06.05.02

Der Fall Gartenschläger

Von Michael Mielke

«Das dritte Ding hole ich auch noch weg», sagte Michael Gartenschläger im April 1976. Gemeint waren die berüchtigten Selbstschussgeräte vom Typ SM 70 an der innerdeutschen Grenze, ihre Existenz wurde von der SED stets geleugnet. Zweimal schon war es dem damals 32-Jährigen gelungen, die Todesmaschinen abzumontieren und der Öffentlichkeit zu präsentieren - für die um internationale Anerkennung buhlende DDR eine Katastrophe. Schließlich wurde Michael Gartenschläger eine tödliche Falle gestellt. Es war der 30. April 1976.

26 Jahre später beginnt vor dem Berliner Landgericht ein Prozess gegen die mutmaßlichen Schreibtischtäter. Angeklagt wegen des «Verdachts des Totschlages in mittelbarer Täterschaft» sind der 90-jährige Generalleutnant a.D. Karl Kleinjung, der 69-jährige Oberst a.D. Helmut H. und der 60-jährige Oberstleutnant a.D. Wolfgang S. Sie sollen im April 1976 als Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit die «Festnahme bzw. Vernichtung der Täter» angeordnet, einen entsprechenden «Maßnahmeplan» erarbeitet und unterschrieben haben.

Aus seinem Hass gegen das DDR-Regime hatte Gartenschläger nie ein Hehl gemacht. Es begann, als er 17 war. Er lebt im brandenburgischen Strausberg, hört Platten von Ted Herold, liest Western-Hefte und besucht Kinos im nahen West-Berlin. Am 13. August ist damit Schluss. Der Schlosserlehrling, über den Bau der Mauer zutiefst verbittert, pinselt gemeinsam mit Freunden Losungen an Fassaden: «SED - nee". Und als «Fanal der Freiheit» zünden sie eine alte, leer stehende LPG-Scheune an. Das ist für die DDR-Staatsanwaltschaft «Sabotage» und «konterrevolutionäres Bandentum".

Gartenschläger wird im September 1961 vom Bezirksgericht Frankfurt/Oder in einem Schauprozess zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Seine Eltern dürfen ihn nur vierteljährlich besuchen. Nach ihrem Tod, darf er nicht zu ihrer Beerdigung. Er versucht auszubrechen, wird als «erziehungsunwürdiger Sondersträfling» eingestuft. Viele Monate verbringt er in Einzelhaft.

1971 kann ihn die Bundesrepublik frei kaufen. Gartenschläger lebt fortan in Hamburg, hält aber weiterhin Kontakt zu Dissidenten. Er verhilft 31 DDR-Bürgern zur Flucht und trägt sich sogar mit dem Gedanken, den damaligen DDR-Verteidigungsminister Heinz Hoffmann zu entführen. Sein größter Coup aber sind die demontierten SM 70. «Den dritten Todesautomaten wollte Michael vor der Ständigen Vertretung der DDR in Bonn aufstellen», berichtet später ein Freund.

Aktenfunde in MfS-Archiven verraten, dass Gartenschläger auch in Hamburg von Stasi-Zuträgern bespitzelt wurde. Folgerichtig war im Stasi-Ministerium detailliert bekannt, dass der ehemalige DDR-Bürger Gartenschläger Ende April 1976 erneut einen Todesautomaten abbauen wollte. Am «Großen Grenzknick» zwischen den Ort schaften Wendisch Lieps (damaliger Bezirk Schwerin) und Bröthen (Schleswig-Holstein). Im November 1999 räumten drei ehemalige Mitarbeiter eines Stasi-Sondereinsatzkommandos vor dem Landgericht Schwerin dann auch ein, genau zu dieser Zeit an genau diese Stelle des innerdeutschen Grenzabschnitts kommandiert worden zu sein. Sie sollen auf Gartenschläger geschossen haben, obwohl der schon getroffen am Boden lag. Das bestritten sie und beschrieben eine Notwehrsituation: Der mit einer Pistole bewaffnete Gartenschläger habe als erster geschossen. Darauf hin wurde das Feuer erwidert. «Als nach einigen Sekunden gespenstischer Ruhe ein Scheinwerfer ein geschaltet wurde", so einer der Angeklagten, war Gartenschläger tot. Die Angeklagten wurden frei gesprochen, die Ereignisse waren nicht mehr eindeutig zu rekonstruieren.

Im aktuellen Verfahren wird es nun vorrangig um die Interpretation von Stasi-Protokolle gehen. Vor allem um jenen Maßnahmeplan vom 26. April 1976, in dem Worte wie «Vernichtung» auftauchen. Aber auch Meldungen wie die des angeklagten 90-jährigen Stasigenerals Karl Kleinjung: «In der Nacht vom 30.4.1976 zum 1.5.1976 betrat im Abschnitt des Grenzregimentes 6 Schönberg, auf Höhe der Grenzsäule 231, der Gartenschläger das Territorium der DDR mit dem Ziel, eine weitere SM 70 abzubauen", resümierte Kleinjung Anfang Mai 1976. «Bevor er die Tat ausführen konnte, wurde Gartenschläger durch Sicherungskräfte der DDR liquidiert."

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