Die letzte Frage: Jessica Schwarz, Schauspielerin
Wie viel Romy steckt in Ihnen, Frau Schwarz?
Sonntag, 1. November 2009 08:00Berliner Illustrirte Zeitung: Was war die erste spontan Reaktion auf das Angebot, Romy zu spielen?
Jessica Schwarz: Ich habe geweint.
Berliner Illustrirte Zeitung: Wirklich?
Jessica Schwarz: Ja. Ich war gerade mit meiner Schwester und ihren Kindern unterwegs. Und ich war mir sicher, keiner würde mich fragen, das traut man mir nicht zu. Viele denken bei mir ja immer noch, das ist doch die von Viva. Das steckt in den Köpfen noch ganz tief drin. Deswegen habe ich vor Freude geweint. Dann kam aber auch gleich die große, die ganz große Sorge, und zu dem Casting bin ich gar nicht erst hingefahren.
Berliner Illustrirte Zeitung: Bis Ihnen das andere Romy-Projekt von Torsten C. Fischer angeboten wurde. Was war anders daran?
Jessica Schwarz: Mit Torsten habe ich ja schon den "Liebeswunsch" gemacht, da hatte ich die Gelegenheit, beim Drehbuch mitzuarbeiten, und konnte meine Ideen mit einbringen. Deshalb wusste ich, dass das die richtige Umgebung ist - auch wenn ich schon sehr lange überlegen musste.
Berliner Illustrirte Zeitung: Wovor hatten Sie Skrupel?
Jessica Schwarz: Ob wir das überhaupt machen sollten. Ob das wirklich eine gute Idee ist.
Berliner Illustrirte Zeitung: Was hat Sie doch bewogen?
Jessica Schwarz: Ich habe eingesehen, welche Möglichkeiten mir das bot; als Frau, als Schauspielerin, in diesem Alter. Und ich habe mich gefragt: Wirst du eine solche Rolle noch mal bekommen? Also war bald klar, dass ich das machen muss. Und irgendwer hat gesagt: Der Romy hat man nach Sissi auch nicht zugetraut, was sie dann in Frankreich erreicht hat, und sie ist doch ihren Weg gegangen. Das konnte ich dann gut auf mich beziehen.
Berliner Illustrirte Zeitung: Wie haben Sie sich die Romy denn erarbeitet?
Jessica Schwarz: Ich habe wahnsinnig viel gelesen. So viel, dass ich irgendwann alles in die Tonne werfen musste. Aber gerade habe ich wieder irgendwo eine Biographie rumliegen sehen. Ständig taucht sie also noch auf in meiner Wohnung, in irgendeiner Ecke. Ich habe sogar ihr Horoskop studiert...
Berliner Illustrirte Zeitung: Nicht ernsthaft.
Jessica Schwarz: Doch. Und natürlich habe ich wahnsinnig viele Filme geguckt. Solche, in denen sie mitgespielt hat. Aber auch viele Dokumentationen über sie, die ich bis zum letzten Tag, noch morgens in dieser zweieinhalbstündigen Zeit in der Maske studiert habe. So hatte ich manchmal noch eine Geste, eine Mimik von ihr aufgespürt habe, wo ich dachte, das passt jetzt prima zu dieser Szene. Auch mit der Stimme haben wir gearbeitet, am Anfang sogar mehr, das haben wir dann später wieder vernachlässigt.
Berliner Illustrirte Zeitung: Hat man da Angst vor dem großen Vergleich? Jeder glaubt zu wissen, wer Romy Schneider war. Jeder hat sein eigenes Bild von ihr.
Jessica Schwarz: Genau das war die Gefahr. Deshalb habe ich am Anfang auch unheimlich viel über sie geredet; mit Kollegen, mit Freunden, mit der Familie. Die waren, fürchte ich, irgendwann auch ein wenig genervt. Dann kam aber der Zeitpunkt, da konnte ich mit niemandem mehr drüber reden. Sonst hätte ich den Eindruck gehabt, ich rede sie tot. Sonst wären auch zu viele Ideen von zu vielen Seiten gekommen. Jeder hatte sein Bild, und ich musste mir irgendwann mein eigenes kreieren. In der Phase durfte und wollte ich keinen mehr an mich ranlassen. Ich bin mir darüber klar geworden: So eine Legende, die kann man nicht spielen, die muss man interpretieren. Nur so kann man sich ihr angemessen nähern.
Berliner Illustrirte Zeitung: Wie groß war der Erwartungsdruck?
Jessica Schwarz: Enorm. Ich habe sogar - das hatte ich total verdrängt, das kommt jetzt erst wieder hoch - richtig Nesselfieber bekommen. Also psychosomatische Krankenbilder. Auch mal richtig Blattern, die Gott sei Dank nur bis zum Hals gingen, die konnte meine Maskenbildnerin noch abdecken.
Berliner Illustrirte Zeitung: Was hat Romy Schneider Ihnen denn bedeutet?
Jessica Schwarz: Sie hat mich von der Kindheit an begleitet. Klar, erst mal mit den "Sissi"-Filmen im Fernsehen, aber auch mit "Mädchen in Uniform" oder "Monpti". Das war so eine Trotzkopfzeit bei mir, da konnte ich mich gut mit ihr identifizieren. Zu meiner Model-Zeit haben mich dann Filme wie "Swimming Pool" bewegt, wo ich dachte, was für eine wahnsinnsschöne Frau, warum nimmt die mich so mit? Als ich dann selbst begann, Schauspielerin zu werden, habe ich mir ihre Filme noch mal ganz anders angesehen.
Berliner Illustrirte Zeitung: Wie viel Romy steckt in Ihnen?
Jessica Schwarz: Oh, reichlich. Ich kann manches, was ihr passierte, gut nachvollziehen. Etwa wenn du versuchst, als Schauspielerin und als Frau alles unter einen Hut zu bringen. Weil du alles machen und auch leidenschaftlich machen möchtest. Und damit auch scheitern kannst. Oder die Furcht, nicht klug genug zu erscheinen oder zu versagen in der Arbeit. Auch das ist mir sehr vertraut.
Berliner Illustrirte Zeitung: Noch so eine Parallele war Romys Beziehung zu Alain Delon. Das ging ja seinerzeit durch alle Medien - ein bisschen wie bei Ihnen und Daniel Brühl.
Jessica Schwarz: (lange Pause) Kein Kommentar... Aber okay - Sie sind der Erste, der fragt.
Berliner Illustrirte Zeitung: Romy Schneider hatte auch nie eine Schauspielausbildung und musste alles aus sich herausholen. Bei ihr führte das zu einer echten Selbstverausgabung. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen so etwas auch passieren könnte?
Jessica Schwarz: Der Film war ein guter Anlass, mir zu zeigen, das sollte ich nicht tun. Ich muss da schon aufpassen, das weiß ich. Auf der anderen Seite geht es manchmal nicht anders, denn vieles kann ich technisch einfach nicht herstellen, da muss ich also so lange in mir suchen, bis ich etwas finde - den Anspruch habe ich schon an mich. Dass das manchmal einen anderen Kraftaufwand bedeutet, ist klar. Ich fühle mich aber doch in vielerlei Hinsicht ein wenig stabiler und robuster als Frau Schneider. Ich habe ja auch eine starke Familie.
Berliner Illustrirte Zeitung: Und Ihr Hotel!
Jessica Schwarz: Ja, das habe ich mir auch erarbeitet. Und da habe ich im Sommer auch schon vier Wochen gearbeitet und für die Gäste gekocht. So was holt einen dann auch wieder runter. Da merkt man doch, dass man nicht ganz isoliert ist, da kommt man auch gar nicht groß dazu, zu grübeln.
Berliner Illustrirte Zeitung: Die klügste Idee des Films ist wohl, dass Sie die Romy erst spielen, wenn sie nicht mehr die Sissi sein will. War das eine Erleichterung für Sie?
Jessica Schwarz: Das mag so klug aussehen. Aber ich habe sie ja gespielt! Eigentlich sollte der Wechsel von Alicia von Rittberg, die die junge Romy spielt, zu mir innerhalb der Sissi-Phase erfolgen. Also haben wir auch Szenen gedreht. Ich kam also in Salzburg als Sissi aus der Maske, da fingen plötzlich ganz viele Leute an, tatsächlich "Sissi" zu rufen. Torsten stand mittendrin und fing an, schallend zu lachen. "Jessi", sagte er, "das geht gar nicht." Das Material wurde nie verwendet. Darüber bin ich echt froh. Denn bei Sissi sind zu viele Bilder im Kopf. Das ist bis in die letzte Ecke der Welt festgebrannt. Selbst in einer Videothek in Buenos Aires habe ich mal alle Sissi-Teile gefunden.
Berliner Illustrirte Zeitung: Es drohte ja nicht nur der Vergleich mit Romy. Sondern auch mit Yvonne Catterfeld, die in dem anderen Romy-Film die Hauptrolle spielen sollte. Sind Sie froh, dass dieses Projekt eingeschlafen ist?
Jessica Schwarz: Ich habe mit dem einen Vergleich schon genug zu tun. Ich sehe das aber auch aus wirtschaftlichen Gründen: Wenn unser Film im Fernsehen ausgestrahlt wird und zur gleichen Zeit auch noch ein Romy-Film ins Kino kommt, das wäre nicht gut gewesen. Für keinen der beiden Filme. Andererseits: Es schafft ja Arbeitsplätze. (lacht)
Berliner Illustrirte Zeitung: Sie sind demnächst auch im Kinofilm "Die Tür" zu sehen. Da spielt auch Heike Makatsch mit, die in dem anderen großen Biopic dieses Jahres gespielt hat, "Hilde". Haben Sie sich mit ihr ausgetauscht?
Jessica Schwarz: Beim Dreh fiel schon mal der Witz, hier sind die Romy und die Hilde an einem Set. Natürlich haben wir darüber geredet. Wir empfanden beide, dass das Rollen waren, die uns erfüllen. Dass wir einen ganz schönen Weg gegangen sind, sich an eine Ikone heranzutasten und den Erwartungsdruck und den eigenen Perfektionismus auszuhalten. Da sind wir uns ziemlich ähnlich.
Berliner Illustrirte Zeitung: Was fühlen Sie, wenn Sie sich nun als Romy sehen?
Jessica Schwarz: (lacht) Fragen Sie mich das in fünf Jahren noch einmal. Jetzt kann ich Ihnen dazu noch nichts sagen. Neulich habe ich "Liebeswunsch" wieder gesehen und gedacht, mein Gott, welche Koketterie! Heute halte ich mich für sehr viel reifer, aber wer weiß, wie es mir geht, wenn ich "Romy" in fünf Jahren wieder sehe? Vielleicht würde ich dann wieder alles ganz anders machen wollen.Das Gespräch führte Peter Zander























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