"Mein Leben ist kein Operndrama"
Montag, 2. Juni 2008 11:23 - Von Martina Helmig"La Diva Renée" heißt ein Dessert, das Meisterkoch Daniel Boulud kreierte. Nicht nur er nennt Renée Fleming eine Diva.
"La Diva Renée" heißt ein Dessert, das Meisterkoch Daniel Boulud kreierte. Nicht nur er nennt Renée Fleming eine Diva. Dabei ist sie alles andere als eine unnahbare Göttin oder glamouröse Ikone. "Das Wort ist Teil einer undifferenzierten Popkultur geworden. Die meisten Leute wissen nicht einmal, dass es eine Beziehung zur Oper hat", meint die Sopranistin.
Mit Maria Callas ist die letzte klassische Diva gestorben: die über alles verehrte Opernheldin, der man ihr Auftreten als Luxusweib oder Femme fatale, Starallüren und exzentrisches Benehmen gern nachsah. Wo gibt es heute noch die Diva, die für Fotografen mit Tigern und einem Palmwedel im Hintergrund auf dem Klavier posiert?
"La Diva Renée" zum Beispiel wirkt im Gespräch sachlich, bodenständig, konzentriert. Sie ist schick, aber unauffällig gekleidet. "Ich bin neidisch auf die Männer," sagt sie. "Sie müssen sich nicht viele Gedanken um ihre Garderobe machen." Sie liebt das Landleben, die Gartenarbeit, liest für ihr Leben gern, fährt Fahrrad mit ihren beiden Töchtern im Central Park oder führt ihren Hund Rosie spazieren. Zeit dafür zu haben, ist ihr größter Luxus. Sie macht zwar Werbung für Rolex, so wie die Diven der Gründerzeit sich für Parfum- oder Zigarettenreklame zur Verfügung stellten. Ihr Leben zu einem Operndrama zu stilisieren, liegt der Amerikanerin aber ganz und gar nicht.
Nur wenn sie auf der Bühne steht, sieht sie sich in der Tradition der berühmten Diven: "Sie hatten die Fähigkeit, wie ein überirdisches Wesen zu erscheinen, mit ihrer Kunst und ihrer Ausstrahlung das Publikum zu verzaubern und aus dem Alltag zu entrücken. Manchmal gelingt mir das hoffentlich auch."
"Homage - The Age of the Diva" heißt ihre neue CD, die sie am 28. November in der Berliner Philharmonie vorstellt. Sie erinnert an die großen Diven wie Mary Garden, Lotte Lehmann, Geraldine Farrar, Rosa Ponselle und Maria Jeritza. In historischem Outfit, mit Diadem, langen Ohrringen und einem Goldtuch, hat sie für das Plattencover posiert. Die meisten der zwölf Arien, die sie in fünf Sprachen aufgenommen hat, stammen aus der Zeit zwischen 1870 und 1920. Ihr Herz gehöre dem Fin de Siècle, sagt Renée Fleming. "Meine Fantasie wird durch die großen Frauengestalten beflügelt, die darin lebten."
In ihrer Zeit als Fulbright-Stipendiatin in Deutschland hat sie die Diven aus dem goldenen Zeitalter lieben gelernt. Im Urlaub in Florenz traf sie damals zwei betagte Opernfans, mit denen sie drei Tage lang auf dem Sofa saß und historische Raritäten anhörte. Sie machte Tonbandaufnahmen und schrieb Listen, die noch heute zu ihren wichtigen Fundgruben zählen. 18 Monate lang hat sie an ihrem "Diva"-Projekt gearbeitet. Sie ist ihre Listen durchgegangen, hat zahllose alte Platten gehört, mit Freunden und Bekannten telefoniert, mit Korepetitoren und anderen Spezialisten Notensammlungen durchgespielt. "Am Ende hatte ich Material für drei bis vier CDs." Die berühmten Arien aus "Tosca", "Il trovatore" und "Adriana Lecouvreur" gehören zu diesem Projekt, vor allem aber auch viele unbekannte Arien. "Es ist meine Lieblings-CD geworden," verrät die Sopranistin. "Ich habe Arien aus Opern aufgenommen, die zu ihrer Zeit außerordentlich populär waren und dann vergessen wurden." Wer kennt zum Beispiel schon Erich Wolfgang Korngolds "Die Kathrin" oder Smetanas "Dalibor"? Von Rimsky-Korsakows "Servilia" hatten selbst die Musiker des Mariinsky-Theaters, die die Plattenaufnahme mit ihrem Chefdirigenten Valery Gergiev begleiteten, noch nie gehört. Dabei war die Oper 1902 an ihrem Haus uraufgeführt worden. Renée Fleming hofft, dass manche ihrer Entdeckungen den Weg ins Opernrepertoire zurück finden. "Das Wunder der Heliane" von Korngold wird in London konzertant aufgeführt. "Ich bin schon sehr gespannt auf die Reaktion des Publikums."
Renée Fleming hat ein Faible für Neues und Ungewöhnliches. Mit Mozart und Strauss begründete sie in den achtziger und neunziger Jahren ihren Ruf als "Americas Beautiful Voice". Sie sang auch zahlreiche Uraufführungen, Jazz-Stücke und den Soundtrack zu dem Film "Der Herr der Ringe". "Als lyrischer Sopran habe ich ein sehr weites Repertoire. Ich kann fast ohne Grenzen immer wieder Neues entdecken." Gerade hat die zweifache Grammy-Preisträgerin in Deutschland den Echo-Klassik-Preis als "Opernsängerin des Jahres" in Empfang genommen.
Ihren Berliner Abend gestaltet sie mit der Nordwestdeutschen Philharmonie und dem Dirigenten Andreas Delfs, den sie schon aus gemeinsamen Studienzeiten kennt. Danach bricht sie wieder nach New York, Los Angeles, Zürich und London auf. Besonders freut sie sich darauf, an der Met die Tatjana in "Eugen Onegin" zu singen - die Rolle, mit der sie sich am meisten identifiziert. Sie liebäugelt aber auch mit einer neuen Partie, der Leonora in "Il trovatore". Mit der Arie "Tacea la notte" ist sie auf der "Diva"-CD und im Berliner Konzert nun bald schon einmal zu erleben.





























