Der Stoff, aus dem die Gleichheitsträume sind
Dienstag, 10. Juni 2008 01:46 - Von Hendrik WernerAls der Autor dieser Zeilen noch halbwüchsig und idealistisch war, färbte er seine Sweat-Shirts von Hand im Waschbecken oder in der Badewanne.
Als der Autor dieser Zeilen noch halbwüchsig und idealistisch war, färbte er seine Sweat-Shirts von Hand im Waschbecken oder in der Badewanne. Diese aufwendige Handarbeit hatte er gemein mit angestrengt emanzipierten und hyperaktiven AltersgenossInnen. Zu den bevorzugten Farbtönen, mit denen wir gleichsam ein politisches Statement abzugeben glaubten, zählte damals, Anfang der achtziger Jahre, ein zartes Blau, ein dezentes Rosa - und vor allem die Farbe Lila.
Zwar hatte so gut wie niemand von uns den gleichnamigen, 1982 erschienenen Roman von Alice Walker, Jahrgang 1944, gelesen. Irgendwie aber hatten wir vom ideologischen Hörensagen den Eindruck, mit unseren dezenten Batikarbeiten etwas politisch Korrektes zu tun. Also färbten wir den Stoff emsig, bis sich das Wasser violett oder purpur verfärbte. Und bis uns die Eltern zürnten, die um ihr blütenweißes Badezimmer bangten.
Mehr noch als durch den mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Kurzroman ist der explosive Frauen-Stoff durch dessen Verfilmung bekannt geworden. 1985 setzte Steven Spielberg, zuvor und später eher mit fantastischen Stoffen bekannt geworden, das Drama der bekennenden Feministin Alice Walker mit Whoopi Goldberg kongenial in Szene. Durch die Adaption, die unser textiles Gestalten praktisch werden ließ, rückte endlich die literarische Vorlage in den Fokus der Öffentlichkeit. Ein in Tagebuchform dargelegter Urtext, in dem es um Themen wie lesbische Liebe, Inzest und patriarchalische Gewalt geht. Also um einen gleich dreifachen Tabubruch, dem es gut anstand, dass das erfahrungsgemäß wenig revolutionäre Mainstream-Publikum im Kino dezent auf ihn vorbereitet wurde.
Das Ende vom Emanzipationslied war freilich so etwas wie ein historischer Kompromiss: elf Oscar-Nominierungen, ohne dass der Film in auch nur einer einzigen Kategorie reüssiert hätte. Lies: Die Zeit war zwar noch nicht reif für die egalitären Träume der Mrs. Walker. Aber angeklopft hatte die Vorreiterin eines Traums immerhin schon mal. Und das war auch gut so.
Dabei hätte der literarische Stoff, aus dem die Gleichheitsträume sind, vielleicht ohne seichte Hollywood-Einebnungen ungleich besser bestehen können. Ist doch die Geschichte der Farbigen Celie, die sich mit der Hilfe der Jazzsängerin Shug von ihrem gewalttätigen Ehegatten lösen kann, in der Schriftform bereits denkbar eindringlich. Schließlich geht es um Emanzipation im universellen Sinne: um die Gleichstellung aller Lebenden und Liebenden, aller Farben, aller Menschen. Walkers Kurzroman erzählt davon auf besonders berührende Weise. Auf besonders avantgardistische Weise sowieso: lila.
Im Internet
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