Ausstellung
Die Lust, sein Leben festzuhalten
Dienstag, 17. März 2009 03:06 - Von Falko HennigWas ist es nur, was die Menschen immerfort dazu bringt Chinakladden, Notizbücher, Kalender und sogar Holzblöcke mit Tagebuchnotizen zu beschriften? Diese Frage drängt sich angesichts der Ausstellung "@bsolut privat!" im Museum für Kommunikation auf.
- Von den pietistischen Diarien des 18. Jahrhunderts, von Kalendern und Chroniken spannt die Ausstellung einen Bogen über das Journal intime des 19. Jahrhunderts, bis zu Christa Wolfs "Ein Tag im Jahr" und die verschiedenen Formen von Internettagebüchern, den so genannten Weblogs. DJournale von Anne Frank finden genauso Berücksichtigung wie die Tagebücher des Nazi-Hetzers Joseph Goebbels.
Manische Tagebuchschreiber wüteten regelrecht mit ihren Büchern. Der Weimarer Satiriker Johannes Daniel Falk beschrieb sogar den aufgebrochen Rücken seiner Kladde geheimer Aufzeichnungen, so dass man seinen Text zerstören würde, machte man sich an die Reparatur des Buches. Ähnliches gilt für Virginia Woolf, die ihre Seiten zwischen die eines ledergebundenen Wälzers von Isaac Watts klebte, um sie später wieder herauszureißen. "Sirius" von Walter Kempowski ist ein kaum zu übertreffendes literarisches Tagebuch. Niemand verkörpert den Übergang vom klassischen Tagebuchschreiben zur Weiterverarbeitung im Computer und Verbreitung im Internet so gut wie der norddeutsche Schriftsteller und sein aus Hunderten von Tagebüchern komponiertes monumentales "Echolot". Kempowski war selber Blogger, und benutzte schon viele Jahre vorher für die Arbeit am "Echolot" die elektronische Textverarbeitung zu einer Zeit, als die meisten jüngeren Autoren noch mit Schreibmaschine tippten.
"Niemanden interessiert, was du heute zu Mittag hattest", lautet ein Vorwurf, der den Bloggern gemacht wird, jenen Schreibern, die ihre privaten, intimen und angeblich belanglosen Diarien im Internet für jeden Leser präsentieren. Doch ist die gegenwärtige Verteufelung des Bloggens nur eine Wiederholung der Debatte um die "Lesewut" und "Lesesucht" besonders bei "Weibspersonen" im 18. und 19. Jahrhundert. Damals sahen die Bildungseliten ihr Vorrecht beim Lesen in Gefahr. Es spricht einiges dafür, dass heutige Autoren, die sich über die Banalitäten in den Internettagebüchern erregen, in Wirklichkeit ihr Privileg im Veröffentlichen von Texten bedroht sehen.
Die vielleicht originellsten Ausstellungsstücke sind die Logs des Großvaters der Bloggerin Anke Gröner. Tatsächlich hat der alte Herr Tagebuch auf Holzklötze geschrieben, was schon sehr phänomenal ist, stammt doch das Wort "log" aus dem Mittelenglischen und bedeutet Holzstück. Logbuch usw. leitet sich vom Messen der Geschwindigkeit von Schiffen mittels Holzstücken ab.
Warum nun die Menschen Tagebücher führen, scheinbar alle Schichten und Altersklassen, woher dieser Drang kommt, die Zeit schriftlich festzuhalten, kann diese Ausstellung so wenig beantworten wie die emsigen Tagebuchschreiber selbst. Es hat wohl jeder seine eigene Erklärung und so manchem wird es gehen, wie Hermann Hesse.
Der schrieb: "Ach, zehn und mehr Tagebücher sollte ich führen. Drei, vier habe ich schon begonnen. Eines heißt 'Tagebuch eines Wüstlings', eines 'Urwald der Kindheit', eines 'Traumbuch', und mit allen diesen zehn Tagebüchern wäre nur erst notiert, nur erst geschrieben! Noch nicht gemalt und musiziert, noch nicht Freundschaft, Liebe, Hunger, Geschlecht, Lebensfülle gelebt, nein, der Tag müsste 1000 Stunden haben."
Die Ausstellung "@bsolut? privat!", Museum für Kommunikation, Leipziger Str. 16, Mitte. Tel. 20 29 40. www.museumsstiftung.de . 20. März bis 30. August. Katalog: 17,80 Euro.
Lesung Zur Ausstellungseröffnung am 19. März liest Manfred Krug aus seinem Buch "Abgehauen - Ein Tagebuch und ein Mitschnitt"





























