09.02.08

Gorki-Theater macht das Rennen

Er wird doch nicht springen? Königsforst, der Sandalen und Socken zum Sommeranzug trägt und ein bisschen an Erich Honecker erinnert, steht am Abgrund.

Von Stefan Kirschner
Foto: usage worldwide, Verwendung weltweit
Will immer ein gute Figur machen: Simone (Fritzi Haberlandt) in "Heaven (zu Tristan)"
Will immer ein gute Figur machen: Simone (Fritzi Haberlandt) in "Heaven (zu Tristan)"

Er wird doch nicht springen? Königsforst, der Sandalen und Socken zum Sommeranzug trägt und ein bisschen an Erich Honecker erinnert, steht am Abgrund. Aber Ehefrau Helga scheint sich weniger zu sorgen als das Publikum. Das Paar befindet sich auf einer Art weißem Quader, der mal als Projektionsfläche für Videoeinspielungen, mal als Mauer dient. Die beiden haben ihre Matratze, diese "Landkarte der Erinnerung", hochgewuchtet (eine köstliche Szene!) - und auf der anderen Seiten runter gelassen. Aber auf dem glatten Bühnenboden ist sie weiter gerutscht. Scheinbar unerreichbar.

Peter Kurth und Susanne Böwe spielen das Ehepaar aus Wolfen, das nach der Wende nicht mehr gebraucht wird. 1936 war dort der erste für die Massennutzung taugliche Farbfilm hergestellt worden. 55 Jahre später ist nicht mehr viel geblieben. Selbst das Denkmal vor der Fabrik, für das die Laborantin Helga Modell gestanden hat, ist abgerissen worden wie der Plattenbau, in dem die beiden wohnten.

Schwimmbad ohne Wasser

Starr wie ein Denkmal steht auch Simone auf der Bühne. Robert (Ronald Kukulies) versucht sie aufzuheitern. Er schüttert den Riesensack mit den Plastikflaschen aus. Fühlt die Temperatur. "Soll ich eine Arschbombe machen", fragt er. Simone (Fritzi Haberlandt) nickt. Als sie auch ins "Becken" springt, stellt sie trotzig fest: "Die gönnen uns gar nichts mehr. Jetzt haben die schon das Wasser rausgelassen."

Schrumpfende Städte, überflüssige Menschen, große und kleine Träume: das sind die Themen von Fritz Katers "Heaven (zu Tristan)", das Armin Petras am Maxim Gorki Theater als Koproduktion mit dem Frankfurter Schauspiel inszeniert hat. Als "beste Berliner Aufführung des Jahres" erhält "Heaven" den mit 7500 Euro dotierten Friedrich-Luft-Preis 2007 der Berliner Morgenpost. Die sechsköpfige Jury begründete ihr Votum mit den Worten: "Fritz Kater schafft es mit diesem zeit- und grenzüberschreitenden ,Ost-Stück', das gesellschaftliche Konflikte auch als individuelle Konflikte erzählt, ein Stück deutsch-deutscher Gegenwart zu belichten, ohne in Klischees zu verfallen. Als Armin Petras gelingt dem Autor eine Inszenierung, die auch das fragmentarische, bruchstückhafte der Erzählung in sowohl packende wie auch poetische Bilder fasst und eindrucksvolle schauspielerische Leistungen provoziert, die die Zuschauer in ihren Bann ziehen."

Einmütige Entscheidung

Die Entscheidung fiel nach kurzer Diskussion - und sie war einmütig. Von der Papierform her betrachtet war das Maxim Gorki Theater, die derzeit spannendste Bühne Berlins, als Favorit ins Rennen gegangen: Allein drei von insgesamt acht für den Friedrich-Luft-Preis nominierte Aufführungen kamen dort heraus. Zweimal waren Arbeiten des Intendanten Armin Petras dabei: Neben "Heaven", das Petras unter seinem Pseudonym Fritz Kater auch geschrieben hat, auch Kleists "Prinz Friedrich von Homburg". Und mit "Amphitryon" hatte es ein weiteres Stück von Kleist auf die Nominierungsliste geschafft. Diesen Klassiker hat Hausregisseur Jan Bosse inszeniert.

Armin Petras erreichte die Nachricht vom Friedrich-Luft-Preis auf der Probebühne in Weißensee - und konnte die Freude gleich mit seinem Ensemble teilen. "Eine schöne Auszeichnung. Und ein wichtiger Preis für das Maxim Gorki Theater, weil die Konkurrenz hier in Berlin so groß ist." Friedrich Luft, den Namensgeber, hat Armin Petras gehört, als er zu DDR-Zeiten noch in Ost-Berlin lebte. Als Luft mal in seiner legendären Rias-Sendung "Die Stimme der Kritik" die schnieken Toiletten in der Schaubühne am Lehniner Platz beschrieb, dachte Petras: "Da will ich auch mal hin." Und er musste nicht bis zum Mauerfall warten.

Petras kennt den Osten und den Westen gleichermaßen. Geboren wurde er 1964 im sauerländischen Eschede. Fünf Jahre später siedelten seine Eltern mit ihm in die DDR um. Er gehörte einer der ersten Off-Theatergruppen in Ost-Berlin an, studierte Mitte der 80er Jahre Schauspiel/Regie an der renommierten Ernst-Busch-Hochschule in Berlin. Seine gerade erst begonnen Karriere endete abrupt, als er 1987 einen Ausreiseantrag stellte, der 1988 bewilligt wurde. Nach dem Mauerfall inszenierte er in Ost und West, unter anderem am Hamburger Thalia Theater. Er arbeitete als Schauspieldirektor am Staatstheater Kassel und wurde im Sommer 2006 Intendant des Maxim Gorki Theaters.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Infizierte Pfleger Bentley darf leben - Hund hat kein Ebola
Sonnenfinsternis "Man muss das sehen, um es zu glauben!"
Terror in Kanada Überwachungskameras zeigen Angriff auf Parlament
Gasexplosion Explosion verwüstet ganze Straße in Ludwigshafen
Timetraveller.jpg
Timetraveller

Mit der Morgenpost und Timetraveller Geschichte erlebenmehr

Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Trend

Die schönsten Fotobomben der Stars

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote