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Rentner-Randale

Roter Hintergrund: Christoph Hein weist zwar darauf hin, daß die Personen seines Romans frei erfunden seien, doch die Parallelen zur Wirklichkeit sind überdeutlich
Roter Hintergrund: Christoph Hein weist zwar darauf hin, daß die Personen seines Romans frei erfunden seien, doch die Parallelen zur Wirklichkeit sind überdeutlich

Christoph Hein, Jahrgang 1944, gehört zu den renommiertesten deutschen Bühnen- und Romanautoren. Besonderes Kennzeichen seiner Prosa ist der so treffende wie unaufdringliche Chronistenstil. Sein neuer Roman jedoch ging daneben.

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Mein Gott, warum durfte dieser Autor nicht endlich mal was anderes machen? Warum hat er nicht die dringend erforderliche Neuerfindung betrieben als Intendant des Deutschen Theaters? Seit seinem in der Tat zauberhaften Kindheits-Roman "Von allem Anfang an" hat man kein überzeugendes Buch mehr von ihm gelesen. Immer schon ein Schriftsteller der äußerst begrenzten ästhetischen Ausdrucksmittel, ist er mit den Romanen "Willenbrock" und "Landnahme" mehr und mehr im Unterholz sprödester, ödester Papier-Prosa versackt. Aber den Höhepunkt seines künstlerischen Niedergangs erreicht er nun mit dem halbdokumentarischen RAF-Roman "In seiner frühen Kindheit ein Garten".

Dabei ist die Geschichte an sich interessant. Man erinnert sich vielleicht: Am 27. Juni 1993 ging der Polizei die RAF-Terroristin Birgit Hogefeld ins Netz. Beim Schußwechsel kam auch ein GSG-9-Beamter ums Leben - sowie der ebenfalls steckbrieflich gesuchte Terrorist Wolfgang Grams. Das "Drama von Bad Kleinen" hielt wochenlang die Republik in Atem. Der Bundesinnenminister trat zurück. Der Generalbundesanwalt desgleichen. Ungeklärt ist nach wie vor, ob Grams sich selber tötete oder erschossen wurde. Geringfügig verschlüsselt, nimmt Christoph Hein den Fall wieder auf. Der Fokus liegt aber nicht, was man vielleicht erwarten würde, auf Grams. Das ist Hein zu heikel. Den Autor interessieren die Hinterbliebenen, genauer: die Eltern, vor allem der Herr Papa.

Richard Zurek - so heißt der Mann hier im Roman - war Oberstudiendirektor an einem Gymnasium in einer Kleinstadt bei Wiesbaden. Jetzt, pensioniert und 75 Jahre alt, will er nur noch Gerechtigkeit für seinen Sohn. Ein Rentner macht Randale. Und lenkt doch damit nur von Hader und Selbstzweifel ab. Denn muß nicht gerade ein Pädagoge sich und sein "Lebenswerk" in Frage gestellt sehen, wenn der eigene Sohn den Weg des gewaltbereiten Staatsfeinds geht? Was kann da seine Erziehungsarbeit wert sein? Fragen, die zeigen, daß die Konstellation der Erzählung es in sich hat. Nur muß man ihr auch gerecht werden können. Das aber ist eine Sache der Sprache. Und die hat der Autor nicht.

"In seiner frühen Kindheit ein Garten" wäre interessant geworden, wenn dem Autor mit Vater Grams eine differenzierte Figur gelungen wäre, wenn sich da einer hätte verwandeln dürfen unter der Einwirkung von Schmerz und Schock. Doch dieser Zurek ist eine Totgeburt. Der Autor zeigt ihn zunächst so weltfremd in seiner Staatsfrömmigkeit, wie wohl nicht mal auf dem platten Lande in der DDR ein Schulleiter war. Und am Ende sagt er herzhaft "Scheiße" und hält aufrührerische Reden wie sein Sohn. Wer soll das glauben?

Dazu muß er mit seiner Frau und einer Jugendliebe, die er im Zeichen der neugewonnenen Lockerheit wieder aufwärmt, Dialoge führen, die so trivial sind, daß sie wahrscheinlich nicht mal in einem DEFA-Film aus dem Kleinbürger-Milieu Verwendung gefunden hätten. Daß dieser Mann, dessen Zitatenschatz eher auf dem eisernen Bestand von Bauernregeln fußt als auf Bildungsgut, immerhin weiß, daß die unterlegene Sache dem Cato gefällt, ist der einzige Zug von lebensweltlicher Plausibilität, die der Autor ihm zugesteht.

Es geht Hein, der in einer Art Klippschulen-Realismus auch Madame Zurek nur fortwährend Kaffeetassen aufs Tablett und wieder herunterstellen läßt, begleitet von biederen Sinnsprüchen à la "Babys sollten Babys bleiben, das wäre schöner", es geht Hein wahrscheinlich gar nicht um ein stimmiges Setting und überzeugende Charaktere. Es geht ihm um eine verdruckste, er selber würde sagen: subversive Kritik an der alten Bundesrepublik. Eine Kritik, die sich nicht traut, und die hanebüchene Terroristen-Verharmlosung Nebenfiguren in den Mund legt, etwa der Freundin Grams', die, wegen Beihilfe zum Mord und diverser Entführungen zu lebenslanger Haft verknackt, unwidersprochen barmen darf: "Die Ungeheuer sind nicht wir, wir haben nur versucht, das Ungeheuerliche nicht hinzunehmen."

Diese romantisch-verkitschte Sicht auf Leute, denen kein Menschenopfer zu groß war, wenn es darum ging, das "Schweinesystem" der Bundesrepublik abzuschaffen, mag man dem in seinen linken Denkkonventionen verhafteten Heim noch nachsehen. Aber die trostlose Spießigkeit, die wie der säuerliche Geruch in alten DDR-Betrieben sein ganzes Buch durchmieft, macht die Sache endgültig ungenießbar. Lieber Herr Kultursenator, geben Sie dem Mann endlich ein Grips-Theater.

Christoph Hein: In seiner frühen Kindheit ein Garten. Suhrkamp, Frankfurt/M. 271 S., 17,90 Euro

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