14.12.08

Job

Aus Liebe zur Fremdsprache

Der Student der Sprachen steht irgendwann an einer Wegkreuzung, pflegt Edward Vick zu sagen: "Er muss sich entscheiden: Entweder nutzt er Fremdsprachen als Werkzeug, oder er macht Fremdsprachen zu seinem Beruf."

Von Katja Ridderbusch

Edward Vick ist beide Wege gegangen. In Kanada als Sohn einer Österreicherin und eines Briten geboren, studierte der heute 50-Jährige an der Universität von Cambridge Literaturwissenschaft, arbeitete als Reiseleiter, als Englischlehrer, als Marketingfachmann. Seine Sprachkenntnisse - er beherrscht neben Englisch auch fließend Deutsch, Italienisch und Französisch - kamen ihm dabei zugute.

Aber Vick war nicht zufrieden. Er merkte: "Sprachen, das ist mein Leben." Und so gründete er 1991 das Übersetzungsbüro EVS Translation Services und ließ sich in Offenbach bei Frankfurt nieder.

Heute, 17 Jahre später, zählt EVS zu den größten Übersetzungsbüros in Europa mit mehr als 50 festen Mitarbeitern - Übersetzern, Dolmetschern, Sprachkoordinatoren - sowie einem Netzwerk von 1500 freien Übersetzern und Dolmetschern. EVS bietet 83 Sprachen an, darunter Aserbaidschanisch, Gälisch und Kurdisch. Einer der Schwerpunkte von EVS sind Finanzübersetzungen, vor allem Geschäfts- und Quartalsberichte sowie Aktienanalysen.

EVS hat neben dem Firmensitz in Offenbach auch Büros in Berlin, München, Köln, Nottingham (Großbritannien), Sofia (Bulgarien) - und neuerdings ein Büro in Atlanta im Süden der USA. "Wenn man in unserer Branche eine Rolle spielen will, muss man in den USA präsent sein", sagt Vick.

In den USA präsent

Die Herausforderungen des US-Marktes seien grundverschieden von denen in Europa, betont Vick. "In Europa geht die Richtung der Übersetzung meistens aus einer der Landessprachen ins Englische." In den USA ist es umgekehrt; Übersetzungen gehen "aus dem Englischen in fast alle Sprachen der Welt".

Als Beispiel nennt Vick den Brausegiganten Coca-Cola, dessen Hauptquartier sich ebenfalls in Atlanta befindet: "Da muss die Website für 200 Länder in 40 Sprachen übertragen werden." Als Einzelkämpfer oder kleines Übersetzungsbüro sei es deshalb fast unmöglich, in Amerika zu überleben. "Man braucht eine breite Palette von vielen Sprachen im Angebot." Amerika oder Europa, es sei das Schicksal von Übersetzern und Dolmetschern, dass sie "weitgehend unsichtbar ihre Arbeit verrichten, eine Arbeit, die für das Funktionieren der Gesellschaft fundamental wichtig ist", meint der Vielsprachler.

Das Image aufpolieren

Edward Vick will für den Beruf des Sprachmittlers werben und helfen, das Image aufzupolieren. Im Sommer hat er eine Vortragsreise durch britische Universitäten gemacht, 2009 will er amerikanische Hochschulen besuchen.

Vick wehrt sich gegen das weit verbreitete Vorurteil, der Beruf des Übersetzers sei nicht kreativ. "Jemand, der Finanztexte überträgt, kann durchaus kreativ sein, auch wenn das kurios klingt." Schließlich gehe es oft darum, den "Raum zwischen den Zeilen" zu übersetzen. Wenn zum Beispiel der Vorstandschef eines Unternehmens sagt: "Es wird innerhalb der nächsten zwei Jahre keinen Stellenabbau geben", dann habe der erfahrene Übersetzer oder Dolmetscher durchaus "diplomatische Spielräume", bemerkt Vick und schmunzelt.

Wer den Beruf des Übersetzers ergreifen wolle, muss laut Vick vier Voraussetzungen mitbringen: Liebe für Sprachen. Kenntnis der verschiedenen Länder, Kulturen und Menschen. Ferner Demut: "Als junger Übersetzer muss man lernen, dass man das Rad nicht neu erfinden kann." Deshalb gilt bei EVS die Regel: Wenn man ein Wort nicht kennt, markiert man es für den Korrektor, statt sinnlos Zeit mit Recherche zu verschwenden.

Voraussetzung ist Geduld

Die wichtigste Voraussetzung sei jedoch Geduld, viel Geduld. "Am Anfang muss man so direkt und vielleicht so langweilig wie möglich übersetzen", sagt Vick: "Da ist null Toleranz für Interpretation." Es dauere mindestens fünf Jahre, bis ein Berufsanfänger so sicher in der Technik des Übersetzens sei, dass er sich Spielraum für Deutung und stilistische wie regionale Anpassungen leisten könne. Dann kann der Übersetzer auch schon einmal vom Mittler der Sprachen zum Mittler von Kulturen werden. Das sei der Idealfall, sagt Vick, "wenn sich beim Übersetzen aus den Puzzelteilchen einzelner Wörter am Ende ein Gesamtbild formt" - ein Bild, dessen Farben in jeder Sprache und jeder Kultur etwas anders leuchten.

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