05.04.09

Bühne

Primaballerina der Deutschen Oper gestorben

Um sie war immer etwas Jenseitiges. Es war, als tanze sie stets in den Himmel hinauf. Eva Evdokimova war viele Jahre lang, von 1973 bis 1985, die Primaballerina wahrhaft assoluta der Deutschen Oper in der Bismarckstraße. Man eilte sich, sie zu sehen: ihre Delikatesse, ihr Stilgefühl, die zärtliche Perfektion ihrer Klassik.

Von Klaus Geitel

Alles, was sie auf der Bühne zeigte, war vorbildlich und musterhaft. Sie schien die Tanzklassik geradezu mit der Muttermilch aufgesogen zu haben. Sie war eine Tragödin durch und durch - wohl auch jenseits der Bühne. Sie schien auf der bitteren Erde nie ganz zu Hause zu sein.

Am 1. Dezember 1948 in Genf geboren, ihre Mutter war Amerikanerin, ihr Vater Bulgare, wuchs sie in München auf und besuchte dort auch die Kinderballettschule der Staatsoper. Später studierte sie Tanz in London und am ergiebigsten in Kopenhagen unter der Anleitung von Vera Volkova. Dort wuchs sie auch hinein in die einzigartigen Ausdruckswelten der Bournonville-Ballette, tatsächlich eine "Sylphide" von der Finger- zur Zehenspitze. Sie war 21, als sie in das Ballett in Berlin einschwebte. Alsbald stieg sie, unangefochten und stets nach Gebühr gefeiert, zur Primaballerina auf. Sie machte sich unersetzbar und unvergesslich. Sie zog mit dem kleinen Finger das Publikum unentrinnbar auf ihre Seite. Natürlich fand sie dabei tatkräftige Hilfe. Durch Gert Reinholm, den Ballettdirektor. Durch Rudolf Nurejew, ihren Gastspielpartner. Durch Valery Panov, den Choreographen, der für sie die angemessen attraktiven Rollen erfand. Aber über alles hinweg tanzte sie natürlich "Giselle", den Parade-Klassiker des Welt-Balletts.

Natürlich wollte man alsbald ihre Kunst auch in München, Wien und London bewundern. Sie wollte aber noch höher hinauf, als selbst sie zu tanzen vermochte. Ihr Ziel war es, wohl auf Grund unsachgemäßer Einflüsterungen, denen sie ein nur zu williges Ohr lieh, in Amerika eine eigene Compagnie zu gründen und zu leiten. Das aber ging unglücklicherweise daneben. Sie war offenbar wirklich nicht ganz von dieser Welt. Doch gerade diese kostbare Irrealität prägte sich dem Publikum ein und machte es nach Evdokimova geradezu süchtig. Sie tanzte sich hinauf in den Rang eines Fabelwesens. Von hoch oben ist sie nun, erst 60jährig, hinabgestürzt in den Tod. Es setzt nichts als Trauer und eine unauslöschliche Erinnerung.

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