23.07.10

"Eichmanns Ende"

Protokoll eines Massenmordes

Der Mann war mit sich unzufrieden. Es habe ihm "am umfassenden Geist gefehlt", an der "notwendigen physischen Härte", und er habe gegen sein "Wollen eine Legion von Leuten" gehabt, die "gegen dieses Wollen anstanken", so dass er sich "verzetteln musste in einem jahrelangen Kampf".

Von Sven Felix Kellerhoff

Derartige Selbstkritik wäre gewöhnlich durchaus lobenswert. Allerdings ist jedes Lob verfehlt bei einem Menschen, der darüber klagt, "nur" sechs Millionen Menschen vom Leben zum Tod befördert zu haben statt fast elf Millionen wie geplant.

Die Zitate stammen vom letzten der insgesamt 67 Tonbänder, auf denen sich Adolf Eichmann in seinem argentinischen Versteck 1956/57 über seine Beteiligung am Holocaust verbreitete. Sein Gesprächspartner war der holländische Journalist und ehemalige SS-Freiwillige Willem Sassen, bestens vernetzt in braunen Kreisen. Aus den Gesprächen sollte eine Art Rechtfertigungsschrift werden. Die 695 Blatt Transkriptionen dieses einzigartigen Interviews mit dem Organisator der Massendeportationen bilden die Grundlage für das Dokudrama "Eichmanns Ende", das die ARD am Sonntagabend ausstrahlt.

Der Film von Regisseur Raymond Ley setzt das seit vielen Jahren bekannte und im Bundesarchiv zugängliche Interview beeindruckend dicht in Fernsehbilder um. Fragen stellen sich bei der Lektüre des Protokolls genügend: Warum gibt ein weltweit, wenn auch mit durchaus geringem Nachdruck gesuchter Flüchtiger Stunde um Stunde Auskunft über seine Untaten? Warum lässt Eichmann sich von Sassen, einem ehemaligen Gesinnungsgenossen, beinahe vorführen? Was war sein Antrieb, das kleine private Glück in der Illegalität, unter dem falschen Namen "Riccardo Klement", derartig zu gefährden?

Der über 89 Minuten fesselnde Film zeigt, dass die Entdeckung und schließlich Entführung des NS-Verbrechers Eichmann nach Israel überraschenderweise nichts mit dem unvorsichtigen Interview zu tun hat. Dafür sorgte ein beinahe zynischer Zufall: Eichmanns ältester Sohn Klaus, genannt: "Nick", verliebte sich ausgerechnet in Silvia Hermann, die Tochter des deutschen Juden Lothar Hermann, der sich 1942 mit letzter Kraft nach Argentinien gerettet hatte.

Huldigung für Fritz Bauer

Diese Geschichte klingt so unglaubwürdig, dass man sie einem allzu simpel gestrickten Drehbuchautoren zuschreiben würde, wäre sie nicht nachweislich wahr. Lothar Hermann, der trotz oder gerade wegen seiner Blindheit fast besessen war von der Vorstellung, NS-Verbrecher der Gerechtigkeit zuführen zu wollen, spürte, dass etwas nicht stimmte mit Nick. Und der Emigrant überredete seine Tochter, ihm zu helfen. Sie bekam heraus, wo die Familie ihres Freundes lebte, sie ging sogar zu ihm nach Hause - und stand plötzlich Nicks Vater gegenüber.

Lothar Herrmann schrieb einen Brief an Hessens Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der sich aufrecht mühte, in Deutschland die juristische Aufarbeitung der NS-Untaten in Gang zu bringen. Doch Bauer hatte, aus schlechter Erfahrung, kein Vertrauen in die deutschen Ermittler - und übergab die Informationen lieber an den israelischen Geheimdienst.

Raymond Ley gelingt es, Eichmanns selbstgerechte Lebensbeichte gegenüber Sassen flüssig und selbstverständlich zu verschränken mit der Geschichte seiner Entdeckung. Das liegt vor allem an der großartigen Leistung von Herbert Knaup, der Eichmann intensiver verkörpert als wohl alle anderen Schauspieler, die sich bisher an dieser Rolle versucht haben. Im Fernsehspiel "Die Wannseekonferenz" von Heinz Schrick (1984) gab Gerd Böckmann den Organisator der "Endlösung" allzu sachlich-nüchtern. Im gleichnamigen US-Drama von Frank Pierson (2001) dagegen geriet Stanley Tucci die Figur zu wieselhaft-banal bei gleichzeitiger Diabolik, auch wenn er dafür mit einem Golden Globe als bester Nebendarsteller ausgezeichnet wurde. Thomas Kretschmanns Spiel in "Eichmann" (2007) litt dagegen unter schlecht erfundenen Einfällen der Drehbuchautoren.

Natürlich hatte es Knaup einfacher als seine Vorgänger: Der Originalwortlaut des Interviews liegt vollständig vor, als Tonband und schriftlich. Und die Situation seines Eichmanns ist weniger unvorstellbar als jene, die Böckmann und Tucci spielen mussten. Dennoch bleibt Knaups Leistung neben dem überzeugend verdichteten Drehbuch der Spielszenen die Stärke des Films.

Schwächen eines guten Films

Der freilich auch manche Schwäche hat. So gerät dem wie gewohnt großartig spielenden Ulrich Tukur die in Wirklichkeit höchst ambivalente Figur des Willem Sassen zu sympathisch. Cornelia Kempers hätte wohl mehr aus der Rolle der Vera Eichmann machen können. Ohne Relevanz sind die Zeitzeugen-Interviews; meist handelt es sich um "Erinnerungen" aus zweiter Hand. Denn die Hauptbeteiligten an "Eichmanns Ende", sein Sohn Nick und Silvia Hermann, mögen sich auch 50 Jahre später nicht äußern.

Im Abspann schließlich konterkariert Ley die Verlässlichkeit seiner sonstigen Recherchen. "Der Bundesnachrichtendienst wusste spätestens seit 1956 vom Aufenthaltsort Eichmanns in Argentinien", heißt es dort. Richtig ist jedoch, dass der - übrigens tatsächlich stark von alten SS-Seilschaften durchdrungene - westdeutsche Geheimdienst in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre neben Dutzenden anderen Hinweisen über Eichmann auch einen Informationssplitter bekam, dem zufolge sich er unter dem Namen "Clemens" in Buenos Aires versteckt halten solle. Diese vage Information wurde an die CIA weiter gegeben und versickerte dort - wie übrigens auch der Mossad den Hinweis von Lothar Hermann zwei Jahre lang ignorierte. Am großartigen Spiel von Herbert Knaup und an Leys Verdienst, das Sassen-Interview wieder entdeckt zu haben, ändern derlei Einschränkungen freilich nichts.

ARD , Sonntag, 21.45 Uhr

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