31.12.07

Thomas Dörflein

Er will nur seinen Job machen

Er ist zuständig fürs Futter-Schlachthaus, sechs Wildhunde, fünf Wölfe, 26 Bären - und Knut. An der Seite des berühmten Eisbären geriet ausgerechnet ein Mann ins Rampenlicht, der nur seinen Job machen will: Tierpfleger Thomas Dörflein. Er ist inzwischen Träger des Verdienstordens des Landes Berlin und mit seinem Zögling auf einer Silberprägung der Münze Berlin zu sehen.

Von Tanja Laninger

Der 44-Jährige arbeitet seit 1982 im Zoo Berlin und seit 20 Jahren mit seinen Lieblingstieren. Es sind, klar: die Bären. Stammgäste, darunter etliche Damen ab sechzig aufwärts, kennen ihn längst, den sportlichen Kerl mit dem dunklen Vollbart, lockigem Zopf und kräftigen Oberarmen. Inzwischen sprechen den waschechten Berliner - geboren in Wedding, aufgewachsen in Spandau - wildfremde Menschen an. Am Arbeitsplatz, nach Feierabend, im Supermarkt, auf Straßenfesten, in der Bahn, vor der Haustür. Männer, Kinder, Frauen. Erstere lassen schöne Grüße ausrichten an Knut, letztere treiben auch andere Bedürfnisse um. Nicht alles dreht sich um Bären.

Sogar wenn Dörflein die Hyänenhunde hinterm Eisbärengehege füttert, bleiben die Frauen stehen. Reihenweise. Sie seufzen. Unbeeindruckt wirft Dörflein rohes, rotes Fleisch über den Graben. Stoisch. Der Mann in Latzhose und grünen Gummistiefeln weiß: Es geht vorbei. Zwar drängen sich immer noch Menschen vor Knuts Gehege und wollen mit Dörflein aufs Foto oder ihm Sekt ausgeben, doch die Zeit hundert Meter langer Schlangen ist zu Ende. Letzter Höhepunkt war der 5. Dezember 2007, Knuts Einjähriges, als Dörflein spieluhrartig sein Leben mit dem Verstoßenen abspulen musste. Immer wieder. Eine "Schweinearbeit" sei es gewesen. Als er dem winzigen Wesen alle zwei Stunden die Flasche gab. Als er ihm Elvis-Songs auf der Gitarre vorspielte, vorzugsweise "Devil in Disguise". Als er ihn "Klein" nannte, weil keiner wusste, ob er überleben würde. Knut - den Namen hat sich Dörflein ausgedacht. "Er sieht aus wie einer."

Tag und Nacht verbrachte Dörflein auf dem Feldbett neben dem wie ein Lkw-Motor tuckernden Tier. Überstunden, die er nie abgerechnet hat. Monate ohne tiefen Schlaf, ohne tiefe Gefühle: "Ich stand völlig neben mir. Ich habe durchgearbeitet und nur noch reagiert." Sogar Weihnachten und Silvester verbrachte der geschiedene Vater einer 22-jährigen Tochter und eines 17-jährigen Sohnes an der Seite seines Ziehkindes. Seine neue Freundin Daniela - er hatte die 35-jährige Arzthelferin erst zwei Monate vor Knuts Geburt kennengelernt - sah er nur sporadisch.

Besuch bekamen Knut und Dörflein immer mehr: Neben Millionen von Berlinern zeigten sich die Prominenten: Tom Cruise und Udo Walz, Sarah Connor und Sabine Christiansen, Thomas Gottschalk, Sir Simon Rattle und Bundesumweltminister Sigmar Gabriel.

Das sind nicht die Begegnungen, von denen Dörflein seinem Enkelkind, das im Januar, Februar zur Welt kommen soll, berichten will. Die magischen Momente mit Knut sind andere: Als der kleine Eisbär vor einem Jahr erstmals das linke Auge öffnete, Tage später das rechte. "Wenn so ein Tier einen anguckt, das ist schon etwas anderes als vorher." Inzwischen ist Normalität eingekehrt. Dörflein, der seinen Osterurlaub wegen Knuts Geschrei nach 36 Stunden abbrechen musste, konnte sich im August drei Wochen in Dänemark erholen. Er wohnt wieder zu Hause, nun zusammen mit seiner Freundin und ihrem sechsjährigen Sohn.

"Man vergisst ja so viel"

Filme über Knut sieht er gerne. "Man vergisst ja so viel." Einladungen in die Sendungen von Johannes B. Kerner und Günther Jauch oder gar für Werbung lehnt der Zooangestellte ab. "Ich bin ganz gut im Neinsagen. Außerdem ist vor der Kamera rumzuhampeln nicht mein Ding. Ich verdiene genug, und ich will meine Ruhe haben."

Schon im Sommer war die beliebte Knut-Show, bei der Eisbär und Pfleger täglich zweimal eine Stunde im Freien herumtollten und sogar schwammen - bei neun Grad Wassertemperatur - abgeschafft worden. Knut soll erwachsen werden. Dazu gehört auch das Alleinsein.

Dörflein aber kommt immer noch zwei Stunden vor Dienstbeginn ins Bärengehege und beschäftigt sich mit dem verwöhnten Einzelkind. Sobald Knut seine Schritte hört, blökt er wie ein Schaf. "Ekliger Ton", sagt der Pfleger. Es gibt nur ein Mittel, den abzustellen: Nuckeln lassen. Nur reicht Knut kein Finger mehr, er saugt inzwischen an der ganzen Hand - und das Auge in Auge mit dem Ziehvater. Dankbar sei er für das Jahr an der Seite des Eisbären, sagt Dörflein, den "Höhepunkt meines Berufslebens". "Bei meinen Kindern hatte ich nicht so viel Arbeit." Verändert habe es ihn nicht. "Man sagt mir nach, dass ich eigenartig bin, verschlossen. Ich musste mich nicht ändern. Und Knut sich auch nicht."

So nimmt er die jüngste Auszeichnung mit Gelassenheit. Er wolle seine Arbeit machen, mal Urlaub, vor allem "ein super Opa sein". Er hat das Zeug dazu. Siehe Knut!

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