06.07.09

Soziales Engagement

Schauspielerin kämpft für das Oderbruch

Ruhe, Abgeschiedenheit und eine einmalige Flusslandschaft genießt Nadeshda Brennicke im Oderbruch. Vor zwei Jahren hat sich die Film- und Fernsehschauspielerin in das einsame Gehöft direkt an der Alten Oder verliebt.

Von Jeanette Bederke

Seit dem züchtet die 36-Jährige dort Pferde, wenn sie nicht gerade vor der Kamera steht. Doch seit ein paar Wochen ist die selbst gewählte ländliche Idylle gestört, Brennicke fühlt sich stattdessen, als lebe sie auf einem Pulverfass.

"Ich komme mir vor wie ein Versuchskaninchen", sagt die Künstlerin. Die naturverbundene Schauspielerin traut dem Frieden nicht. Vor Kurzem hatte die Bundesregierung ein Gesetzesvorhaben aufgegeben, das die Einspeisung von Kohlendioxid in tiefen Erdschichten vorsah. "Auch wenn das Gesetz vorläufig nicht kommt, glaube ich, dass das Thema noch nicht vom Tisch ist", sagt Brennicke. Die bisherigen Pläne sahen vor, dass der Energiekonzern Vattenfall Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Erde des Oderbruchs pumpen könnte. Im Raum Neutrebbin plante der Konzern ein unterirdisches Endlager für den Klimakiller, der bei der Braunkohleverstromung entsteht. Angeblich sei das Vorhaben sicher, doch Brennicke traut dem Frieden nicht. Allein die Vorstellung, dass Millionen Tonnen verpressten CO2 irgendwo unkontrolliert wieder austreten könnten, lässt sie erschaudern. "Die Natur wehrt sich, wenn es ihr zu viel wird", meint sie vielsagend.

Um diesen Supergau zu verhindern, will Brennicke aktiv werden, auch unter Ausnutzung ihrer Prominenz. Schätzen gelernt hat sie nicht nur die unberührte Natur, sondern auch die Menschen, die im Oderbruch leben. "Das ist ein ganz eigener Menschenschlag. Die Leute sind teilweise Eigenbrödler, aber immer echt und vor allem verlässlich", sagt die gebürtige Bayerin, die eigenen Angaben nach "eine gewisse Portion Authentizität" zum Leben brauche. So wie sie die Oderbrücher kennen gelernt hat, ist es für die Schauspielerin nicht verwunderlich, dass die sich nun mit allen Kräften gegen die Vattenfall-Pläne wehren.

Überrumpelt

"Im April wurde im Wriezener Rathaus bekannt, dass demnächst geologische Erkundungen für unterirdische CO2-Speicher beginnen sollen", erinnert sich Tierärztin Karla Stumpe, die für die SPD im Stadtparlament sitzt. Nach der anfänglichen Überrumpelung geben sich die betroffenen Anwohner inzwischen kämpferisch, gründeten die Bürgerinitiative "Contra CO2-Endlager" und sammeln Unterschriften für Petitionen an den Brandenburger Landtag und den Bundestag. Bisher haben mehr als 12 000 Menschen im Oderbruch und im Raum Beeskow, wo ein weiterer unterirdischer Kohlendioxidspeicher geplant ist, auf diese Weise ihren Protest zum Ausdruck gebracht.

Auch in der Region ist die Ablehnung gegenüber den Vattenfall-Plänen unübersehbar: So hängen derzeit in Neutrebbin, Wriezen und anderen Orten neben Protestplakaten auch alte Hüte und Mützen an Türen und Toren. "Wir symbolisieren damit, dass die Braunkohleverstromung für uns ein alter Hut ist und statt dessen mehr auf regenerative Energien gesetzt werden sollte", erläutert Ulf Stumpe. Schließlich habe das Oderbruch genügend alternative Energiequellen wie Biogasanlagen und Windräder. "Das reicht, um die Region zu versorgen. Wir sind nicht bereit, die Abfälle anderer aufzunehmen." Die Oderbrücher wollen nicht einfach übergangenen werden. Notfalls würden sie bis vor das Bundesverfassungsgericht ziehen, um ihre Grundrechte als Bürger einzuklagen.

Teilerfolg errungen

Auf Bundesebene gab es zumindest einen Teilerfolg: Das für die Kohlendioxid-Endlagerung notwendige Gesetz wurde auf Eis gelegt. Zu groß waren offenbar die Bedenken gegenüber der von Vattenfall vertretenen CCS-Technologie zur Abscheidung des Klimakillers bei der Braunkohlenverstromung. "Wir haben eine kleine Etappe gewonnen, doch das Thema ist noch längst nicht vorbei", sind sich Stumpes und Schauspielerin Brennicke einig. Brandenburgs Ministerpräsident wolle schließlich die Braunkohlenindustrie und die damit verbundenen Arbeitsplätze in der Lausitz halten, auf Kosten der Sicherheit eines dünn besiedelten Landstrichs.

Deswegen wollen die Oderbrücher weiterhin mit öffentlichkeitswirksamen Aktion "am Ball bleiben" und über die Risiken des Projekts aufklären, die laut den Stumpes nicht an den Grenzen des Oderbruchs halt machen würden.

"Dieses Verantwortungsgefühl bin ich meinem Sohn schuldig. Dem kann ich doch kein vergiftetes Land hinterlassen", sagt die 36-jährige alleinerziehende Mutter, die entschlossen ist, ihre lange gesuchte neue Wahlheimat im Oderbruch zu verteidigen.

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