04.05.12

Geschichte

Erzählungen auf einer Zugfahrt von Berlin nach Warschau

Der Berlin-Warschau-Express beginnt am legendären Bahnhof Zoo seine Reise gen Osten durch die ehemals geteilte Welt.

Von Christoph Klimke

Der Reichstag, das Brandenburger Tor, Pergamonmuseum, Fernsehturm am Alexanderplatz, Ostbahnhof und die immer noch grauen Vororte Ost-Berlins ziehen am Betrachter vorbei. Aber wo einst Stacheldraht und Wachtürme die triste Landschaft beherrschten, bestaunen nun Touristen aus aller Welt die Narben der Geschichte, hin und wieder sogar die übrig gebliebenen architektonischen Errungenschaften des Plattenbau-Sozialismus. Oder sie genießen im Zug ganz einfach das Angebot des Speisewagens, neue Bekanntschaften inklusive.

Keine Feindschaften mehr, keine Schauplätze für Spionage, keine Konkurrenz zwischen verfeindeten Gesellschaftssystemen, sondern den friedlichen Alltag in West- und Ost- Europa beschreibt der amerikanische Erzähler Michael Lederer in diesen achtzehn Kurzgeschichten mit wunderbar ironischer Distanz. Bei der Lektüre versteht man gleich, dass der Autor auch ein ausgewiesener Theatermann ist. Er führt nämlich seine Figuren wie ein Regisseur auf der Bühne. Und in den Erzählungen sind es die verschiedenen Städte, Länder, Autoraststätten oder ein fahrender Zug, wo die kleinen Dramen und großen Komödien spielen.

Michael Lederer wurde 1956 in Princeton, New Jersey geboren. Er schreibt Romane und Theaterstücke und ist Leiter des Shakespeare-Festivals in Dubrovnik, wo er heute - neben seinem Wohnsitz in Berlin - hauptsächlich lebt. Lederer kennt beide Kontinente und ihre jeweils ganz eigenen Lebenswelten. Dabei stellt er fest, dass ihre Unterschiede interessanter sind als ihre Mythen.

In "Das große Spiel" erweist Lederer sich als brillanter Chronist von Verlusten, zeigt Menschen, die durch die Maschen der mehr und mehr vernetzten Welt gefallen sind. So redet ein Vater in einem New Yorker Café mit seinem verstorbenen Sohn, als säße dieser bei ihm am Tisch und als müsse er sich seine Trauer ausreden. Ein Tramper lernt auf seiner Fahrt durch die USA lauter Verlorene kennen. In einer anderen Geschichte trinken Liebespaare Wodka und Champagner, verpassen und vermissen einander. Lederer zieht so nach dem Ende des Kalten Krieges Bilanz, was war, was ist. Unterwegs durch diese Kurzgeschichten, können wir Eindrücke und Erinnerungen behalten.

Michael Lederer: Das große Spiel. Berlin-Warschau-Express und andere Geschichten. PalmArtPress, 273 Seiten, 16,90 Euro

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