Gegen das Verstummen
Montag, 2. Juni 2008 00:37 - Von Felix StephanGeschätzte acht Millionen Menschen haben das Berliner Holocaust-Denkmal seit seiner Fertigstellung 2005 besucht.

Geschätzte acht Millionen Menschen haben das Berliner Holocaust-Denkmal seit seiner Fertigstellung 2005 besucht. In diesen Tagen feiert die einst umstrittene Gedenkstätte ihren dritten Geburtstag. Und wie schon in den vergangenen zwei Jahren wird es auch diesmal wieder eine "lange Nacht des Denkmals" inmitten der 2711 Betonstelen geben. Besonderes Highlight: Das Werk "Vor dem Verstummen" des deutschen Komponisten Harald Weiss. Lothar Zagrosek wird es mit Musikern der Kammersymphonie Berlin unter freiem Himmel uraufführen.
Ein Experiment mit ungewissem Ausgang, doch Komponist Harald Weiss bleibt locker. Schließlich hat er in den letzten Jahrzehnten etliche Erfahrungen mit musikalischen Open-Air-Aktionen gesammelt. "Den Zufall muss man da immer einbeziehen, aber das ist ja gerade das Spannende", sagt Harald Weiss. Der gebürtige Deutsche mit griechischen, rumänischen und russischen Wurzeln - er passt in keine Schublade. Er ist ein musikalisch Reisender, ständig auf der Suche nach Neuem und allen Musikrichtungen gegenüber offen. In den letzten zehn Jahren hat er wenig in Deutschland gelebt, sondern in Südamerika, Indien und Afrika nach Inspirationen gesucht. "Ich bin kein zeitgenössischer Komponist, der auf den üblichen Avantgarde-Festivals vertreten ist", sagt Harald Weiss, Jahrgang 1949, über sich selbst. "Eine Zeit lang galt ich als ein Enfant terrible wegen meiner musikalischen Grenzüberschreitungen und künstlerischen Visionen."
Einen Bahnhof mit Musik geflutet
Gern erinnert er sich Weiss daran, wie er einst den gesamten Bahnhof von Saarbrücken mit Musik geflutet hatte. Und 1978, da bespielte er mit seinem gigantischen Werk "Stadtmusik" sogar den Stadtkern Bielefelds. "Damals lernte ich Lothar Zagrosek kennen", erinnert sich der Komponist, "er war der Dirigent meiner "Stadtmusik'. Ich muss sagen, wir haben uns außerordentlich gut verstanden."Musik zu komponieren heißt für Harald Weiss immer auch, für einen bestimmten Raum zu komponieren. "In meinen Werken habe ich stets versucht, physikalische Räume musikalisch zu erfassen. Jeder Raum an sich, egal ob offen oder geschlossen, besitzt eigentümliche Schwingungen, die ich lokalisieren und verstärken möchte."
Im vergangenen Winter spürte er den Schwingungen im Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals nach - und war ergriffen. "Diese bedrückende Stille wollte ich mit meiner Musik verstärken. Es ist eine Musik, die sich aus der Stille entwickelt und langsam vortastet. Erst allmählich vereinigen sich die Instrumente und kreisen um den Dirigenten. Dann versiegt die Musik in einer kargen musikalischen Einöde, einer Art Nebellandschaft, über der sich der Mezzosopran von Tanja Simic Queiroz erheben wird."
Vertonung eines bewegenden Gedichts
Das Gedicht "Welke Blätter", das Harald Weiss vertont hat, stammt von Selma Meerbaum-Eisinger. Mit vierzehn Jahren hatte sie es geschrieben. Drei Jahre später starb sie im von der SS geführten Arbeitslager Michailowska. "Mich hat dieses Gedicht unbeschreiblich berührt. Kaum zu glauben, dass eine Vierzehnjährige den Übergang vom Sein zum Nichtsein so traumwandlerisch in Worte fassen kann. Die unvorstellbare Not muss ihr Flügel verliehen haben." Bisher fanden die Proben nur im Konzerthaus und in der Komischen Oper statt. Erst zur Generalprobe am Vormittag der Uraufführung werden sich die Musiker aufs freie Gelände begeben.Dann wird sich zeigen, ob Harald Weiss' Konzept aufgeht. "Die Musiker sind in konzentrischen Kreisen um den Dirigenten positioniert und über das gesamte Stelenfeld verteilt. Außen Bläser und Schlagwerk, weiter innen vier Celli. Bis auf die umherwandernde Mezzosopranistin haben alle Musiker feste Plätze. Über kleine Monitore können die Musiker die Bewegungen des Dirigenten mitverfolgen."
Gleich zweimal, um 19.30 Uhr und um 20.35 Uhr, wird Harald Weiss' "Vor dem Verstummen" erklingen. Dazwischen trägt die Schauspielerin Tatajana Blacher weitere Gedichte von Selma Meerbaum-Eisinger vor. Doch was tun, wenn's regnet? Harald Weiss ist zuversichtlich: "Das wird es nicht. Ich habe einen ziemlichen guten Draht nach oben", lacht er. Die Daumen drücken möchte man ihm trotzdem.





























