18.01.09

Interview

"Ich wurde im Gepäcknetz geschmuggelt"

Susanne Schapowalow ist Fotografin - und eine Jahrhundertfrau. Sie wurde 1922 in Berlin geboren und wuchs in Friedenau auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie zu eine der begehrtesten Fotografinnen in Deutschlands. Ihre Porträts zeigen die Musik-Idole ihrer Zeit wie Quincy Jones und Duke Ellington.

Aber auch Schauspieler waren darunter wie Orson Welles und Klaus Kinski. Das besondere war, dass sie viele nicht nur bei ihren Auftritten fotografierte. Sie begleitete sie auf Reisen, und so entstanden Bilder intimer, privater Momente. Die Galerie Camera Work zeigt ab dem 24. Januar erstmals eine große Werkschau in ihrer Heimatstadt. Ihren Erfolgen standen Schicksalsschläge gegenüber. Vor dem Krieg hatte sie sich in einen jungen Russen verliebt. Die Nazis deportierten ihn in ein Konzentrationslager.

Berliner Illustrirte Zeitung:

Frau Schapowalow, Sie sind 1922 in Berlin geboren. Wo haben Sie gelebt?

Susanne Schapowalow:

In Friedenau. Handjerystraße 17. Das Haus steht noch. Es war ein lustiges Haus: Ich bin ein Patenkind von unserem Nachbarn Paul Simmel, das war damals Berlins berühmtester Karikaturist. Neben uns war das Arno-Holz-Archiv. Dann war da jemand, der schrieb Texte für Claire Waldoff. Außerdem wohnte dort noch ein Mann, der später einer der Chefs der Weltbank wurde. Meine erste Liebe.

Wer war das?

Namen spielen keine Rolle. Dazu war mir das zu ernst. Im Hinterhaus wohnte ein russischer Maler, das war für mich etwas ganz Aufregendes. In Friedenau lebte ich bis zu meinem 13. Lebensjahr, dann sind wir nach Hamburg gezogen. Zu meinem großen Kummer. Ich fand Hamburg schrecklich zuerst.

Was ist berlinisch an Ihnen und was hanseatisch?

Das Berlinische macht mich etwas lockerer und aufgeschlossener als Hamburger allgemein sind. Das Hamburgische ist betont korrekt. Wie Sie sehen, bin ich durchaus zurückhaltend.

Was haben Ihre Eltern gemacht?

Mein Vater war Kaufmann. Meine Mutter hat auch fotografiert. Es sind Erinnerungsfotos, die mir heute noch lieb und teuer sind. Ich als Kind in Wannsee am Strand.

Wie kamen Sie zum Beruf des Fotografen?

Ich wollte eigentlich Mode machen. Bei der Berufsberatung sagte man mir, ich müsse zuerst ein Handwerk lernen. Schneiderin wollte ich nicht. Da habe ich die Fotografie erlernt. Meine Ausbildung machte ich im Atelier von Olga Linckelmann am Jungfernstieg, der bekanntesten Portrait-Fotografin in Hamburg.

Gab es da schon einen Mann in Ihrem Leben?

Ja, ich hatte ihn vor dem Krieg im Urlaub kennen gelernt. Ich war mit meinen Eltern in Jugoslawien. In einem Ort in Dalmatien wurde gerade eine neue Kirche gebaut, eine russische Kirche. Für die Ausstattung war der russische Maler Boris Schapowalow zuständig. Seine Mutter gehörte zum russischen Hochadel. Während der Revolution mussten seine Eltern fliehen. Ich traf Boris Schapowalow abends auf einer Burgruine.

Wie romantisch.

Ja, wir verliebten uns, sehr spontan. Bei meiner Rückkehr nach Deutschland haben wir uns geschrieben. Für ihn war das schwierig, denn er hatte nicht viel Ahnung von der deutschen Sprache.

Wie hatten sie sich denn in Jugoslawien verständigt?

Ach, die Liebe brauchte nicht viele Worte. Wir schrieben uns über den Krieg hinweg. Das war sehr schwierig, weil man nicht viel schreiben durfte. Manchmal waren von den Behörden Teile aus den Briefen rausgeschnitten oder geschwärzt worden.

Und Sie haben ihn dann während des Krieges nicht mehr gesehen?

Doch. Als die Deutschen Jugoslawien überfielen, wurde mein späterer Mann festgenommen. Er hatte sich geweigert, für die deutsche Gestapo zu arbeiten und Partisanen zu erschießen. Jetzt sollte er selbst erschossen werden, aber durch Intervention des finnischen Botschafters, der mit ihm befreundet war, konnte er davor bewahrt werden. Er wurde aber nach Deutschland in das Konzentrationslager in Lehesten in Thüringen deportiert. Seine Kameraden mussten im Bergwerk arbeiten. Aber er als Maler hatte Glück. Die Frau des Leiters des Konzentrationslagers wollte von ihm porträtiert werden. Wie in meinem Leben war es auch bei ihm: Es kamen viele Dinge auf ihn zu.

Aber er war in einem KZ.

Mit Hilfe eines unserer Nachbarn konnte ich ihn aber rausholen. Der hatte einen gewissen Einfluss beim Arbeitsamt in Hamburg und sagte, er brauche ihn. Boris könnte mit seiner Kunst Devisen erarbeiten. 1944 wurde er entlassen.

In welchem Zustand kam er raus?

Glücklicherweise hatte er das alles ohne große Beschädigungen überstanden. Er wohnte dann bei mir.

Wann haben Sie geheiratet?

Nach dem Krieg. Unsere Ehe währte nicht sehr lange. Wir sind in einem sehr guten Verhältnis auseinander gegangen nach dem Krieg. Er emigrierte in die Schweiz und wurde dort ein sehr erfolgreicher Maler. 2004 ist er gestorben.

Als sie sich getrennt haben, müssen Sie schon eine bekannte Fotografin gewesen sein, die mit weltbekannten Künstlern zusammentraf. Wie nah sind Sie den Menschen für Ihre Porträts gekommen?

Es sind Freundschaften entstanden. Mit Duke Ellington beispielsweise. Er war der erste amerikanische Jazzmusiker, den ich fotografiert habe. Er war ein sehr kluger Gentleman. Es war aber eine sachliche Freundschaft.

Es sind sehr private Momente auf den Fotos. Sie haben etwa Quincy Jones fotografiert, als er nachdenklich auf dem Sofa liegt und komponiert.

Mit ihm und seinem Orchester war ich ja auch vier Wochen in Europa unterwegs. Von Nordschweden bis Mittelitalien. Ich hatte keine Fahrkarte und wurde im Gepäcknetz geschmuggelt. Ich durfte auf der Reise fotografieren, was ich wollte. Ich gehörte zu der Gruppe. Quincy Jones hat mir jetzt eine wunderschöne Widmung in sein neues Buch geschrieben, in dem auch viele Fotos von mir sind. Er schreibt: "Du hast immer einen Platz in meinem Herzen, Susan, mein wunderschöner Schatz."

Wie war Quincy Jones damals?

Noch klüger als Ellington. Ebenfalls ein Gentleman. Er ist auch geschäftstüchtiger.

Gibt es auch eine Form von Erotik in Ihrer Fotografie?

Es gibt auch indiskrete Fragen. Ich habe immer mit Respekt gehandelt. Ich erzähle Ihnen dazu eine Geschichte: Es gab einen sehr bekannten Literaten und Philosophen. Bei einer privaten Veranstaltung entspann sich zwischen diesem Herrn und einer jungen Dame eine innige Beziehung. Der Herr wandte sich an mich und sagte, ich möge das bitte fotografieren. Es war eine gewisse Eitelkeit von ihm. Ich habe das auch getan. Ein paar Tage später bekam ich einen Brief, ich möge davon Abstand nehmen, das zu veröffentlichen. Ich habe die Fotos vernichtet.

Waren die Menschen eitel, die Sie fotografiert haben?

Fast jeder Mensch ist eitel.

Viele Ihrer Fotos sind wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges entstanden. Wie sind die schwarzen Musiker einer deutschen Frau begegnet, die die Nazizeit in Deutschland miterlebt hat?

Jazzer sind großzügige Menschen. Es gab da nie Schwierigkeiten. Man ging vernünftig miteinander um. Sie sind meistens in Deutschland mit Weißen besser ausgekommen als in Amerika. Dort gab es ja sehr starke soziale Unterschiede. Nach Deutschland kamen sie als bekannte Musiker und wurden auch so aufgenommen.

Und wie war das für Sie - auf einmal mit den großen Musikern der Welt zusammen zu kommen?

Am Anfang hatte ich wirklich Herzklopfen. Ich merkte aber: So wie du zu Menschen bist, so sind sie auch zu dir. Mich interessierte der Mensch als solcher, das spürten die anderen.

Bei Orson Welles wurden Sie sogar Zeuge, wie er sich in die deutsche Schauspielerin Ruth Niehaus verliebte?

Ich arbeitete Anfang der fünfziger Jahre für die Zeitschrift Kristall in Hamburg. Chefredakteur war Ivar Lissner, der Mann von Ruth Niehaus. Orson Welles kam nach Hamburg und trat als Zauberer im Theater auf. Lissner, seine Frau und ich schauten uns das gemeinsam an. Während der Vorstellung ging Welles als Zauberer auch ins Publikum, er erblickte Ruth Niehaus und sie gefiel ihm sehr. Er bat sie auf die Bühne, sie wollte nicht, er bat noch einmal. Dann ging sie doch mit. Er machte gerade eine Nummer, bei der er verschiedene Sachen zusammenklebte. Ruth Niehaus gab er ein Stück Leukoplast und sagte, sie sollte das irgendwo hinkleben. Sie nahm das Ding und verklebte seinen Mund. Stürmisches Gelächter.

Gefiel ihm das?

Es begeisterte ihn. Noch während der Vorstellung kam jemand und sagte, Orson Welles wolle uns hinterher noch sehen. Aus dem Sehen wurde dann noch eine Verabredung im Atlantic. Lissner konnte ein Interview mit ihm machen und ich fotografierte. Dabei tat Welles kund, dass er sehr interessiert sei an Ruth Niehaus.

Aber sie war doch die Frau Ivar Lissners?

Ja. Und Orson Welles lud sie dann auch noch ein zu Probeaufnahmen für seinen Othello-Film nach München. Wir in der Redaktion fanden es völlig wahnsinnig, dass Lissner dem zustimmte. Aber er war ein sehr kluger Mann und sie eine sehr kluge Frau. Sie reiste zu den Probeaufnahmen und kam dann ganz brav wieder zurück.

Und es kam nicht mal zu einem gemeinsamen Film?

Nein. Woran es scheiterte, weiß ich nicht. Vielleicht war ihre persönliche Standhaftigkeit ausschlaggebend gewesen.

Sie sind auch Klaus Kinski begegnet.

Ja, anlässlich der Berliner Festwochen. Den habe ich sehr verehrt. Er war zu einer Beleuchtungsprobe in einem Theater am Kurfürstendamm. Niemand durfte rein, aber mir gelang es in den Zuschauerraum zu kommen. Er war die einzige Person auf der Bühne und trug die Gedichte von François Villon vor. Nur dramatisiert durch das das Spiel mit dem Licht. Es war Totenstille in dem leeren Theater. Das Problem war nur: Meine Kamera war so laut, und er sprach so leise. Ich konnte nicht richtig fotografieren. Am Ende der Probe zeigte ich mich ihm. Er saß entspannt auf einem Sofa. Und sah so undramatisch aus. Ganz anders als in seinen Filmen, wo er immer so böse Rollen hatte. Ich fragte ihn, ob ich fotografieren dürfte. "Machen Sie nur", sagte er. Es sind gute Aufnahmen. Leider habe ich sie irgendwo verwühlt, ich hoffe aber sie noch zu finden.

Wen würden Sie gern noch mal fotografieren?

Quincy Jones. Er hat sich so verändert, dass es mich neugierig machen würde. Vielleicht ergibt es sich einmal.

Die Fotos von Susanne Schapowalow zeigt die Galerie Camera Work vom 24. Januar bis 28. Februar, Kantstraße 149, Öffnungszeiten: Di.-Sbd. 11-18 Uhr

Quelle: Das Gespräch führte Jan Draeger.
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