Über Tati können wir noch immer lachen
Dienstag, 10. Juni 2008 02:11 - Von Gerhard MiddingNur wenige Filmemacher können sich rühmen, dass ihr Name zu einem Adjektiv geworden ist.
Nur wenige Filmemacher können sich rühmen, dass ihr Name zu einem Adjektiv geworden ist. Jacques Tati gehört ins Pantheon der Filmkomiker, weil er eine Figur geschaffen hat, die so unverwechselbar ist wie die Chaplins und Keatons. Sein Monsieur Hulot ist ein großer Mann mit Hut, Pfeife und Regenmantel, dessen Hosen zu kurz geraten sind. Ein Verweigerungskünstler: Mit der Welt der Erwachsenen hat er wenig im Sinn. Er trägt keinen Vornamen, heißt nur Monsieur, ist ein altersloser Junggeselle, der keinen Beruf ausübt und keiner Klasse angehört. Er hat keinen Grund, sich an einem bestimmten Ort aufzuhalten, außer um dort deplatziert, "tatiesk" zu wirken.
Eine solche Figur lässt sich freilich nicht imitieren, allenfalls zitieren. Durch Truffauts "Tisch und Bett" geistert ein Hulot durch den Hinterhof. Die Gaston-Leroux-Adaption "Das geheimnisvolle Zimmer" stattet Lerouxs Detektiv Rouletabille mit Tatis Hochwasserhosen aus. Das pittoreske Paris in "Die fabelhafte Welt der Amelie" scheint geradewegs aus dem Tati-Film "Mein Onkel" zu stammen. Es ist indes nicht nur die putzige Gegenwelt zur Moderne, die tatiesk wirkt, sondern auch die Lust am systematischen Durchdeklinieren alltäglicher Situationen.
Der engste Seelenverwandte Tatis ist freilich Blake Edwards. Die Grundlage ihrer Erzählsysteme ist der mathematisch berechnete Gag. Edwards' "Partyschreck" verrät, dass er die Tyrannei modernen Komforts in "Mein Onkel" genau studiert hat. Der Schauplatz, eine protzige Hollywood-Villa, spielt wie bei Tati eine Hauptrolle. Wie Hulot ist der Springteufel Peter Sellers ein Überzähliger, der jeden Raum in ein Minenfeld verwandelt. Edwards und Tati retteten das reine Slapstick-Kino in den Tonfilm. Hulot ist ein Sprachrohr seines Regisseurs, dem dieser das Wort weitgehend entzog. Von der Diktatur der Sprache befreit, können Figuren an Leichtfüßigkeit gewinnen, aber auch an Schwermut.
Seinen Kulturpessimismus tarnte Tati hinter dem unschuldigen Blick eines Unzeitgemäßen. Er gibt sich als schelmischer Verwerter des Menschlichen. Aber sein Hulot war von Anfang an eine distanziert-entrückte Figur, deren Existenz unter dem Vorzeichen der Einsamkeit steht. Dabei beraubt ihn Tatis pantomimische Interpretation einer wirklichen Individualität; ihm eignet eine merkwürdige Abstraktion. Dass uns der Abschied von ihm dennoch regelmäßig schwer fällt, ist eines der großen Rätsel der Filmgeschichte.





























