27.10.13

Reportage

Angry Birds in Nordkorea

Von Sören Kittel

Die Schlange sieht aus, als könne sie jederzeit aus dem Flaschenhals kriechen. Ihr Kopf schwebt unter dem Deckel, der dünne Bindfaden, der am Hals der Flasche festgemacht ist, ist kaum zu erkennen. Ihr Körper liegt in einer gelblichen Flüssigkeit, wie Formaldehyd. Wer daran riecht, dreht sich meist sofort angewidert weg. Es ist der Schnaps, den Nordkoreaner trinken. Nun steht er in meiner Berliner Küche.

Riech doch mal, so riecht es in Nordkorea.

Dieser Geruch bringt auch den Osten zurück, den ich kannte, bis ich zehn Jahre alt war. Er riecht wie das Gegenteil von "Westpaket", nach einer Mischung aus Muff, Fäule, etwas undefinierbar Säuerlichem, so wie ein alter Duftstein auf einer Kneipentoilette. So roch es tatsächlich in Hotelräumen oder Restaurants in Pjöngjang oder im Museum an der Grenze zu Südkorea, wo Kim Il Sung vor genau 60 Jahren den Waffenstillstand mit dem Nachbarland unterschrieb. Die Flasche stammt aus einem Laden in "Panmunjom", jenem Grenzposten, an dem sich alle Probleme des Nordkorea-Tourismus bündeln: das Gespenstische, das Traurige, das Komische, das große Weltpolitische und das Theatralische. Die Schlangenflasche erinnert daran, dass dieses Land etwas konserviert, das tot geglaubt ist, ein System, das nirgendwo sonst in der Welt mehr existiert.

Ein Berliner in Nordkorea, das ist auch immer: ein Westbesucher. Keine Coffeeshops, nur wenige Geschäfte, keine Werbung mit schönen Menschen an den Hauswänden, Internet nur für eine Minderheit. Da kommt jemand in Jeans und Markenhemd in ein Land, in dem, so sagen zumindest Nordkoreaner, die Menschen noch zusammenhalten, in dem sie improvisieren müssen, weil ihnen nicht alles zur Verfügung steht. Im Süden heißt es, macht man sich auch heimlich lustig über Kim Jong Un, den Staatsführer. Wenn am 9. November die Deutschen ihrer Wiedervereinigung gedenken, werden Südkoreaner sagen: "Ihr habt es hinter euch". Sie meinen dann die hohen Kosten. Nordkoreaner hoffen auf das, was passiert, wenn "wie bei euch" die Mauer fällt: Dann werde alles gut.

Es gibt ausgerechnet Hamburger

Die Reise beginnt in Peking, am Check-in-Schalter nach Pjöngjang, vor mir stehen zwei Nordkoreanerinnen auf dem Weg in ihre Heimat. Sie sind schlank, tragen Röcke bis zu den Knien und haben viel Gepäck dabei. Wenn sie sich in meine Richtung umdrehen, schauen sie an mir vorbei, zumindest dann, wenn ich aufschaue. Schon im Flugzeug nach Pjöngjang ist das zu sehen, was alle von Nordkorea erwarten: das Absurde. Die Erfrischungstücher mit aufgedrucktem "Koryo"-Logo werden von vielen ungeöffnet eingesteckt. Alles hat plötzlich Souvenir-Charakter. So schnell kommt keiner wieder her. Zu Essen gibt es ausgerechnet Hamburger, von denen es heißt, Kim Jong Il habe sich dieses Gericht ausgedacht. Die Stewardess bringt Plastikbecher für die Getränke, sie wird sie später wieder einsammeln. Sie sehen aus, als würden sie geputzt und wiederverwendet. Beim Sicherheitsvideo auf den Flachbildschirmen läuft im Hintergrund eine bekannte Melodie – "Dreams" von den "Cranberries".

Wir bekommen die "Pyongyang Times", eine englische Wochenzeitung mit acht Seiten im Tabloidformat. Auf Seite 1 steht, dass Kim Jong Un eine Fabrik besucht hat. Im Artikel dann genauer, wie er Dinge angeschaut und für gut befunden hat. "Um die Produktion auf einem hohen Level zu normalisieren", so habe Kim Jong Un gesagt, "sollte die Fabrik das bereits vorhandene Material noch verbessern." Die meisten Artikel in der DDR-Presse begannen mit "Der Generalsekretär des ZK der SED und Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker, …" Dann stand dort auch, dass es gut voran ginge, dass er eine Fabrik besucht habe. Sicher haben Besucher aus dem Westen damals über solche Meldungen gelacht.

Auf der Fahrt zum Hotel fotografieren wir die Fassaden von Plattenbauten und dazwischen Standbilder von Kim Il Sung und Kim Jong Il. Die ostdeutschen Architekten, die beim Bau von Pjöngjang mithalfen, haben ihre Handschrift hinterlassen: Hochhäuser mit zehn bis 20 Stockwerken, grau, heruntergekommen mit großen Wasserflecken. Wenn sie angestrichen wurden, dann haben diese Wasserflecke verschiedene Farben. Neben unserem Bus schreibt ein Nordkoreaner Fahrrad fahrend eine SMS, Frauen laufen in weißen Blusen und Blumensträußen die Straße entlang, sie tragen einen Anstecker mit Kim Il Sung "über dem Herzen". In einem vorbeifahrenden Bus erkenne ich einen Mann, der eine Art nordkoreanisches iPad in der Hand hält.

Im Chongnyon-Hotel dann zum ersten Mal dieser Geruch, fast beißend, in der ganzen Lobby. Obwohl viele Lichter brennen, wirkt es dunkel in der großen Halle. Von vier Fahrstühlen funktioniert einer. In den Youtube-Reisevideos hatte ich gesehen, dass meist nur die Etage bewohnt ist, in der die Reisegruppe wohnt. Wir beziehen den 21. Stock. Im Zimmer beginnt die Suche nach den Abhöranlagen. Wir finden nichts. Der Spiegel ist wirklich nur ein Spiegel, die Kommode zu verankert, um sie zu verrücken. Vielleicht ist diese Suche nach Mikrofonen schon das eigentlich Beunruhigende.

Nordkorea wird ausgelacht und gefürchtet. Es heißt "Demokratische Volksrepublik Korea", hat einen Präsidenten, der – obwohl seit 19 Jahren tot – offiziell noch immer im Amt ist, und es gibt einen Staatschef, Kim Jong Un, der womöglich seine Ex-Freundin hat ermorden lassen, der ein 3D-Kino eröffnet, den USA mit Krieg droht und den Basketballer Dennis Rodman umarmt. Das alles passierte in wenigen Wochen Abstand, in diesem Jahr. Nordkorea braut das beste Bier Asiens, hat die gefürchtetsten Straflager und das niedrigste Pro-Kopf-Einkommen . Südkorea soll 50 Mal fortschrittlicher sein, die Einwohner sind dort zehn Zentimeter größer, weil im Norden noch immer Nahrungsmittel knapp sind, obwohl gleichzeitig der Staatsführer für fast eine halbe Million Euro jährlich Wein in Frankreich bestellen soll.

Das Ziel am zweiten Tag in Nordkorea ist der Strand von Wonsan. Durch den Sand ist ein Zaun gezogen, aber der habe keine Funktion. Wir könnten auf beiden Seiten baden, heißt es. Auf unserer Seite baden vielleicht fünf Nordkoreaner im Wasser, auf der anderen Seite mindestens 300. Der Drahtzaun führt im Wasser in einen Beton-Steg. Wir schwimmen zu diesem Steg. Die Tour-Guides schauen so, als kennen sie das Spiel mit den Touristen, die immer an den Zaun wollen.

Ich schwimme an eine Stelle, von wo ich den Steg besteigen kann. Plötzlich stehe ich inmitten von Nordkoreanern. Das südkoreanische "Annyeong" für "Hallo" funktioniert hier auch. Kinder winken zurück, Jugendliche grinsen zurückhaltend. Die Mädchen tragen Hello-Kitty-T-Shirts, die Jungs haben Aufdrucke von Donald Duck. Ich setze mich zu einer Gruppe auf dem Steg. Darum geht es doch bei solchen Westbesuchen, um Kontakt. Sie sprechen wenig Englisch: Woher kommst du? – "Aus Pjöngjang" – Was macht ihr hier? – "Urlaub, eine Woche." – Wie heißt du? – "Schildkröte". – Ist das dein Spitzname? – "Ja, so heiße ich. Woher kommst du?" – Berlin, Deutschland. – "Ich verstehe nicht, was ist das?"

Als ich noch darüber nachdenke, ob sie wirklich nicht wissen, wo Berlin liegt, ruft der Tour-Guide zum nächsten Programmpunkt: "Fußballspielen mit Nordkoreanern!". Vier Nordkoreaner stehen in vier lila Badehosen da und wollen Tore schießen. Sie dribbeln, lachen, wenn sie in den Sand fallen, sie rufen einander zu, wenn sie freistehen, sie schwitzen und nach dem Abpfiff gehen sie. Sie schütteln unsere Hände, aber es bleibt eine distanzierte Begegnung, ohne Austausch. Wir haben Teams gewechselt, wir haben Tore geschossen. Am Ende stand es 3:3.

Die kommenden Tage sind voller Programmpunkte: ein Museum, das einen Stuhl ausstellt, auf dem Kim Il Sung gesessen hat, eine Schule, in der uns Mädchen zum Tanzen auffordern, ein Spa mit Sauna, ein Luxus-Geschäft für Ausländer und eine Bowlingbahn. Immer wieder sind also Orte darunter, die überall sein könnten. Wir stehen im Mausoleum, in dem jetzt auch ein Saal für Kim Jong Il aufgebaut ist. Ich lasse mich in einer Luftschleuse von Staub befreien und stehe dann in Viererreihe vor seinem Sarg, der Raum ist in dunkles Rot getaucht, hinter mir in der Schlange steht eine Nordkoreanerin und schluchzt laut auf. Ich gehe noch einen Schritt vor und verbeuge mich. Dabei schaue ich nach vorn und sehe direkt in seine Nase. Manchmal sehe ich andere West-Besucher in der Schlange. Sie haben diesen Blick, der sagt: "Was passiert hier gerade mit uns?" Oder: "Toll, dass wir das machen, irre."

Es werden zwei Blumen ausgestellt

Diese Gleichzeitigkeit von Lüge und Vision wird im Blumenmuseum in Pjöngjang sehr deutlich. Dort sind nur zwei Blumen ausgestellt, die "Kim Il Sungia" (lila und klein) und die "Kim Jong Ilia" (groß, rund und rot). Es riecht nach Schimmel und Raumspray, im Ausstellungsraum steht zwischen den Blumen nur Gerümpel. Es wirkt, als wäre keine Kraft mehr da, um nur die schönen Seiten zu zeigen. Die tadellos gekleidete Museums-Führerin erklärt stolz alles über die Herkunft dieser künstlichen Pflanzen. Jemand fragt: "Welche Blume gefällt Ihnen besser?" Die Dame lächelt eisern und sagt: "Uns gefallen beide Blumen genau gleich gut."

Gegen Ende der Reise kaufe ich für 120 Euro das nordkoreanische iPad. Die Kopfhörer funktionieren nicht, aber als ich links einen kleinen Knopf drücke, schaltet es sich ein. Ein Android-System-Bildschirm öffnet sich, auf dem eine Rakete abgebildet ist. Viele Apps sind vorinstalliert, "Angry Birds" und "Zombies gegen Pflanzen" sieht genauso aus wie auf einem westlichen Tablet-PC. Das Basketball-Spiel gibt es wohl, weil Kim Jong Un Basketball so mag. Aber zwischen den 50 Büchern von Kim-Jong-Il und einem Wörterbuch gibt es auch: einen Ego-Shooter mit Panzern. Virtueller Krieg auf Nordkorea-Tablet wird im Reisebus der Unterhaltungshit. Nur das Internet will nicht funktionieren, trotz des vorinstallierten Internet-Browsers.

Am vorletzten Tag stehen wir an der Grenze zu Südkorea, der kleinen Sonderzone "Panmunjom", nicht nur für Koreaner ein besonderer Ort. Hier stehen sich zwei Länder gegenüber, aber auch zwei Supermächte und zwei Systeme: USA und China, Demokratie und Diktatur. Keine Mauer, nur ein zehn Zentimeter hoher Betonstreifen bildet die Grenze. Manche Analysten sagen, dass genau hier der dritte Weltkrieg ausbrechen könnte, jederzeit. Es müsste nur jemand schießen oder die Grenze übertreten.

Unsere Gruppe winkt. Jeder von uns war schon auf der Südseite von Panmunjom. Dort ist sogar der Blitz des Fotoapparats verboten, es gelten sehr strenge Regeln bis hin zur Kleidung und dem Verhalten. Ein US-Soldat auf der anderen Seite winkt nicht zurück. Er geht zu einem Fernrohr und schaut hindurch. Vielleicht machen sie Bilder von uns, den Winkenden im Nordteil auf Panmunjom. Wir dürfen hier viel: Die Offiziere lassen sich den Hut vom Kopf nehmen, sie posieren Arm in Arm mit uns an der Grenze. Einer der Offiziere zeigt auf eine Hügelkette: Dort hinten die Gebäude gehören zu Kaesong, dem gemeinsamen Nord-Süd-Industriekomplex, der im Frühjahr geschlossen wurde, aber gerade wieder geöffnet wurde.

In einem kleinen Touristen-Geschäft kaufe ich den Schnaps mit der Schlange darin. Zwischen all den T-Shirts und Schirmmützen mit "Willkommen in Pjöngjang"-Aufdruck ist das vielleicht das beste. Die Verkäuferin sagt noch, dass die Schlange gegessen werden kann, wenn der Schnaps alle ist.

Das letzte Gespräch mit einem Nordkoreaner findet am letzten Abend in der U-Bahn in Pjöngjang statt. Die Station ist groß und mit prächtigen Mosaiken gestaltet, lächelnde Arbeiter, DDR-Kindheits-Heimatgefühl. Dann fährt die U-Bahn ein, die Wagen, die 1992 aus Berlin importiert wurden. Aus einem Lautsprecher kommt sehr laut eine Stimme, es sind die Mittagsnachrichten, die immer um 12 Uhr verkündet werden. Dort also stehe ich unter den Kim-Porträts, neben einem Platz, der in Berlin für Rentner reserviert ist, hier für "Helden der Revolution". Ein Nordkoreaner liest ein Buch. Auf der aufgeschlagenen Seite ist auf Deutsch zu erkennen: "Junge (8) an Autobahnraststätte zurückgelassen". Darunter ein langer Text. Ein Deutsch-Lehrbuch? Jemand, der das Wort "Autobahnraststätte" auf deutsch versteht, versteht auch mich.

– Sprechen Sie Deutsch? – "Ja."

–Warum lernen Sie Deutsch?

– "Es tut mir leid, ich kann nicht mit Ihnen reden."

Die U-Bahn hält, wir steigen aus. Vielleicht gibt es auch nur drei Haltestellen? Hundert Meter weiter oben stehen wir vor dem "Triumphbogen". Der Deutschlernende steht stumm dort, raucht, wartet. "Möchten Sie Zigaretten?" – "Nein, danke." Er wendet sich zum Gehen. Ich frage: "Kommen Sie einmal nach Berlin?" Er dreht sich um, bleibt stehen und er sagt deutlich, bevor er eine Treppe: "Das. Ist. Leider. Nicht. Möglich." Dann geht er zu einer Unterführung und: "Auf. Wieder. Sehen." Er sieht mich direkt an.

Nur wenige Minuten später sitzen wir festgeschnallt auf einem 60 Meter hohen Freifallturm in einem Vergnügungspark gleich neben dem Triumphbogen. Es ist der letzte Punkt im Spaßprogramm für den Nordkoreareisenden. Westbesucher müssen nicht anstehen. Der Sitz fährt nach oben und wir warten auf den freien Fall. Es ist windig, Dämmerung über Pjöngjang, nebenan das Kreischen von der Achterbahn, dem Karussell, der großen Schiffsschaukel. Die Fenster der Hochhäuser sind beleuchtet, Plattenbauten, wie im Dresdner Stadtteil Gorbitz, im Berliner Marzahn oder im Rostocker Lichtenhagen, vor der Wende.

Rund um den Triumphbogen stehen viele Nordkoreaner zusammen, es sieht wie ein Aufmarsch aus, oder eine Demonstration. In den Zeitungen stand nichts davon. Ich atme noch einmal durch, weil es hier oben diesen Konservierungs-Geruch nicht gibt, der Nordkorea so unerträglich macht. Ein Mauerstück drückt in meiner Tasche, und neben mir winkt eine Nordkoreanerin ihren Freunden am Boden. "Klack", macht es. Wir fallen.

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