Wettbewerb
"Es geht um das Herz Berlins"
Sonntag, 30. November 2008 02:07Der Wettbewerb für den Bau des Humboldt-Forums am Schloßplatz ist entschieden. Er soll weitgehend nach historischen Vorgaben entstehen. Doch wie soll der monumentale Bau mit Leben gefüllt werden? Wer soll ihn bespielen? Und sind die ehrgeizige Terminplanung und die Kosten zu halten? Morgenpost-Redakteur Dirk Westphal befragte dazu die Berliner Grünen-Fraktionschefin Franziska Eichstädt-Bohlig.
Die Architektin und Stadtplanerin kontrollierte im Bundestag Kosten- und Termine der Parlamentsbauten.
Berliner Morgenpost:
Frau Eichstädt-Bohlig, ist der Entwurf für das Forum der große Wurf?
Franziska Eichstädt-Bohlig:
Das ist jetzt noch nicht zu sagen. Denn außer der groben architektonischen Figur seines Modells liegt bislang wenig vor. Vieles muss der Architekt erst noch konkretisieren, dann wird man sehen ...
... ob ihm was gelingt?
Es bleibt ein konservatives Grundkonzept. Aber es sollte gelingen, einen spannungsvollen Bogen zwischen historischer Umgebung mit dem Dom und Altem Museum und einem modernen Zentrum für die Kulturen der Welt zu schaffen, für die Begegnung zwischen den europäischen Kulturen und den Gesellschaften und Ländern der anderen Kontinente.
Ein großer Anspruch ...
Ja, es bleibt zu hoffen, dass dieser Entwurf so überzeugend ist, dass er auf breite gesellschaftliche Anerkennung stößt. Mit ihm muss eine Brücke geschlagen werden zwischen denen, die eine moderne Gestaltung wollten, und jenen, die für eine Rekonstruktion des Schlosses eintreten.
Was ist gut am Entwurf?
An der Ostseite sieht Francesco Stella einen Arkadengang vor, eine Art Belvedere mit sicher beeindruckendem Blick nach Osten.
Nun ist der Blick zum Fernsehturm nicht nur schön, oder?
Dass man dort städtebaulich nachbessern muss, ist klar. Der große Freiraum zwischen Humboldt-Forum und Fernsehturm sollte und muss aufgewertet werden. Er gibt zum Teil ein desolates Bild ab. Ich würde ihn aber nicht bebauen, wie es Pläne des Senats aus den 90er-Jahren vorsahen.
Bundestags-Architekt Stephan Braunfels entwarf eine "Mall", die den Raum zwischen den am Alexanderplatz geplanten Hochhäusern und dem Schloss klammert. Wäre dies ein "grand project", das dem Humboldt-Forum den nötigen Abschluss nach Osten verliehe?
Braunfels wollte diese "Allee" an ihrem nördlichen und südlichen Rand bebauen und ihr somit eine Fassung geben. Ich finde die Idee der Allee gut, aber nicht die bauliche Verdichtung. Wir brauchen dort viel Grün.
Das Forum ist vom Lustgarten durch die Karl-Liebknecht-Straße getrennt. Sollte man die unter den gegenüberliegenden Museen geplante "archäologische Promenade" nicht bis zum Forum verlängern, wo ein zweiter Zugang entstünde? So blieben Besucher vor Regen und dem Autoverkehr bewahrt ...
Ich halte das für keine gute Idee. Man soll die Menschen nicht unterirdisch laufen lassen. Stadt bedeutet Leben und Vielfalt, und dazu gehören Menschen. Wir sollten statt eines Tunnels überlegen, ob wir die Karl-Liebknecht-Straße an dieser Stelle nicht "entschleunigen" können, etwa durch eine "shared-space-zone". In London gibt es dafür ein gutes Beispiel an der Kensington High Street, wo Fußgänger und Autos gleichberechtigt den Straßenraum nutzen. Autofahrer müssen dort mehr Rücksicht auf Fußgänger nehmen.
Das Forum soll 552 Millionen Euro kosten. Wird am Ende alles teurer?
Ich traue den Kostenplanungen des Bauministers nicht. Ich kenne nur öffentliche Bauten, die teurer wurden, die einzige Ausnahme war der Umbau des Reichstages. Im Bereich der Spree baut man im Berliner Urstromtal ...
... wo der nachgiebige Boden schnell Löcher in die Haushaltskasse reißt!
Allerdings. Das zeigte sich schon beim Bau des Pergamonmuseums. Auch die Forumsbaustelle liegt auf sehr schwierigem Untergrund, denken Sie nur an den Palast der Republik. Dessen Abriss ist auch nicht leicht, weil die Bodenwanne durch den hohen Grundwasserstand Auftrieb hat und deshalb mit Tausenden Tonnen Sand beschwert werden muss. Beim Bau des Humboldt-Forums hat man ähnliche Probleme. Hinzu kommt der parallele Bau der U-Bahn-Linie 5, von der ein Teilstück unter dem Gebäude hindurchführt.
Das Forum soll 2014 bezogen werden. Fertig wird es kaum sein. Bildhauer sehen die Wiederherstellung der Schlossfassade als "Generationenprojekt". Vieles ist verloren, kann nur anhand von Fotografien nachgeschöpft werden. Was ist also von Tiefensees Angabe zu halten?
Ja, das Forum wird ein langwieriges Projekt. Deshalb schlage ich eine Bauweise vor, die den frühzeitigen Bezug des Gebäudes gestattet, während außen oder an anderen wichtigen Teilen des Gebäudes noch gearbeitet wird. Großprojekte brauchen viel Vorplanung und eine ausgeklügelte Logistik, da kann viel schiefgehen, was Termine und Kosten verändert. Und: Die großen bildhauerischen Aufgaben, die zu realisieren sind, stellen besondere Anforderungen.
Wie löst man die?
Ich plädiere für das "Sagrada-Família-Prinzip". An der gleichnamigen Kirche in Barcelona wird seit Jahrzehnten gebaut, dennoch wird sie genutzt, ist zugänglich.
Das erinnert an die Bauhütten, etwa beim Kölner Dom, an dem extrem lange gebaut wurde ...
Stimmt. Das Wort "Bauhütte" umschreibt die vor uns liegende Aufgabe gut.
Zur Bespielung des Gebäudes. Alle fordern, dass an Berlins erster Adresse, dem Schloßplatz, etwas Herausragendes entsteht. Braucht es dazu eines Intendanten?
Es wird besonders wichtig, jetzt endlich das inhaltliche Konzept zu klären, denn vieles ist auch da noch schwammig. Etwa welche Bestände der außereuropäischen Museen aus Dahlem am Schloßplatz gezeigt werden und welche in den Depots bleiben. Dasselbe gilt für die Sammlungen der Humboldt-Uni, die dort präsentiert werden sollen. Es ist auch zu klären, wie Ausstellungen mit Musik und Diskussion kombiniert werden und welche Sonderschauen man an diesem außergewöhnlichen Ort organisiert. Hier soll ja anderen Kulturen ein Raum zur Darstellung gegeben werden, der auch das Jetzt und Heute und die Beziehung anderer zu uns umschließt. Das ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, für die eine Intendanz nötig ist.
Vom Senat war wenig in Sachen Schloss zu hören, obwohl er in der Jury vertreten war. Hat er versagt?
Man konnte das Gefühl haben, das Areal sei extraterritoriales Gebiet, so wenig war vom Senat zu hören. Hier muss Rot-Rot aktiv werden. Denn es geht um das Herz Berlins.























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