Briefe an den lieben Gott
Dienstag, 10. Juni 2008 05:57 - Von Alfred StarkmannEinen gewissen Hochmut hat er nie verbergen können. Nicht daß Saul Bellow sich selbst für den bedeutendsten amerikanischen Autor der Gegenwart gehalten hätte, als den seine Bewunderer ihn priesen. Es war ein ganz uneitler Hochmut, der aus der Skepsis stammte und immer wieder in die Melancholie führte: einerseits ein Widerstreben des Intellektuellen gegen die Niederungen der menschlichen Existenz, andererseits das Wissen des Gelehrten um die geistigen Oasen, in denen sich ausruhen läßt. Seine Romane spiegeln es. Moses Herzog in "Herzog" (1964), Artur Sammler in "Mr. Sammlers Planet" (1969) oder Benn Crader in "Mehr noch sterben an gebrochnem Herzen" (deutsch 1989) sind Prototypen eines hochgezüchteten Gemüts, das vor den Ansprüchen der Alltäglichkeit versagt.
Der Schriftsteller verfiel darüber keineswegs in lautes Klagen. Zwar sah er überhaupt die moderne, von der Technik beherrschte Welt aus ihren alten ethischen und sozialen Fugen geraten, doch statt zu lamentieren, schilderte er sie brillant voll ironischen Humors. Mit Nietzsche konstatierte Bellow das Zerbrechen der "großen sozialen oder religiösen Architektur", als dessen Teil sich der einzelne früher empfunden habe, um dann zum Schauspieler einer vermeintlichen Unabhängigkeit zu werden. Aber er thematisierte nicht die Misere an sich, sondern verschiedene ihrer Aspekte, zum Beispiel die "außerordentliche sexuelle Trunkenheit des Westens". Und das wiederum sarkastisch.
Saul Bellow, am 10. Juni 1915 in der kanadischen Provinz Quebec als Sohn eines zwei Jahre zuvor eingewanderten russisch-jüdischen Kaufmanns geboren, zog 1924 mit der Familie nach Chicago um, wo er im ostjüdischen Milieu der Großstadt aufwuchs. Sein gesamtes Oeuvre - zehn Romane (zuletzt "Ravelstein" 2000), Kurzgeschichten, Dramen und Essays - ist sowohl von dieser Erfahrung geprägt als auch von der Aneignung europäischen Kulturerbes. Er war ein Mann, der die Traditionen des Alten Kontinents mit den Schöpfungen des amerikanischen Geisteslebens verband.
Nachdem er sein Studium der Anthropologie und Soziologie abgeschlossen hatte, arbeitete er am Pestalozzi-Fröbel-Lehrerseminar. Danach versuchte er sich, mit glänzendem Erfolg, als Journalist, gehörte zum Redaktionsstab der "Encyclopædia Britannica", nahm Lehraufträge in Minnesota und Princeton an, war Stipendiat der Guggenheim- und Ford-Stiftungen, bis er 1964 als Soziologieprofessor an der Universität Chicago seine endgültige akademische Heimat fand. Bei der Wahl seiner Verpflichtungen achtete er darauf, daß ihm genug Zeit für seine eigentliche Berufung blieb, das Schreiben.
Schon der Erstlingsroman "Dangling Man" (Der baumelnde Mann) schlug 1944 ein Leitmotiv an, die subtile Sinnsuche in einem real beschworenen Vakuum, das hier ein zum Kriegsdienst Einberufener in der unerträglichen Wartephase zu durchmessen hat. Im Grunde ergeht es dem Botanikprofessor Benn Crader nicht anders, wenn er in "More Die of Heartbreak" aus seinem Dilemma ins "Rentiergebiet, weit draußen in der Tundra" entflieht, wo er sich Erfüllung erhofft. Henderson, der "Regenkönig", sucht Erleuchtung beim weisen Dahfu in Afrika, "Herzog" verfaßt Briefe an Nixon und den lieben Gott, Humboldt in "Humboldts Vermächtnis" schürft auf dem Feld deutscher Denker, und der Dekan in "The Dean's December" stürzt sich auf das Nachziehen kulturhistorischer Entwicklungslinien.
Die Faszination der Bücher Bellows liegt nicht in ihrer thematischen Besonderheit. Er selbst hat gesagt, er beschäftige sich lediglich mit dem "porösen Material, das die Lücke zwischen dem Zufall unserer Geburt und der Krankheit des Sterbens" füllt. Also mit den uralten letzten Fragen nach dem Woher, Wohin und Wozu. Sein spezifischer Blickwinkel dabei war der des scharf geschulten und weltläufigen Wirklichkeitsbeobachters. Insofern war und ist er eine singuläre Erscheinung in der Literatur der Vereinigten Staaten. Er hat die Wonnen und Leiden des intellektbetonten Zeitgenossen auf eine Weise vorgeführt, daß Leser weit über akademische Kreise hinaus von seinen Büchern ergriffen wurden. Genau dies war wahrscheinlich gemeint, als die Schwedische Akademie ihm im Jahre 1976 den Literatur-Nobelpreis mit der Kürzestbegründung verlieh: "Für das menschliche Verständnis und die subtile Kulturanalyse, die sich in seinem Werk vereinen."
Er war Gaukler und Lehrmeister, Mystiker und Entertainer, Plauderer und Ratgeber, und das alles auf hohem Niveau. Am Dienstag ist er in seinem Haus in Brookline/Massachusetts gestorben.





























