06.05.07

Tim Raue: Meine harte Jugend in Kreuzberg

Die Currywurst ist die gleiche wie vor 20 Jahren. Auch der Ketchup ist nahezu identisch.

Von Mathias Stengel
Foto: Joachim Schulz
Der Kreuzberger Tim Raue ist heute Sterne-Koch im Swissotel
Der Kreuzberger Tim Raue ist heute Sterne-Koch im Swissotel

Die Currywurst ist die gleiche wie vor 20 Jahren. Auch der Ketchup ist nahezu identisch. Die Pommes sind knackig wie früher. Nur der Hunger ist nicht mehr derselbe. Jetzt ist es nur noch Nostalgie, die Tim Raue einmal im Jahr an seinen einstigen Stammimbiss "Curry 36" am Mehringdamm Ecke Yorckstraße treibt. Doch "Nostalgie kann man nicht essen" und der Heißhunger von einst, als die Currywurst oft das einzige Essen des Tages war, ist der bewussten Ernährung gewichen.

"Na schmeckt`s denn mein Kleener?", fragt die Wurstfrau, die Raue seit seiner Schulzeit kennt. Der nickt zufrieden. Doch die Pommes mit Mayo landen fast unberührt im Müll. So wenig wie sein Edelwasser Evian zum Schnellimbiss passt, so wenig passt Raue noch in diese Gegend. Die Zeiten haben sich geändert. Raue hat mit seiner Vergangenheit abgeschlossen, die Verbindung zum Gestern gekappt, den Kontakt zu den Eltern eingestellt. Er ist Perfektionist, Asket, der nicht raucht, fast nichts trinkt und viel arbeitet. "Da bleibt nur Zeit für wirklich wichtige Kontakte." Der Kontakt mit der Mutter gehört nicht dazu. Da ist er kompromisslos. Zum Selbstschutz. "Sie ist eine herzensgute Frau, doch sie hat immer gesagt 'Junge, arbeite nicht so viel'."

Die Einstellung passt nicht zu seinem Leben, damals schon wenig, heute gar nicht. Spitzenkoch Tim Raue hat es geschafft. Er ist einer der Besten des Landes, wurde "Koch des Jahres" und mit dem Michelin-Stern geehrt.

Um ganz oben mitzuspielen muss er ackern, sechs Tage in der Woche, 15 Stunden täglich. Er ist der Chef von 35 Mitarbeitern. Bis zu 800 Teller müssen im Extremfall in zwei Stunden aus der Küche. Für jeden - Teller und Mitarbeiter - sieht er sich in der Pflicht, oft bis an die physische Grenze, mitunter auch laut im Ton. Dafür braucht er seine Kraft, für den Aufstieg in den Olymp der Spitzenköche.

Vielleicht sollen Raues heutige Kreuzbergausflüge auch nur zeigen: Hey, seht her, ich habe es geschafft, ich der Junge aus armen Verhältnissen, aufgewachsen vaterlos in der Wrangelstraße 41, 4. Etage, wo die Wohnungen am billigsten sind. "Wir hatten oft nicht genug Geld für Essen, weil der Unterhalt vom Vater nur unregelmäßig kam. Dann haben wir uns selbst zum Abendbrot bei Verwandten eingeladen." Da war das "Scheidungskind" froh über die karge aber immerhin regelmäßige Kost der Schulhortspeisung. Auf acht Schulen in elf Jahren hatte Raue ausreichend Gelegenheit, die Volksküche in ihrer Einfachheit und Vielfalt kennen zu lernen. "Da lernt man Essen einfach als Essen schätzen." Heute ist er dafür bekannt, unheimlich gerne Produkte zu veredeln und sie erhaben dem Gast zu präsentieren. Genusskunst als Hochachtung vor dem Lebensmittel.

Den Hunger nach Anerkennung, nach Zugehörigkeit, nach sozialem Aufstieg befriedigte der Jugendliche in der Straßengang "Thirty-Six-Boys". Sie wurde seine Heimat, seine Familie. Er, der einzige Deutsche unter Türken, Arabern und Kurden. Er hatte Wut im Bauch, Konflikte wurden auch mal mit Fäusten gelöst. Die Gang lieferte sich Schlachten, verprügelte Linksautonome, die die Autos der Väter bei den 1. Mai-Krawallen angezündet hatten. Er war wild, aber nicht böse, sagt seine Großmutter. Sie muss es wissen, sie kannte ihn wohl am besten.

Damals hätte sein Leben eine andere Wende nehmen können, er wäre für immer im Kiez hängen geblieben, als einer der Unscheinbaren in SO 36. Doch der wilde Knabe hatte Glück, Verstand und seine Großeltern in Charlottenburg. Sie boten ihm familiäre Wärme, erkannten sein Potenzial und zeigten Verständnis für sein ungezügeltes Leben. Der Großvater erteilte Lektionen in preußischen Tugenden, die Großmutter verwöhnte ihn mit "Falschem Hasen". Mit dem Opa teilte er die Liebe zum Fußball und die Wurstbemmen auf dem Teller. "Das ist für mich noch immer das Größte."

Essen als Wohlgefühl

In der Gang fühlte sich Raue bestätigt, bei den Großeltern geborgen. Noch heute kocht seine Oma regelmäßig sein Leibgericht. Essen ist für Tim Raue Entspannung, Wohlgefühl und Lebensinhalt. "Wenn es im Restaurant nicht so läuft, kaufe ich einfach möglichst viel Lebensmittel ein, die wir dann zu Hause verputzen. Dann sieht die Welt gleich ganz anders aus."

An der Hector-Peterson-Oberschule am Tempelhofer Ufer, quasi um die Ecke von "Curry 36", machte der intelligente Junge, der schon mit 12 Jahren Spiegel las und Design studieren wollte, den Realschulabschluss und die Bekanntschaft mit dem jetzigen Rapper Kool Savas, für den er Freund und Beschützer wurde. Heute steht Raue neben Schauspieler Benno Fürmann und Savas auf der Internetseite der Schule als prominenter Ex-Schüler. Doch bei ihm angefragt, ob er den Schülern von seinen Kreuzberger Tagen oder von seiner Kochkarriere berichten will, hat noch niemand. "Dabei könnte ich den Schülern Mut und Hoffnung machen, dass sie es schaffen können", sagt Raue.

Am Anfang ein Knochenjob

Ein Studium war auch "aus familiären Gründen" nicht möglich. Ein kreativer Beruf sollte es aber sein. Koch klang danach, erwies sich aber anfangs als stupider Knochenjob in rauem Umfeld. Daran wäre er fast gescheitert. Wäre er nicht im zweiten Lehrjahr Marie-Anne begegnet, der großen Liebe, Tochter aus gutbürgerlicher Familie in Friedenau. Sie war die Verheißung eines anderen, besseren Lebens. Nach einer Woche ziehen sie zusammen, schmieden Pläne für eine gemeinsame Zukunft in der Gastronomie. Er als Koch, sie als Restaurantfachfrau. Heute sind sie verheiratet und erfolgreich als Sternekoch und Restaurantleiterin im "44" im Swissotel an der Augsburger Straße. Sein Erfolgsrezept: Eine Handschrift, die sich von den anderen abhebt. Visionen haben, eine Philosophie.

Noch zwei, drei Jahre will Raue in der Hauptstadt kochen. Doch auf Dauer sind dem ambitionierten Kochtalent Berlin und Deutschland nicht genug. Dann soll es ins Ausland gehen, am liebsten nach Asien. Vielleicht steht dann eines Tages die Kreuzberger Currywurst als Spezialität aus Germany auf der Gourmetkarte in Thailand.

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