02.10.10

Sterbebegleitung

Die Weggefährtin

Zwei Frauen treffen sich, um schwerste Stunden gemeinsam zu überstehen. Die eine ist todkrank, die andere will ihr eine Stütze sein. Familien finden bei Sterbebegleitern Verständnis und Entlastung

Von Beatrix Fricke

Ich bin eine Zumutung, sagt sie. In dem Wort stecke Mut. Es erfordere Mut, zu ihr zu kommen.

Sie lehnt sich auf ihrem Bett zurück, schmiegt sich an die orangerote Decke. Durch die Fensterscheibe sieht sie die Äste einer Rosskastanie im Herbstwind schaukeln. Die Blätter sind kräuselig und braun gefleckt von den gefräßigen Larven der Miniermotten. Die Tiere bohren sich in die Blätter, entziehen den Blattzellen Nährstoffe, lassen das Grün des Baumes frühzeitig welken.

Ihrem Körper rauben die Krebszellen die Lebenskraft. Unaufhaltsam. Erst war nur die Brust, jetzt ist auch die Lunge befallen. Sie bekommt Morphium, Sauerstoff. Bisweilen schüttelt sie ein Hustenanfall. Am Fenster lehnt, neben einem Bild mit einer rot blühenden Rose, eine schlichte weiße Postkarte. Darauf ein Zitat von Kurt Schwitters: "Die Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache."

"Sie kennt den Weg"

Sie ist 45 Jahre alt. Name: Dr. Ursula Kleinhenz. Beruf: Sprachwissenschaftlerin und Lektorin. Sie bereiste für einen Fachverlag die ganze Welt. Betrieb in der Freizeit Leistungssport. Ist es gewöhnt, in der Fremde und allein zu sein. "Ich mache viel mit mir selbst aus", sagt sie. "Aber ich bin auch froh, wenn jemand auf mich zukommt. Oft merke ich dann, dass mir ein Gespräch gefehlt hat." So wie an jenem Donnerstag, als das Telefon mitten in einen Weinkrampf klingelte. Als sie mit letzter Kraft abnahm und Petra Runggaldiers Stimme hörte. Warm und beruhigend. "Sie kennt den Weg", sagte Ursula Kleinhenz über Petra Runggaldier, ihre Sterbebegleiterin. "Für mich ist das alles ja Neuland."

Die Frauen sitzen gemeinsam auf dem Bett mit der orangeroten Decke und lächeln sich an. Auf dem dunklen T-Shirt von Ursula Kleinhenz, der immer noch durchtrainiert wirkenden Frau mit dem braunen Teint, flattern zaghaft einige gelbe Schmetterlinge. Petra Runggaldier, hochgewachsen, mit strahlend blauen Augen, ist ganz in Weiß und Silbergrau gekleidet. An ihrer Halskette baumelt ein Kristall. Zum dritten Mal begleitet die 39-Jährige eine Schwerkranke auf dem letzten Stück des Wegs. Eigentlich besucht sie die Menschen zu Hause. Doch bei Ursula Kleinhenz ging plötzlich alles ganz schnell. Im Hospiz wurde ein Platz frei. Ursula Kleinhenz musste über Nacht entscheiden, ob sie ihre Kreuzberger Wohnung verlässt und ins Hospiz Schöneberg-Steglitz umzieht. "Da bin ich zusammengebrochen", erzählt Ursula Kleinhenz von diesem Donnerstag Mitte September. "Ich hatte Angst, dass ich meine Autonomie verliere. Dass es ein Abschied für immer ist." Petra Runggaldier hört aufmerksam zu.

Da sein. Zuhören. Rat geben. Oder auch ein Eis essen gehen, gemeinsam shoppen, vorlesen. All das gehört zu den Aufgaben eines ambulanten Sterbebegleiters. Allein das Nachbarschaftsheim Schöneberg, Träger des Hospizes in der Steglitzer Kantstraße, beschäftigt in seinem Hospizdienst - Schwerpunkt: Berlins Südwesten - 60 Ehrenamtliche. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 150 Menschen und ihre Angehörigen psychosozial betreut. "Ich bringe ein wenig Normalität zu den Sterbenden und damit ein Stück Lebensqualität", sagt Petra Runggaldier. Eine Begleitung kann wenige Stunden dauern oder auch Monate. In der Hälfte der Fälle sind es nicht die Sterbenden selbst, sondern die Angehörigen, die um Unterstützung und Entlastung bitten.

"Manchmal braucht der Partner des Schwerkranken die Anwesenheit einer zusätzlichen Person, um etwa Besorgungen machen zu können", sagt Carmen Dietrich, die mit ihrem Kollegen Stefan Schütz den ambulanten Hospizdienst koordiniert. "Doch oft sucht die Familie bei den Begleitern auch Rat und die Möglichkeit, sich auszusprechen."

Entlastung für die Familie

Die Begleiter kämen mit einem offenen Ohr und viel Verständnis. "Ihnen können die Angehörigen auch Dinge erzählen, die sie Verwandten und Freunden gegenüber niemals aussprechen würden", sagt Stefan Schütz. "Auch Gedanken, die sie selbst erschrecken. Da können sie ganz offen sagen: 'Wir pflegen ihn schon so lange. Manchmal hoffe ich, er hat es bald hinter sich.'" Das entlaste und helfe, die Situation weiter zu tragen.

Die Familie von Ursula Kleinhenz ist weit weg. Ihre Eltern sind verstorben, beide Brüder leben im Rheinland. Ihre Beziehung zerbrach an ihrer Krankheit. Im Oktober 2008 hatte Ursula Kleinhenz die Diagnose Brustkrebs erhalten. Sie bekam eine Chemotherapie, Bestrahlungen. Trotz allem joggte sie weiter, fuhr Hunderte Kilometer mit dem Rad, segelte, tanzte, arbeitete. "Für mich rückte die Krankheit in den Hintergrund", sagt sie. "Ich wollte richtig leben, er wollte, dass ich vernünftig bin." Jetzt habe er eine neue Frau kennengelernt. "Das finde ich gut", sagt Ursula Kleinhenz. "Es wäre schlimm für mich, einen traurigen Witwer zurückzulassen."

Als vor drei Monaten der Krebs mit aller Wucht zurückkam, sie auf einer Dienstreise in New Mexico einfach umkippte, rief sie noch aus dem Hotel und dann auf dem Rückflug bei jedem Zwischenstopp eine Freundin an, um bis zu Hause durchzuhalten. Ursula Kleinhenz hat viele Freunde und auch zu ihren Arbeitskollegen ein enges Verhältnis. Viele kommen vorbei, rufen an, mailen, begleiten sie auch mal zum Arzt. Und auch die Sportsfreunde aus ihrem Segelclub am Wannsee halten Kontakt, gerade die Senioren. "Die haben schon so viel erlebt, die kann man mit nichts erschrecken." Dennoch nahm Ursula Kleinhenz, als sie sich im Hospiz anmeldete, das Angebot einer Sterbebegleitung sofort an. "Das mit Petra ist etwas anderes", sagt sie. "Mit vielen Freunden und mit meiner Familie führe ich gute, oft überraschende Gespräche. Aber sie hat eine Ausbildung. Sie ist heimisch im Hospiz. Sie nimmt mir die Schwellenangst." Auch ihre Brüder sind froh, dass es Petra Runggaldier gibt. "Es ist sehr beruhigend, dass da jemand in der Nähe ist, der sie begleitet", sagt Alexander Kleinhenz (38). "Ich kann aus Leverkusen ja leider nicht mal schnell vorbeikommen." Zudem habe die Schwester einen sehr guten Draht zu Petra Runggaldier, könne gut mit ihr über Ängste und Sorgen reden. "Das tun wir Geschwister zwar auch. Aber eben nicht nur. Wir sind froh, auch mal unbeschwert lachen zu können." Petra Runggaldier ermögliche dafür den Raum. "Dafür bin ich ihr sehr dankbar, und ich bewundere ihre Stärke."

Ein halbes Jahr dauerte Petra Runggaldiers Ausbildung zur Sterbebegleiterin. Monate, in denen die Ehrenamtlichen Gesprächsführung trainieren, ihre eigene Biografie aufarbeiten und üben, die Bedürfnisse ihres Gegenübers zu erkennen. Petra Runggaldier sieht sich als "Anwältin" ihrer Schützlinge, will für ihr Wohl sorgen. Sie begleitete Ursula Kleinhenz bei der Besichtigung des Hospizes, milderte im Gespräch ihre Angst vor dem Umzug, setzte ihr zur Begrüßung einen Plüschhasen aufs Bett. Um ihr zu zeigen, dass in jedem von uns ein Angsthase steckt. "Es ist mir wichtig, dass es dir gut geht", sagt Petra Runggaldier und wirft Ursula Kleinhenz einen liebevollen Blick zu.

Für Petra Runggaldier ist das Hospiz "eine Insel im Alltagsleben". Die Vorbereitung auf die Arbeit sei sehr lebendig gewesen. Und bei der Sterbebegleitung bekomme sie viel zurück. "Ich habe die Möglichkeit, existenzielle Themen kennenzulernen, erlebe berührende Momente und eine besondere Qualität von Nähe." Seit drei Jahren arbeitet die Diplom-Heilpädagogin, die im Hauptberuf Therapeutin in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis ist, als ehrenamtliche Sterbebegleiterin. Einmal die Woche besucht sie die Menschen, die sie begleitet, manchmal auch öfter. Einmal im Monat bietet das Hospiz eine Supervision an. Dort können die Ehrenamtlichen besprechen, was ihnen schwierig erscheint oder allzu nahe geht. Petra Runggaldier ist freiberuflich selbst als Supervisorin unter anderem in der Hospizarbeit tätig.

Der Tod ist kein Tabu

In ihrem Bekanntenkreis erlebt sie viel Anerkennung und Interesse an ihrer Arbeit, aber auch Verwunderung. "Das könnte ich nicht", hört sie oft. "Mich hat das Thema Sterben schon im Studium interessiert, und ich wollte mich ehrenamtlich engagieren", sagt sie. "Vor vier Jahren verlor ich dann eine gute Freundin und erlebte ihren Tod viel natürlicher, als ich gedacht hatte. Das hat mir bestätigt, dass ich bei so einer Arbeit am richtigen Platz wäre."

In den Gesprächen zwischen Petra Runggaldier und Ursula Kleinhenz ist der Tod kein Tabu. Beide bedauern, dass über das Sterben und den Tod in Deutschland nur selten und eher verkrampft gesprochen wird. "Aber andererseits ist es gut, dass der Tod eine eigene Welt ist, an die man nicht täglich denkt", sagt Ursula Kleinhenz. Sie selbst hat sich eine Zeitlang damit beschäftigt, ihrem Leben eigenhändig ein Ende zu setzen, kurz nach dem Rückfall in New Mexico. "Aber dann ging es mir immer schlechter, und je schlechter es mir geht, desto mehr hänge ich an allem."

Sie sagt, dass sie oft "supertraurig" sei, gehen zu müssen. Nachts habe sie manchmal Panikattacken. Aber wütend oder unversöhnlich sei sie nie. "Das Leben, das ich hatte, war klasse. Ich war immer privilegiert. Auch wenn ich jetzt natürlich mit allen möglichen Leuten tauschen würde."

Es wäre schön, noch einige "richtig gute Tage" zu haben, sagt Ursula Kleinhenz und hält inne. "Noch mal tanzen. Radfahren. Am Wannsee sitzen, die Masten klirren hören." Und wieder hört Petra Runggaldier aufmerksam zu. "Ich komme jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit hier am Hospiz vorbei und sage dir innerlich guten Morgen", sagt sie ganz nebenbei, während sie die Gläser auf dem Tisch zusammenräumt. "Ich könnte da mal auf einen Sprung bei dir reinschauen."

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