Geschichte
Berlins größter Verkehrsexperte
Sonntag, 31. Mai 2009 03:26 - Von Florian Eder und Lars-Broder KeilMailand hätte das achte Weltwunder haben können: eine Schnellbahn über den Dächern der Stadt. 13 Wolkenkratzer sollten dafür gebaut und mit Drahtseilen verbunden werden. Schnittige Aero-Busse für täglich 130 000 Fahrgäste wären in 100 Meter Höhe und im 90-Sekunden-Takt über Mailand hinweggerast.
Entwickelt und vor 50 Jahren zur Spruchreife gebracht hatte das futuristische Projekt ein Franziskanermönch aus dem Kloster S. Angelo.
Dass Pater Leonardo die Idee der Hochbahn gekommen war, hatte weniger mit einer Erleuchtung zu tun. Noch wenige Jahre zuvor führte der 75-Jährige ein bürgerliches Leben als Dr.-Ing. Leonhard Adler und galt als Visionär unter Europas Verkehrsexperten, der Projekte in Rom, Athen, Wien und München verwirklichte.
Adler erkannte früher als andere das Potenzial neuer Verkehrsmittel und setzte sich einfallsreich und zielstrebig für ihre Nutzung ein. Das bewies er etwa am 19. Mai 1924 mit der Gründung der Berliner Flughafen-Gesellschaft. Sie trug entscheidend dazu bei, den noch provisorischen "Luftbahnhof" in Tempelhof zum "Luftkreuz Europas" auszubauen, und gilt als Wegbereiter des deutschen Flugverkehrs. Adler war der Aufsichtsratschef der Gesellschaft und hatte nicht nur die Idee für den Flughafen - sondern auch den Berliner Magistrat überzeugt.
Was trieb einen dermaßen Umtriebigen, 30 Jahre später ins Kloster zu gehen? Auf Beruf, Familie und Ehren zu verzichten? Adler selbst hat Fragen danach mit einer knappen Begründung abgeblockt: "Ich habe das Leben kennengelernt. Ich wollte mich zur religiösen Einkehr zurückziehen."
Leonhard Adler wurde am 4. August 1882 als Kind einer jüdischen Familie aus Österreich in Mailand geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters siedelte die Familie nach Wien über. Adler studierte Maschinenbau, Elektrotechnik und Ingenieurwissenschaften; er war strebsam und erwarb in allen Fachrichtungen einen Doktortitel. Die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG) wurde auf den talentierten jungen Mann aufmerksam und betraute ihn mit dem Bau von Wasserkraftwerken in der Schweiz und der Mittenwaldbahn in Tirol. 1912 holte sie ihn als Oberingenieur in die Berliner Generaldirektion. Trotz der frühen steilen Karriere schien Leonhard Adler etwas zu vermissen. Er suchte nach geistiger Verankerung und versprach sie sich in der Religion. Doch Adler war irritiert vom Auftreten assimilierter Juden: Sie würden zum Liberalismus neigen, "zur Gottentfremdung, die zum krassesten Materialismus führen musste", klagte er später.
Adler näherte sich der katholischen Kirche an, dem Rat seines Vaters folgend, er solle sich der Religion zuwenden, zu der ihn sein Inneres hinzöge. Aber er war der Meinung, noch nicht reif zum Übertritt zu sein. So konvertierte er 1906 vom jüdischen zum evangelischen Glauben - und spürte schnell, dass er "auf halbem Wege stehen geblieben war". Den ersehnten Schritt zum Katholizismus vollzog er nach einem Glaubenserlebnis am Ende des Ersten Weltkriegs: Adler wurde im Lazarett gepflegt, besuchte dort Gottesdienste. Als er danach im böhmischen Karlsbad kurte, stieß er beim Spaziergang auf ein großes Kruzifix. Der Anblick des von der Abendsonne angestrahlten Kreuzes überwältigte ihn. Nach der Rückkehr konvertierte er, bestärkt durch seine Frau Adelheid, eine Opernsängerin aus katholischer Familie, die er 1911 geheiratet hatte.
Mit dem religiösen Neuanfang suchte Adler auch nach einer neuen beruflichen Herausforderung. Die Hauptstadt, durch Eingemeindungen gewachsen, benötigte 1920 neue Beamte. Der 38-Jährige, inzwischen Vater eines Sohnes, bewarb sich als Parteiloser für den Posten des besoldeten Stadtrats für Verkehrswesen. Adler wurde genommen. Zweifel an seiner Eignung, die es zu Beginn gab, räumte er in den folgenden zwölf Jahren aus. Leonhard Adler entwickelte den Westhafen zu einem modernen Binnenhafen, vereinte die verschiedenen Verkehrsunternehmen der Stadt zur Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) und ließ S- und Ringbahn elektrifizieren.
Sein Meisterstück aber war 1923 der Bau des Flughafens Tempelhof. Ursprünglich wollte die Stadt auf dem ungenutzten Militärareal als Einnahmequelle ein Messegelände errichten. Mit einer spektakulären Nachtlandung auf dem Tempelhofer Feld von fünf Maschinen mit Stadtverordneten, die von der Leipziger Messe zurückkehrten, drehte Adler die Stimmung zugunsten des Flughafens. Anschließend schuf er Tatsachen. Er sicherte sich beim Militär einen günstigen Kaufpreis und überzeugte die Luftgesellschaften Junkers und Aero Lloyd, die provisorische Anlage vorzufinanzieren. Damit hatte er gewonnen. Eine Baubude mit der Aufschrift "Flughafen Berlin" zeugte bald von der Zukunft.
Adler brachte sich jedoch nicht nur für die Stadt ein, sondern ging auch voll im kirchlichen Leben auf. Er saß im Vorstand der Katholischen Aktion, einer Laienbewegung, und organisierte Exerzitienkurse für das Bistum. In den geistlichen Übungen sah er ein wichtiges Mittel, "sich selbst zu überwinden und sein Leben aus der Religion zu ordnen". Adler lernte den Apostolischen Nuntius in Deutschland kennen, Eugenio Pacelli, der später als Papst Pius XII. noch wichtig für ihn werden sollte. Bereits in jener Zeit habe er den Gedanken gehabt, einem Orden beizutreten, schrieb Leonhard Adler in seinen Lebenserinnerungen. Doch die Notwendigkeit, für den Unterhalt der Familie zu sorgen, hielt ihn davon ab. Diese war mittlerweile um eine Tochter und einen weiteren Sohn angewachsen. 1932 beendete Adler seine Tätigkeit im Magistrat. Angesichts der politisch instabilen Lage schickte er seine Familie nach Meran in Südtirol, blieb aber selbst in Berlin - auch nach dem Machtantritt Hitlers 1933. Aber nicht lange. Als der Leiter der Katholischen Aktion, Erich Klausener, sein Förderer und bekennender NS-Gegner, 1934 im Zuge des Röhm-Putsches ermordet wurde, tauchte Leonhard Adler eine Weile unter und verließ - inzwischen ausgebürgert - Deutschland.
In Italien arbeitete er unter anderem für die Fiat-Gruppe, für die er eine Schnellverbindung mit Doppeldeck-Schlafwagen-Bussen in Nordafrika plante. Dorthin fuhr Adler 1937, um als Berater der italienischen Kolonialregierung in der libyschen Hauptstadt Tripolis den Nahverkehr aufzubauen. Die Familie wurde wieder getrennt.
Adlers ältester Sohn Manfred erzählte später, dass NS-Luftfahrtminister Hermann Göring seinem Vater geraten hatte, Deutschland zu verlassen, und ihm den Kontakt nach Libyen verschafft habe. Auszuschließen ist das nicht, denn Gouverneur war dort der frühere italienische Luftfahrtminister Italo Balbo, von Mussolini abgeschoben und ein Freund Görings. Adlers jüngerer Sohn Franz bestätigt, dass sein Vater und Balbo eine recht gute Beziehung hatten und der Gouverneur Adlers Einsatz schätzte. Als Italien 1938 jedoch auch in Tripolis Rassengesetze einführte, wurde Adler - der als Jude galt - entlassen. Er versteckte sich bei einem Priester, bis die Briten 1943 Tripolis besetzten und Adler wieder arbeiten konnte - diesmal für die britische Verwaltung. Seine Familie sah er erst nach der Rückkehr 1947 wieder.
Doch auch dieses Mal blieb sie nicht lange zusammen. Adlers Fähigkeiten wurden in Mailand gebraucht, wo er mit fast 65 Jahren Generaldirektor der Verkehrsbetriebe wurde. Auch in anderen Städten war sein Rat gefragt. In Meran schaute Adler nur alle paar Monate vorbei. "Geschrieben hat er aber oft", erinnert sich Sohn Franz. Der Zuneigung zum Vater tat die Ferne keinen Abbruch. "Wir waren die Trennung ja gewohnt. Und er war zu mir immer ein netter Vater", sagt der heute 84-Jährige. "Er war entgegenkommend und hat mir viel geholfen." Wenn die Familie einmal nach Mailand zu Besuch fuhr, war Franz beeindruckt vom großen Wagen, in dem ein Chauffeur den Vater herumkutschierte. Das waren auch die Gelegenheiten, bei denen er merkte, wie anstrengend der Beruf des Vaters sein musste: "Auch bei kurzen Fahrten ist er immer eingeschlafen. Er war offenbar immer sehr müde."
Bei den kommunalen Verkehrsbetrieben stellte Leonhard Adler die Verwaltung vom Kopf auf die Beine und sorgte für positive Bilanzen. Beim Personal sei er beliebt gewesen; warum, sagt Sohn Franz: "Er hat mir erzählt: Man muss gute Leistungen belohnen, die Leute anspornen und nicht zu viel zurechtweisen und bestrafen."
Neben der Arbeit nahm Adler Kontakt zum Franziskanerorden auf, dessen karges Leben ihn anzog. Nach der Pensionierung 1952 trat er dem Orden bei, überzeugt, das Richtige zu tun, aber auch erleichtert nach den vielen Wendungen in seinem Leben, die ihn häufig "ohne irgendwelches Verschulden plötzlich vor das Nichts gestellt" hätten. Die Familie wusste schon von seinem Sehnen. "Zu Hause hat mein Vater oft im Scherz gesagt: Wartet nur, bis ich eure Beichten höre", sagt Franz.
Es kommt selten vor, dass ein verheirateter Mann, Familienvater noch dazu, um die Genehmigung bittet, die Welt hinter sich lassen zu dürfen. Noch seltener wird sie gewährt. Aber Adler meinte es ernst, hatte für die Familie finanzielle Vorsorge getroffen - eine der Bedingungen der Kirche. Und er kannte Papst Pius XII. "Der hat ihm das ermöglicht", sagt Franz Adler. Drei Jahre lang bereitete sich sein Vater auf Ordensgelübde und Priesteramt vor, keine einfache Aufgabe, angesichts des Alters und der Tatsache, dass er als Ingenieur nie Latein gelernt hatte.
Am 4. Oktober 1956 wurde Leonhard Adler von Erzbischof Giovanni Battista Montini, dem späteren Papst Paul VI., zum Priester geweiht. Unter den Zuschauern befanden sich Adlers Frau, die Kinder und seine über 90-jährige Mutter. Drei Tage später zelebrierte er als Pater Leonardo seine erste Messe: im Straßenbahndepot vor seinen einstigen Angestellten, deren Seelsorger er bis zu seinem Tod am 16. Dezember 1965 blieb. Wie ging es der Mutter in der ersten Zeit, als der Vater plötzlich Bruder Leonardo hieß? "Meine Mutter akzeptierte es", sagt Sohn Franz, der wie sein inzwischen fast 90-jähriger Bruder Manfred noch in Meran lebt. Besucht hat der Vater sie weiter, übernachtete aber im örtlichen Franziskanerkloster.
Nach Berlin kam Leonhard Adler in dieser Zeit nur ein Mal: zum Katholikentag 1958, den er nutzte, um sich die neue U-Bahn-Linie nach Alt-Tegel anzusehen und die Werkstätten der BVG zu besuchen. "98 Prozent an mir sind jetzt religiös, der Rest gehört dem Weltlichen", beschrieb Pater Leonardo damals seinen Alltag. Das war zu wenig für die Mailänder Hochbahn.
Zwar stand wie beim Flughafen Tempelhof bereits eine private Gesellschaft zur Finanzierung bereit. Doch es gab heftigen Widerstand gegen das Vorhaben der Stadtplaner, Mailand zur ersten Wolkenkratzerstadt Europas zu machen, zu dem er etwas beisteuern wollte. Vom "Vandalismus der Reißbretter" war die Rede. Angesichts der Proteste wurde auch Adlers Idee als zu abgehoben verworfen. Den Pater dürfte das wenig berührt haben. Für Mailand war es eine verpasste Chance.
Der Flughafen war sein Meisterstück
Ein verheirateter Mann wird Priester























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