer würde Überraschendes oder Aufrührerisches von Alfred Brendel erwarten? Nein, der Altmeister schart in der Philharmonie seine Hausgötter um sich: Mozart, Schubert, Schumann und natürlich Beethoven. Sie begleiten ihn seit fünf Jahrzehnten. Die verbleibende Lebenszeit will der 74jährige nutzen, um seine Beziehung zu ihnen noch weiter zu vertiefen. Dabei darf man ihm zuhören.
Der Österreicher hält Zwiesprache mit Mozart. Die "Neun Variationen über ein Menuett von Duport" sind kein musikalisches Schwergewicht. Eher ein kleines Huldigungswerk, das Mozart geschrieben hat, um den Cellolehrer des Preußenkönigs für sich einzunehmen. Brendel sucht nicht nach Größe oder verborgenen Geheimnissen hinter den schlichten Notenzeilen. Er stellt Duports Thema in seiner naiven Liebenswürdigkeit aus und läßt Mozarts Phantasie freien Lauf. Ganz schnörkellos und unprätentiös.
Der wilde, exzentrische Kapellmeister Kreisler aus E.T.A. Hoffmanns "Kater Murr" stand Pate für Robert Schumanns "Kreisleriana". Auch der harte Kampf um seine geliebte Clara spiegelt sich in dem Miniaturen-Zyklus. Brendel spielt mit fiebrigen Fingern, dann wieder mit ruhiger, geduldiger Hand. Trotzdem: Den sprunghaften, kontrastscharfen Charakter des Werks reizt er keineswegs aus. Ihm geht es darum, große Sinnzusammenhänge zu stiften, Linienarchitektur zu vermitteln. Das gelingt ihm besser in Schuberts "Moments Musicaux" und Beethovens "Pastoral"-Sonate.
Er horcht die Stücke unaufgeregt aus, läßt die Musik fließen, legt immer wieder Gedankenpausen ein. Alfred Brendel liebt die freie Tempogestaltung, die sich ganz nach der melodischen Phrasierung richtet. Und die Klangnuancen, die er seinem Tastengesang abgewinnt. Gemächlich durchstreift er die Beethoven-Sonate, als würde er sie beim Spielen neu erfinden. Er spricht mit den Fingern an diesem lyrischen, altersmilden Abend.
Nach zwei Zugaben gilt der Beifall nicht nur dem Konzert, sondern auch dem Lebenswerk eines großen Pianisten.
Martina Helmig




























