01.12.08

Gedenken

Züge ins Leben und in den Tod

Es hat lange gedauert. Und erst durch die Initiative des Bezirks Mitte und allen voran seines Bürgermeisters Christian Hanke (SPD) ist ein Mahnmal an authentischem Ort errichtet worden.

Von Rainer L. Hein und Anemi Wick

Gestern, am 70. Jahrestag der Transporte jüdischer Kinder nach England, enthüllte Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch zusammen mit Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) die Skulptur des israelischen Künstlers Frank Meisler vor dem Südwesteingang des Bahnhofs Friedrichstraße.

Meisler selbst gehörte zu den 10 000 Kindern, die ab dem 30. November 1938 bis zu Kriegsbeginn der Massenvernichtung der Nazis entfliehen konnten. Ihnen gilt das Denkmal, gleichzeitig stelle die Skulptur laut der Initiative "Kindertransporte: Züge ins Leben - Züge in den Tod" den Zusammenhang zwischen der Rettung durch die Kindertransporte und der Deportation vieler jüdischer Kinder dar. So zeige das Denkmal insgesamt sieben Kinder. Zwei Figuren stehen dabei symbolisch für die geretteten Kinder, fünf für die, die zurückbleiben mussten und dann deportiert wurden.

Neben Frank Meisler nahmen knapp 100 ehemalige Transportkinder aus aller Welt an der Zeremonie an der Ecke Georgen-/Friedrichstraße teil. Sie kamen aus New York, Jerusalem, London und Wien an den Ort zurück, der für sie Weiterleben bedeutete. "Ich hatte das große Glück, mit dem ersten Kindertransport Berlin verlassen zu können", sagte der Zeitzeuge Leslie Brent aus London. Seine Eltern hätten ihn unter großem Kummer gehen lassen. Sie wurden später ermordet.

Für die Initiatorin der Mahnmalaktion "Kindertransporte", Lisa Schäfer, geht ein langer Kampf glücklich zu Ende. "Während die Stadt Berlin immer wieder die Aufstellung des Kunstwerks für die Holocaust-Opfer mit für mich fadenscheinigen Argumenten verschleppte, war der Bezirk die Rettung", sagte sie. Hier schloss man sich den Befürwortern der Bronze-Erinnerungsskulptur an.

Neben Innensenator Ehrhart Körting und der stellvertretenden Präsidentin des Abgeordnetenhauses, Karin Seidel-Kalmutzki (beide SPD), hatte auch die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, zum Bau des Mahnmals gedrängt. Auch das Internationale Auschwitzkomitee und der Trägerverein "Zug der Erinnerung" waren dafür.

Eine wesentliche Antriebsfeder für das Aufstellen der Skulptur waren auch die Polizeianwärter der Landespolizeischule Ruhleben. Zusammen mit ihren Ausbildern Detlef Thiele und Dieter Herrig sowie der Initiatorin Lisa Schäfer hatten sie mehrfach in London das Imperial War Museum besucht. Dort informierten sie sich in der Holocaust-Abteilung durch Zeitzeugen über die Kindertransporte und besuchten die Meisler-Skulptur, die in London steht, dem damaligen Ziel der Transporte. Ihre einhellige Meinung war: "Das Pendant muss unbedingt am Bahnhof Friedrichstraße stehen, denn hier begannen die Transporte." Bei der Berliner Polizeispitze erhielten sie die nötige Unterstützung. Daher übernahm auch Polizeipräsident Dieter Glietsch die Einweihungszeremonie. Die Gespräche mit den Zeitzeugen würde den Polizeianwärtern helfen, "nie zu vergessen, dass wir in erster Linie der Menschlichkeit verpflichtet sind", sagte Glietsch. Baustadtrat Ephraim Gothe sagte, er halte diesen Ort mitten im Zentrum der Hauptstadt als sehr geeignet, um an dieses Kapitel der Verfolgung zu erinnern.

Zur Feier hatten sich die Polizeischüler etwas Besonderes ausgedacht: Je ein Schüler übernahm die Patenschaft eines der anwesenden Zeitzeugen. "Auf persönlicher Ebene soll so ein Kontakt mit jungen Menschen aus Deutschland aufgebaut werden", erklärte Lisa Schäfer.

Das Pendant der Bronzeskulptur des Künstlers Frank Meisler steht bereits als Erinnerung an die Kindertransporte mitten in London. Am U-Bahnhof Liverpool Street Station wurde im September 2006 das Mahnmal enthüllt - vom Schirmherrn selbst, dem britischen Thronfolger Prinz Charles. Es zeigt fünf Kinder hinter einem Bahngleis. Nach Vorstellung des Künstlers soll das die Rettung vor der Vernichtung bedeuten. "Die Bahngleise als Endpunkt", so Frank Meisler.

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