03.01.07

Die Siedler von Santa Esperanza

Unzählige Brettspiele lagen auch in diesem Jahr wieder unter den Christbäumen der Republik.

Von Elmar Krekeler

Unzählige Brettspiele lagen auch in diesem Jahr wieder unter den Christbäumen der Republik. Zwischen den Spielen des Jahres Poker und "Thurn und Taxis" wäre ein Spiel beinahe untergegangen, das als Roman in 36 Heften im Katalog des Pendo-Verlags firmiert, in Wahrheit das atemberaubendste literarische Spiel des Jahres ist. Aka Morchiladzes "Santa Esperanza". Wir haben es getestet. Als Spiel und als Roman.

Voraussetzungen: Die Spieler von "Santa Esperanza" sollten über ein gehöriges Maß an literarischem Abenteurertum und Lust an lesender Herumtreiberei verfügen. Die Beherrschung des europäischen Literaturkanons erhöht den Spaß an Spiel und Anspielungen.

Spieldauer: Minimal eine halbe Stunde (ungefähre Lektürezeit eines Heftes), maximale Lesezeit etwa 18 Stunden. Nachwirk- und Debattierzeit: potenziell unendlich.

Ausstattung : "Santa Esperanza" ist ein Roman in 36 Heften, die mehr als 140 Geschichten enthalten. Die 36 Hefte umfassen jeweils knapp über 20 Seiten. Nach dem Vorbild von "Inti", dem beliebtesten Kartenspiel der Insel Santa Esperanza im Schwarzen Meer, die von Aka Morchiladze erfunden wurde, sind die Hefte in vier Farben sortiert. Im Unterschied zu zentraleuropäischen Spielen heißen die Farben: Brombeere (gelbe Hefte), Weinrebe (rotbraune Hefte), Säbel (blaue Hefte) und Distel (grüne Hefte). Zu jeder Farbe zählen neun Hefte. Jedes Heft ist vom Autor liebevoll mit Figuren, Szenen, Karikaturen bemalt und wurde mit zentralen Textpassagen aus dem jeweiligen Heft versehen. Zusammen mit einem "Inhaltsverzeichnis des Herumtreibens" betitelten Spielanleitung, die mehr Verwirrung stiftet als Ordnung schafft, werden sie vom Verlag in einem rotbraunen Filztäschchen ausgeliefert.

Vorbereitungen: "Santa Esperanza" ist ein Spiel, das jeden wahren Liberalen erfreut. Der Spieler hat nahezu unendliche Freiheit in seiner Spielgestaltung. Er kann sich einfach in den Heften herumtreiben. Die Geschichten ergeben sich, fügen sich, setzen sich zum fabelhaften Puzzle eines gigantischen Kosmos von Gegenwart und Geschichte zusammen.

Autor: Aka Morchiladze ist in Georgien weltberühmt. Mehr als 25 Bücher hat der am 10. November 1966 in Tiflis geborene Morchiladze inzwischen veröffentlicht. Morchiladze schreibt Soap-Operas und Songs, arbeitet als Sportjournalist, ist Romancier und Kolumnist, hat eine eigene Fernsehsendung über georgische Geschichte und heißt eigentlich ganz anders. Giorgi Achwlediani nämlich. In Romanen wie "Die Reise nach Karabach" oder "Verschwunden auf der Madatow Insel" spiegelt Morchiladze die Veränderungen Georgiens in der Nachwendezeit. Morchiladzes Bücher stehen regelmäßig an der Spitze der georgischen Bestsellerlisten. In den Jahren 2003 und 2005 erhielt er den "Saba", den wichtigsten Literaturpreis seines Heimatlandes.

Vorgeschichte: Es war einmal im Schwarzen Meer. 117 Kilometer vor der Küste Georgiens greift wie eine große Krabbe die Inselgruppe von Santa Esperanza mit zwei Halbinselscheren nach dem Festland. Einst von Griechen besiedelt, wurden die Inseln im Mittelalter von der Bevölkerung aus unbekannten Gründen aufgegeben und erst im 12. Jahrhundert vom georgischen König David dem Erbauer wieder genutzt. David errichtete auf dem strategisch wichtigen Archipel eine Festung und ein Johannes dem Täufer gewidmetes Kloster, weswegen der georgische Dialekt heute noch johannisch heißt. In der Folge verwandelte sich die Garnisonsstätte in einen regelrechten ethnischen Gemischwarenladen. Georgier, Osmanen, Genueser, Moslems, Orthodoxe, Katholiken, Piraten, Kaufleute, Sklavenhändler. Die Herrschaft wechselte ständig. Seit 1919 ist das Parlament von Santa Esperanza gesetzgebendes Organ. Lieblingsspiel der Johanner ist das einzige gesetzlich zugelassene Kartenspiel Inti. Der Name des bis ins Mittelalter zurückzuverfolgenden Spiels leitet sich vom megelischen (westgeorgischer Dialekt) Wort "inti" ab, was soviel heißt wie "Reiß aus!" Schönste Gästeeintrag auf der Web-Site des esperantinischen Poeten Alessandro da Costa: "Sie sind ja noch ein Kind. Sie haben mich, einen Poesieforscher hinters Licht geführt." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Spielgeschichte: Aka Morchiladze, der Autor des vorliegenden Werkes, dem - wie wir bisher gesehen haben - nicht sonderlich zu trauen ist, behauptet in seinem gewissermaßen als Spielanleitung zu lesenden Vorheft seiner Kladdensammlung, dass es ihn im Jahre 1997 zum ersten Mal auf die Johannesinseln verschlagen habe. Bei seinen johannischen Aufenthalten habe Morchiladze, protokolliert er, 141 jener schönen Hefte gefüllt, die es in Santa Esperanza zu kaufen gibt. Gefüllt mit Geschichten. Geschichten, die er abgeschrieben habe aus Touristenführern, aus johannischer Literatur, aus den Zeitungen, aus dem Gedächtnis, aus Gesprächen mit Esperantern. Den Rest mancher Geschichte, gibt er zu, habe er erfunden. Und dann habe er zum Abschied ein Inti-Kartenspiel geschenkt bekommen. Und das habe ihn auf die Idee gebracht, wie er die Geschichten sortieren könnte. So nämlich, dass sich jeweils vier Romane aus neun Heften ergeben und jeweils neun vierteilige Romane. Die Hefte in sich wiederum sind in verschiedene Episoden untergliedert, die häufig gänzlich gegensätzlichen Textsorten angehören (Dramolette, Testamente, Dialoge, Klagelieder, Auszüge historischer Romane, Liebesgeschichten, Gruselgeschichten, Politikgeschichten, Zeitungsberichte u. v. a.).

Ziel des Spiels: Erste Stufe zum Spielerfolg ist es selbstverständlich, sämtliche Romanolette Morchiladzes gelesen zu haben. Das eigentliche Ziel aber besteht darin, so schnell wie mögliche so viele Informationen wie möglich über Santa Esperanza, seine Kultur, seine Geschichte und die von Morchiladze aufgeführten Figuren zu sammeln. Wem es gelingt, Morchiladzes wilden Kosmos voller blinkender Geschichtenmonaden in die für alle anderen überzeugendste, erzähllogischste Ordnung zu bringen, hat gewonnen.

Spaßfaktor: Gewaltig. Endlich ein waschbares Cover. Endlich ein Buch mit Tragebügel. Endlich ein Buch, dessen strukturelles, gestalterisches und literarisches Niveau gleich hoch ist. Morchiladze verspielt sich auf gut 850 Seiten kein einziges Mal. Mindestens 141 Augenblicke des Glücks stecken in diesem Roman, der ein Abenteuer ist und ein Spiel. Hat das Zeug zum Spiel des Jahres.

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