100 Jahre Erwin Geschonneck
Montag, 2. Juni 2008 11:40 - Von Reinhard WengierekAlle Welt flüstert, er habe seit sieben Jahren sein Loft in luftiger Höhe hinterm Alexanderplatz nicht mehr verlassen.
Alle Welt flüstert, er habe seit sieben Jahren sein Loft in luftiger Höhe hinterm Alexanderplatz nicht mehr verlassen. Und alle Welt, die am Abend des 27. Dezember zur Akademie der Künste am Brandenburger Tor pilgerte, um Erwin Geschonneck zum Hundertsten hochleben zu lassen, rätselte, ob er denn tatsächlich kam zur öffentlichen Jubelfeier.
Die erwartungsfrohe Menge, viele mit Blümchen in der Hinterhand, wurde arg auf die Folter gespannt: Der verglaste Plenarsaal überfüllt, alle Treppenstufen besetzt, Beine schmerzen vom Stehen - doch man hielt aus, drückte sich die Nasen platt an der Glaswand zum Saal beim Prominentengucken (Inge Keller, Gisela May, Corinna Harfouch, Otto Sander, Volker Braun). Man spitzte angestrengt die Ohren (fürs Volk draußen bloß ein plärriger Lautsprecher) bei der Übertragung eines Rundfunkfeatures von Thomas Heise, in dem Geschonneck vom Überlebenskampf und Widerstand im KZ Dachau erzählt - und man erwartete sehnsüchtig die leibhaftige Ankunft des Jahrhundert-Manns, der es als Armeleutekind zum Jahrhundert-Schauspieler gebracht hatte. Nach gut einer Stunde brandet Applaus auf und alles, was da saß oder kauerte, erhob sich: Er kam, rollte herein (im Rollstuhl, geschoben von seiner Frau Heike), er war da.
Ein zerbrechlich, wie entrückt und dennoch wiederum spitzbübisch wirkender Greis, dieser Hüne von einst, dieser verführerische Charmeur, proletarische Haudegen, der bullige, ruppige Kerl mit dem zarten, tapferen Herzen. Ein Riesenstrauß Rosen, Umarmungen, weggesteckte Tränen, Reden: "Ganz Berlin liegt Ihnen zu Füßen", übertreibt Kulturstaatssekretär Schmitz. "Für so viele Generationen war er ein Star", sagt Regisseur Thomas Langhoff. "Bei uns gab es keine Stars, aber bei uns (er meint: in der DDR) war ich eine erste Kraft", sagt Geschonneck. "So isser", sagt der Berliner.
Dann rollt die erste Kraft zur vom Fachblatt "Theater der Zeit" gestalteten Ausstellung "Geschonneck, eine deutsche Biografie" (Katalog 18 Euro). Ein paar vergilbte Dokumente (Briefe von Helene Weigel, Defa-Verträge), tolle Plakate (Berliner Ensemble, Defa), starke Fotos. Eins zeigt G. 1976 zur regierungsamtlichen Feier seines 70. Geburtstags: DDR-Führer Stoph gratuliert, am Anzug des staatstragenden Jubilars - "Kunst ist Waffe im proletarischen Klassenkampf" - 15 Orden. Ein anderes Bild zeigt G. 1974 als Getto-Friseur Kowalski in Frank Beyers "Jakob der Lügner", dem einzigen Defa-Film, der je für den Oscar nominiert wurde. So ist das mit Geschonneck: Kommunist- und Künstlersein ist ihm eins.





























