Auf den Spuren des "eisernen Gustavs"
Dienstag, 10. Juni 2008 02:29 - Von Katrin LangeWas er sich in den Kopf gesetzt hatte, zog er durch. Das brachte dem Berliner Droschkenkutscher Gustav Hartmann den Namen "eiserner Gustav" ein.

Was er sich in den Kopf gesetzt hatte, zog er durch. Das brachte dem Berliner Droschkenkutscher Gustav Hartmann den Namen "eiserner Gustav" ein. Als er am 2. April 1928 in der Alsenstraße in Wannsee seinen klapprigen Wallach Grasmus einspannte, um nach Paris zu fahren, dachten viele an einen Aprilscherz. Begleitet von Hans Hermann Theobald - einem jungen Reporter, der für die Berliner Morgenpost von der Strecke berichtete - kam der Droschkenkutscher genau an seinem 69. Geburtstag am 4. Juni am Eiffelturm an. Wie ein Held wurde der Kutscher von der jubelnden Menge gefeiert. Die legendäre Fahrt diente später als Vorbild für Hans Falladas Roman "Der eiserne Gustav", der 1938 erschien und 1958 mit Heinz Rühmann und 1979 mit Gustav Knuth verfilmt wurde.
Genau 80 Jahre später soll dieser Triumphzug wiederholt werden. Droschkenkutscher Ludwig Zachmann will am 2. April 2008 zwei Friesen-Wallache vor seine Kutsche spannen und sich auf die Route des eisernen Gustavs begeben. 3000 Kilometer hat er zu bewältigen, verteilt auf etwa 120 Etappen. Mit seinen zwei PS kommt er jeden Tag zwischen 30 und 35 Kilometern voran.
Die Vorbereitungen sind im vollen Gange. Die Kutsche - ein Nachbau eines Vis-à-Vis-Modells aus dem 19. Jahrhundert - trägt bereits den Schriftzug "Berlin-Paris-Berlin". Gerade ist Zachmann zweieinhalb Wochen lang die Strecke mit dem Auto abgefahren - die Route, fernab von Autobahnen und vierspurigen Schnellstraßen, steht. Jetzt geht es an die Detailplanung.
Auf die Idee dieser Jubiläumsfahrt wurde Ludwig Zachmann vor anderthalb Jahren gebracht. Seit Ostern 2006 steht der 53-Jährige, der in Neustrelitz den Friesenhof mit mehr als 40 Pferden bewirtschaftet, mit einer Kutsche in Berlin. Zwischen Brandenburger Tor, Dom und Gendarmenmarkt zeigt er Touristen vom Kutschbock aus die Stadt. Gleich in den ersten Tagen wurde er angesprochen: "Mensch, du siehst ja aus wie der eiserne Gustav, warum fährst du nicht nach Paris?" Ja, warum eigentlich nicht? Ludwig Zachmann zögerte nicht lang. "Ich brauche das Abenteuer", sagt der 1,90-Meter-Mann. Nichts ist dem gebürtigen Mecklenburger mehr verhasst als Alltag und Routine. Doch es ist nicht nur die Abenteuerlust, die ihn mit dem Original verbindet. Ludwig Zachmann setzt sich wie Gustav Hartmann leidenschaftlich für die Kutscher ein.
Renaissance der Kutschen
Während vor 80 Jahren die Autos nach und nach die Kutschen und damit auch den eisernen Gustav von den Straßen verdrängten, will Zachmann seinem Gewerbe zu einer Renaissance verhelfen. "In anderen Städten wie Salzburg oder Wien gehören besinnliche Kutschfahrten zum Straßenbild", sagt der gelernte Schmied und Pferdewirtschaftsmeister. In Berlin hingegen sei es immer noch etwas Besonderes.Für seine Idee hat Zachmann schon die ersten Verbündeten gefunden. Zuallererst die Enkelin von Gustav Hartmann, Ursula Buchwitz-Wiebach. Die 84-Jährige wohnt heute noch im Haus ihres Großvaters an der Alsenstraße 11 und findet das Vorhaben einfach "toll". Sie wird es sich auf keinen Fall nehmen lassen, beim Start am 2. April 2008 dabei zu sein. Eine verrückte Idee sei es damals schon gewesen, erzählt die agile Dame. Entgegen der vielen Legenden, die sich um die Fahrt des eisernen Gustavs ranken, weiß sie den wahren, vielleicht sogar pikanten Grund: das Zusammentreffen ihres Großvaters mit Rachel Dorange. Die junge Französin war 1927 zu Pferde auf dem Weg von Paris nach Bukarest. In Wannsee stoppte sie ihren Ritt, um Gustav Hartmann nach dem Weg zu fragen. Sie kamen ins Gespräch. Als sie weiter ritt, soll der Droschkenkutscher ihr hinterhergerufen haben: "Ich komme Sie nächstes Jahr besuchen." Sein Ehrgeiz war angestachelt. "Was eine Frau kann, kann ich auch" habe sich ihr Großvater gesagt, erzählt die Enkelin. Und seinen Kopf - wie immer - durchgesetzt, Ursula Buchwitz-Wiebach entkräftet damit Geschichten von einer heimlichen Flucht oder Schulden des Kutschers. "Er wollte am Ende seines Arbeitslebens noch einmal etwas erleben", sagt sie. Die Fahrt hat dann doch noch eine andere Dimension bekommen. Durch das von Tag zu Tag zunehmende öffentliche Interesse leistete sie einen Beitrag zur Versöhnung von Deutschland und Frankreich. Ursula Buchwitz-Wiebach erinnert sich, wie ihr Großvater gesagt hat: "Was Gustav Stresemann nicht geschafft hat, werde ich jetzt schaffen." Tatsächlich wird Gustav Hartmann in Paris und bei der Rückkehr in Berlin als Volksheld gefeiert.























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