Platte Reifen: Erste Festnahmen
Dienstag, 10. Juni 2008 02:07 - Von Michael Behrendt und Steffen PletlDie vielen "Plattfüße" an meist teuren Autos gehen teils auf das Konto von Umweltaktivisten.
Die vielen "Plattfüße" an meist teuren Autos gehen teils auf das Konto von Umweltaktivisten. Das belegt der Zugriff der Polizei auf drei junge Männer in der Nacht zu gestern in Wilmersdorf. Eine Pointe: Einer der Verdächtigen amüsiert in einem bekannten Berliner Kinderzirkus das Publikum. Die mutmaßlichen Täter wohnen in Kreuzberg und Prenzlauer Berg. Ihre Wohnungen wurden durchsucht, die Auswertung dauert noch an. Der Polizeiliche Staatsschutz ist eingeschaltet.
Gegen zwei Uhr hatte eine Anwohnerin der Bayerischen Straße in Wilmersdorf bemerkt, dass bei einem geparkten Mercedes durch das Ventil Luft aus einem Reifen entwich. Sie alarmierte die Polizei. Zivilfahnder des Abschnitts 25 fassten wenig später an der Pfalzburger Straße die Verdächtigen. Die 23- bis 25-Jährigen leisteten keinen Widerstand. Die Polizei fand bei ihnen Handzettel über die möglichen Auswirkungen der Nutzung von PS-starken Autos auf den Klimawandel.
Beim Absuchen der Umgebung wurden weitere hochklassige Autos entdeckt, aus deren Reifen die Luft herausgelassen worden war. Es wird derzeit überprüft, ob ein Zusammenhang mit den seit Juli 2007 gemeldeten 149 Fällen besteht. In derselben Nacht hat es eine Reihe gleicher Fälle in Lichterfelde-West gegeben.
Einerseits gebe es bislang keine Hinweise darauf, dass auch eine Verbindung zu den häufigen Brandstiftungen an Nobelwagen besteht, sagte ein Ermittler; andererseits sei davon auszugehen, dass es sich bei den Gefassten um Mitglieder einer Gruppe handelt. Vergleichbare Fälle habe es in Charlottenburg, auf der Fischerinsel in Mitte und in Schöneberg gegeben.
"Es muss jetzt geprüft werden, inwieweit sich die jetzt festgenommene Personengruppe mit den noch Unbekannten verabredet hat und wie die logistischen Verbindungen geknüpft waren", sagte ein Ermittler.
Die Polizei geht in jedem Fall von einer politischen Motivation aus, ordnet die drei Männer allerdings nicht der militanten Szene zu. "Sie wollten offenbar etwas für den Klimaschutz tun und so auf die Notwendigkeit der Senkung der Schadstoffe bei Autos aufmerksam machen. Die Halter teurer Autos, die in ihren Augen die Zukunft der folgenden Generationen gefährden, sollten durch die morgendliche Verspätung im Beruf ob der platten Reifen verärgert werden", sagte ein Polizist.
Der 23-jährige Tatverdächtige Jochen R. (Name geändert) war bereits bei einer Demonstration aufgefallen; in diesem Zusammenhang wurde gegen ihn wegen des Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz ermittelt. Sein Geld verdiente er als Clown im Kinderzirkus. Seine Chefin sagte, er sei bei den Kindern mehr als beliebt und mache seit geraumer Zeit eine gute Arbeit in seinem Bereich.
Im April dieses Jahres hatte der junge Mann gemeinsam mit 13 jungen arabischen und israelischen Künstlern in Israel eine Zirkusshow aufgeführt. "Akrobatik und Artistik bauen eine Brücke zwischen den Jugendlichen", hatte der Clown vor der Reise gesagt. Die jungen Artisten trainierten gemeinsam, entwarfen das Konzept für die Show und reisten nach Haifa und Jerusalem.
Einer der mutmaßlichen Komplizen von Jochen R. wohnt seit kurzer Zeit mit einem Freund in einer Wohnung in Prenzlauer Berg. An der Tür prangt der Aufkleber: "I love Fahrräder." Gestern durchsuchten Beamte des Landeskriminalamts die Räume im Beisein von Rechtsanwalt Rüdiger Jung. Die Beamten beschlagnahmten einen Computer. Es läuft ein Verfahren wegen Sachbeschädigung.
"Ich gehe davon aus, dass mein Mandant sehr zügig wieder entlassen wird", sagte R.'s Anwalt Jung. Im Falle einer Verurteilung drohen den drei Festgenommenen wegen Sachbeschädigung Geldstrafen oder Haft bis zu drei Jahren.
In den vergangenen Wochen hatten Unbekannte Dutzenden Fahrzeugen die Luft aus den Reifen gelassen. So wurden beispielsweise in der Nacht zum 10. September an 31 Autos in Charlottenburg und Wilmersdorf platte Reifen entdeckt.
Immer wieder wurden Handzettel entdeckt, mit denen die Halter über die negativen Folgen von Autos mit hohem Spritverbrauch informiert wurden; der Besitzer müsse sich nun zu Fuß auf den Weg machen und habe daher Zeit, über ein kleineres Fahrzeug nachzudenken. Unterzeichnet wurde stets mit den Worten: "Vielen Dank für Ihre Mühe."























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