09.06.09

Staatsoper

Die Entführung fällt aus

Sie ist in seiner Hand, eine Gefangene. Irgendwann drückt Bassa Selim sie auf einen Stuhl. Mit ausgebreiteten Armen hinter ihr stehend flüstert er, der weißgeschminkte Mann, ihr etwas ins Ohr.

Von Volker Blech

Währenddessen beginnt das Orchester zu spielen. Wir hören nicht, was er ihr sagt. Und dennoch wissen es alle. Kurz darauf singt, schreit Konstanze ihre Arie "Martern aller Arten". Die Szene erinnert irgendwie an Gründgens' Mephisto. Wer ist gut, was böse? Zweifellos hat Michael Thalheimer das Sujet der fröhlich lärmenden Türkenoper beiseite geschoben und dafür Mozarts deutsches Singspiel sehr deutsch inszeniert. Es wird psychologisiert auf Teufel komm raus.

Er meidet alles Orientalische

Dafür kommt manches in seiner "Entführung aus dem Serail" an der Staatsoper Unter den Linden überhaupt nicht vor. Eigentlich findet gar keine Entführung statt. Die Thalheimschen verhaltensgestörten Figuren wären dazu kaum ernsthaft fähig und willens. Obendrein sucht das Auge vergebens nach etwas, was an einen Serail erinnert. Thalheimer meidet alles Orientalische wie der Teufel das Weihwasser. Kein bisschen Türken-Folklore, keine Religionsbezüge, keine politischen Anhauchungen, kein sinnesfroher Harem. Im Gegensatz zu Calixto Bieitos sexistischer Skandalinszenierung an der Komischen Oper dürfen die Sänger hier ihre Kleider anbehalten. Die Staatsoper pflegt nicht den Skandal, sondern den Tiefsinn. Bühnenbildner Olaf Altmann hat dafür einen schwarzen, leeren Bühnenraum auf zwei Ebenen geschaffen. Zwischendurch taucht auch einmal ein Stuhl auf. Das war's.

Theaterregisseur Michael Thalheimer hat sich in seiner mittlerweile dritten Opernregie wieder als ein Meister der gnadenlosen Reduktion bewiesen. Diese Verknappung muss man nicht mögen, sie wurde auch am Ende vom Premierenpublikum leidenschaftlich ausgebuht, sie hat dennoch ihre suggestive Wirkung, der man sich nicht entziehen kann. In gewisser Weise bringt Thalheimer etwas Ähnliches wie vor ihm Altmeister Achim Freyer auf die Staatsopern-Bühne. Freyer ließ bei "Eugen Onegin" die beziehungsunfähigen Hauptfiguren in sich ständig wiederholenden Sequenzen bis zum Überdruss aneinander vorbei laufen. Thalheimer raubt ihnen dagegen ihre Bewegungsdynamik, die Oper erstarrt regelmäßig in Installationen des Entferntseins. Zweifellos haben sich beide Regisseure für ihre Inszenierungsidee der raumgreifenden Lieblosigkeit das falsche Stück ausgesucht. Das aber wenigstens konsequent. Thalheimer offenbart sich zugleich als ein virtuoser Inszenator der Stille, des Innehaltens, der Selbstzweifel. Das beredte Schweigen kann vor allem im 1. Akt berücken. In diesem kargen Umfeld bekommt Sven Lehmann als mephistophelischer Bassa Selim deutlich mehr Bühnenpräsenz als üblich. Die Schnittstelle zwischen Oper und Schauspiel ist glaubwürdig angelegt.

Bei alledem kann sich Thalheimer auf seinen Dirigenten verlassen. Philippe Jordan hält die Mozart-Zügel fest in der Hand. Ein Abend der artifiziellen Verlässlichkeit - auch im Sinne Thalheimers. Unter Jordans Leitung spielt die Staatskapelle sprühend über alle Türkmusik-Possierlichkeiten hinweg, die Sänger werden feinschwingend in ihre Arien und Ensemble eingebettet. Das Singspiel mit seinen mehr oder weniger gekonnt vorgetragenen Dialogen ist vor allem ein musikalisches Ereignis. Wer will, kann getrost die Augen schließen und der Musik lauschen.

Wie erwartet dreht sich alles um Christine Schäfer, ihre Konstanze ist in dieser Produktion das eigentliche Ereignis der glaubwürdigen Empfindsamkeit. "Ach, ich liebte" - von Anbeginn hängt man erwartungsvoll an den Lippen der Berliner Sopranistin, deren edler Ausdruck immer eher den leidenden, denn den schwärmenden Koloraturen zuneigt. Ihr steckt die seelische Brüchigkeit aufs Schönste in der Kehle. Dort sammelt auch Pavol Breslik als ihr Retter Belmonte seine tenoralen Kräfte. Ein Mann mit feinem lyrischem Schmelz, selten auftrumpfend, immer kontrolliert. Er besingt keinesfalls das Draufgängertum eines Entführers.

Osmin ist eine grausame Figur

Leichter haben es erfahrungsgemäß immer die Finsterlinge. Der Italiener Maurizio Muraro als durchtrieben-feister Aufseher Osmin gewinnt deutlich an grausamer Statur. Der Typ in Trainingshosen verkörpert bei Thalheimer zu Beginn in etwa jenen Typ, den Heiner Müller einst mit Blick auf den Balkan-Konflikt umschrieb als einen Mann, der erst die Nachbarin vergewaltigt, dann die Familie mit der Axt erschlägt und schließlich Asyl im Westen beantragt. Nein, komisch ist dieser Osmin nicht. Muraro leiht ihm vollmundig seinen düsteren, in den Tiefen etwas dahin mulmender Bass.

Dagegen bringt die junge Sopranistin Anna Prohaska als das durchgeknallte Briten-Girlie Blonde eine gehörige Portion Spiellust in die Inszenierung ein, sie ist es, die so etwas wie lebenspralle Sympathie für sich ersingen kann. Alle Achtung! Damit steht sie buchstäblich allein auf weiter Bühne, denn ihr - in den Höhen leider etwas schwächelnder - Buffo-Partner Pedrillo (Florian Hoffmann) gerät eher zur Randfigur. Am Ende Jubel für die Sänger und Orchester.

Zu diesem Artikel gibt es eine Korrektur.

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