13.09.07

"Kein Respekt mehr vor dem Leben"

Graffiti hält meist nur kurze Zeit an Häuserwänden. Aber der Schriftzug, den Senol Kayaci 1988 gesprayt hat, bezeichnet noch immer das Territorium der einst berüchtigtsten Jugendgang Berlins: der 36 Boys.

Von Joachim Fahrun

Graffiti hält meist nur kurze Zeit an Häuserwänden. Aber der Schriftzug, den Senol Kayaci 1988 gesprayt hat, bezeichnet noch immer das Territorium der einst berüchtigtsten Jugendgang Berlins: der 36 Boys. Oder vielmehr ihrer Junioren-Gruppe, der 36jr's. "Das war unser Hof", sagt Senol und zeigt über die weite Freifläche in einem Neubaublock zwischen Waldemar- und Naunynstraße. Mehrfach haben Jüngere das Werk nachgemalt.

Senol war 13, als er begann, sich auf den Straßen ums Kottbusser Tor herumzutreiben. In jenem Kiez, der früher als der härteste der Stadt galt und bis heute nach dem ehemaligen Postzustellbezirk SO 36 benannt wird. Später wurde er einer der Anführer der 36 Boys.

Der 32-Jährige kennt sich aus mit Jugendgangs, die heute anders funktionieren, aber nach Erkenntnissen der Polizei in einigen Stadtteilen schwer aktiv sind. Er kennt den Nachwuchs, er lehrt HipHop und Sprühen in einem Jugendzentrum.

Zweimal saß Senol im Knast. Schwere Körperverletzung und räuberische Erpressung. Jacken haben sie abgezogen, von den anderen Gangs wie den Black Panthers aus Wedding. Als Trophäen. In Massenschlägereien habe er Gegner verletzt, sagt er heute. Dreimal haben sie ihn selbst mit Messern getroffen. Die kurz geschnittenen Haare verbergen 16 Löcher und Wunden am Kopf. "Ein klassischer Lebenslauf in Kreuzberg", sagt er lakonisch. Immer voll dabei und nie "abgelotst". Nie gekniffen, wenn es ernst wurde.

"Du Opfer" als Schimpfwort

Seine Vita sichert Senol auch mit 32 noch Respekt bei den Jüngeren im Kiez: "Man bringt seine Taten auf der Straße oder man ist ein Opfer." Opfer sein: Das ist auch heute noch das Schlimmste für Jugendliche. "Du Opfer" ist ein Schimpfwort. Deswegen darf man sich nicht verdrücken, wenn es ernst wird. Wenn ein Kumpel angerempelt wird. Einer schräg guckt. Sich Aggressionen hochschaukeln.

Seine Freunde lebten damals alle ähnlich wie Senol. Sieben Geschwister und Eltern in drei Zimmern, Außenklo, Ofenheizung. SO 36 trug damals noch grau. Keine Läden, triste Fassaden, keine Bäume an den Straßen, die Mauer im Rücken. In der Schule wurde er als "Kanaken-Kind" beschimpft.

200, 300 Mann, auch ein paar deutsche Kumpel, konnten die 36 Boys Ende der 80er, Anfang der 90er noch ohne Handys zusammenbringen. Solche Gangs gibt es in Berlin lange nicht mehr. Ein schriller Pfiff, und aus fast jedem Haus kam einer heraus. Wenn etwa einer von den Warriors vom Schlesischen Tor einen der ihren angemacht hatte. "Wir haben uns nie wegen Geschäften geschlagen", sagt Senol, "es ging um den Kiez. Und um Respekt." Die Polizei gilt in dieser Wahrnehmung auch nur als eine fremde Gruppe, gegen die die eigene Gang vorgeht. Das Klima war explosiv im Kiez, sagt Senol, viel mehr als heute. Am 1. Mai hat es sich in Krawall entladen. Zeitweise liefen die Gang-Kids gemeinsam Streife mit Autonomen. Gegen die Nazis. Die Allianz mit dem linksextremen Lager hat nicht gehalten. Die jungen Ausländer waren nicht politisch motiviert.

Mitte der 90er-Jahre ist die Gang zerbrochen. Die Jungs von heute sind anders, meint Senol. Sie verspürten nicht dieses Gruppen-Gefühl, schließen sich eher lose zusammen. "Die haben weniger Respekt vor dem menschlichen Leben", hat Senol beobachtet. Messer werden nicht mehr nur in extremen Situationen eingesetzt, sondern wegen läppischer Streitigkeiten gezogen. "Aus Witz". Gut und Böse hätten sich vermischt. Heute vertickten schon 13-jährige Dope. "Die wissen besser, wie das Drogengeschäft funktioniert als wie man Bewerbungen schreibt", sagt Senol. Er versucht, die Jungen davon abzuhalten, ihr Leben zu verschwenden. Dabei trifft er häufig auf alte Kumpels. Von denen sind "80 bis 90 Prozent in dunklen Milieus", sagt er. Sie rekrutieren Jüngere von der Straße für ihre Geschäfte.

Nichts am Hut mit Islamisten

So wie zu seiner Zeit leben die meisten Kids aus türkischen oder arabischen Familien wie schizophren in zwei Welten. Einerseits mit Respekt vor den autoritären Eltern. Auf der Straße begegnet ihnen etwas völlig anderes.

Mit radikalen Islamisten hätten die Jungs wenig am Hut. Senol kennt den berüchtigten Prediger Yakub Hodscha, der war sein Lehrer in der Moschee am Kottbusser Tor: "Der lebt im Mittelalter", sagt Senol. Sauer macht ihn die Ausländerpolitik. "Ich wurde 1975 in Kreuzberg geboren. Warum muss ich Aufwand treiben für einen deutschen Pass?" Einige seiner Kumpels seien abgeschoben worden. Er fühlt sich zuerst als Kreuzberger und dann als Berliner.

Dass die Jugendlichen heute noch mehr Probleme haben als zu seiner Zeit, führt Senol auf die wirtschaftliche Lage zurück. Die erste Einwanderergeneration seiner Eltern stand noch in Lohn und Brot. Heute hätten viele Eltern selber die Hoffnung auf den klassischen Bildungsweg aufgegeben. Das übertrage sich auf die Jungen. Wozu soll ich mich abbuckeln, ich habe doch eh keine Chance, sei eine verbreitete Haltung im Kiez.

Dass Arbeitgeber mit Jungen, wie er einer war, Probleme haben, räumt er ein. "Wir konnten uns nicht unterordnen, haben nichts zu Ende gebracht", sagt Senol. Erst spät holte er seinen Realschulabschluss nach. Heute betreibt er ein Musiklabel, ist weg von der Straße und raus aus der Sozialhilfe.

Verärgert reagiert er auf Leute aus dem Kiez, die ihre Wurzeln verraten haben. So wie der Rapper Kool Savas, der heute in Heidelberg lebt und einer der erfolgreichsten deutschen HipHopper ist. Stars seien so wichtig als Vorbilder. Aber Savas? Der zeige in seinen Videos dicke Diamanten und teure Autos. Das macht Senol Sorgen: "Wo sollen die Jungs hier denn so etwas herkriegen, außer durch Dealen oder Klauen?"

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