22.09.08

Reinickendorf

Bilder statt Bücher: Kunst zum Ausleihen

Ein kleines Paradies für Freunde moderner Kunst ruht etwas unauffällig in den Räumen der Stadtteilbibliothek im Märkischen Viertel: Die Graphothek. Seit nunmehr 40 Jahren verleiht die Einrichtung des Bezirks Reinickendorf Kunstwerke an jedermann, sie ist der älteste Kunstverleih in Deutschland.

Von Birgit Haas

In schlichtem Silberrahmen präsentieren sich etwa 5000 Originale, die frühesten Werke stammen aus den 20er-Jahren, zum Beispiel ein Holzstich von Franz Marc.

Gegen eine jährliche Gebühr von 25 Euro können die Nutzer, Firmen und Privatpersonen, bis zu drei Bilder mitnehmen und die eigenen Räume damit schmücken. "Alle paar Monate sieht mein Wohnzimmer anders aus", sagt Christina Illigner. Die Bilder transportieren Stimmungen, mit jedem neuen Bild ändere sich der Charakter ihrer Wohnung.

Seit fünf Jahren ist die rüstige Rentnerin regelmäßiger Gast in der Graphothek. Sie hat Kunstgeschichte studiert, malt an der Volkshochschule und ist stolze Besitzerin von etwa 200 Kunstwerken. "Ich bin ein großer Fan expressionistischer Künstler, manchmal habe ich allerdings Lust auf etwas Dezenteres, Beruhigenderes." Das leiht sie dann in der Graphothek aus. "Viele der Bilder hingen schon bei mir zu Hause, ich hatte viel Zeit, mich mit ihnen auseinander zu setzen." Für Christina Illigner sind die Bilder wie Freunde.

1968 hat der Volksbildungsstadtrat Horst Dietze die Graphothek gegründet, nachdem er in Greenwich bei London in Großbritannien eine ähnliche Einrichtung kennengelernt hatte, die "Print-Collection". Horst Dietz hatte gute Beziehungen zur Berliner Kunstszene: Befreundete Maler und Bildhauer stifteten die ersten 27 Grafiken. Mittlerweile gibt es in Berlin neun weitere Kunstverleihe. So finden sich Artotheken unter anderem in Mitte, Wilmersdorf, Kreuzberg und Charlottenburg und Friedrichshain (Infos unter www.artohek.org ). Der Grundstock der Reinickendorfer Graphothek wurde systematisch ausgebaut, bis 1991. Damals strich der Bezirk die Finanzhilfe für den Kunstverleih. Danach war die Graphothek auf Spenden angewiesen, finanziellen sowie künstlerischen: Die Berliner Künstlerin Rosika Janko stiftete zum Beispiel zehn ihrer Werke an die Graphothek - zur Zeit sind die farbenfrohen Bilder alle verliehen. "Für die Künstlerin bedeutet das Werbung", sagt Adelheid Kittel. Die Bibliothekarin leitet seit sechs Jahren die Graphothek.

Seit 2007 erhält die Graphothek wieder Geld vom Bezirk: "In diesem Jahr stehen 2700 Euro zum Ankauf neuer Bilder zur Verfügung, im nächsten Jahr werden es 4000 sein", so die zuständige Bezirksstadträtin in Reinickendorf, Katrin Schultze-Berndt.

Bei der Anschaffung neuer Kunstwerke besucht Adelheid Kittel viele Galerien in Berlin. "Wir kaufen hauptsächlich Werke deutscher, zeitgenössischer Künstler". Berliner Künstler fördert sie in ihren Ausstellungen, die sich entweder mit einem Thema oder einem bestimmten Künstler auseinandersetzen und drei Mal im Jahr stattfinden. Neben den Bildern beherbergt die Graphothek eine umfangreiche Dokumentation über das Schaffen moderner Künstler. "Anlässlich des 40. Jubiläums stellt die Graphothek bis zum 17. Dezember im Rathaus Reinickendorf aus.

Weitere Berichte aus Reinickendorf lesen Sie unter: www.morgenpost.de/reinickendorf

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Schauspielkarriere Angelina Jolie bald weg von der Leinwand?
Vor laufender Kamera Fliegendes Skateboard trifft Reporter
Promi-Newsflash U2-Sänger schwer verletzt
Sebastian Vettel "Mein Ziel ist, an die Spitze zurückzukommen&…
Timetraveller.jpg
Timetraveller

Mit der Morgenpost und Timetraveller Geschichte erlebenmehr

Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Spanien

Herzogin von Alba, die "aristokratische Rebellin",…

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote