05.02.08

Wie die Stasi einen Ingenieur zur Unperson machte

Dass er ein großes Risiko einging, war dem Diplom-Ingenieur Wolf I. schon Mitte der 80er-Jahre klar.

Von Michael Mielke
Wolf I. im Stadtteil Weißensee vor dem Gelände des einstigen VEB Isokond. Dank der Warnungen des Haupttechnologen konnte Mitte der 80er-Jahre eine Umweltkatastrophe verhindert werden
Wolf I. im Stadtteil Weißensee vor dem Gelände des einstigen VEB Isokond. Dank der Warnungen des Haupttechnologen konnte Mitte der 80er-Jahre eine Umweltkatastrophe verhindert werden

Dass er ein großes Risiko einging, war dem Diplom-Ingenieur Wolf I. schon Mitte der 80er-Jahre klar. Aber viel später, beim Lesen seiner Stasiakte, wurde ihm bewusst, wie nahe er damals am Abgrund stand. 1985 warnte der Haupttechnologe des Volkseigenen Betriebes Isokond vor einer drohenden Umweltkatastrophe. Prüfungen bestätigten: Auf dem Gelände der in Weißensee ansässigen Firma wurde grob fahrlässig die gefährliche Chlorverbindung PCB gelagert. Dennoch wurde versucht, Wolf I. als Lügner und Psychopathen darzustellen. Er wurde aus dem Betrieb gemobbt. Die Staatssicherheit arbeitete parallel an einem Strafverfahren.

Im Jahr 2006 beantragte Wolf I. beim Landesamt für Gesundheit und Soziales für seine Rente einen finanziellen Ausgleich wegen beruflicher Benachteiligungen. Das Amt beschied ihm jedoch, dass er nach dem Beruflichen Rehabilitierungsgesetz keinen Anspruch habe. Es handele sich nicht um politische Verfolgung, sondern um einen normalen Arbeitsrechtsstreit.

Wolf I., inzwischen 67 Jahre alt, empfindet diese Einschätzung "als schlicht skandalös". Er ist überzeugt: "Mit einem Arbeitsrechtsstreit hatte das nichts zu tun." Der Haupttechnologe war bei den Kollegen beliebt und galt als Pragmatiker ohne Ambitionen auf einen höheren Leitungsposten. "Dafür hätte man schon in der Partei sein müssen, aber ich wäre nie in die SED eingetreten." Dennoch schrieb er im Februar 1985 einen Brief an das für Wirtschaftsfragen zuständige SED-Politbüro-Mitglied Günther Mittag. "Das war für mich die Ultima Ratio", sagt Wolf I. Er habe zuvor mehrfach bei der Betriebsleitung wegen der riskanten Lagerung defekter Kondensatoren vorgesprochen. Sie waren mit PCB gefüllt. Mehr als 8600 Stück mit bis zu neun Litern der giftigen Substanz. Wie gefährlich das war, zeigt ein Vermerk in Wolf I.s Stasi-Akte: "In führenden Industrieländern Westeuropas ist seit der Umweltkatastrophe von Seveso (Italien) die Anwendung von PCB nicht gestattet", heißt es da. "PCB kann unter bestimmten chemischen und physikalischen Voraussetzungen das hochtoxische Dioxin freisetzen."

Briefe illegal abgefangen

Wolf I.s Schreiben an das Politbüro zeigte Wirkung. Die Kondensatoren wurden auf russische Militärfahrzeuge verladen und in einer Nacht- und Nebenaktion auf die zum damaligen Bezirk Potsdam gehörende Deponie Röthehof gebracht. Ähnlich lief es mit verschmutztem PCB, das auf dem Gelände des VEB Isokond in ungeschützten 200-Liter-Fässern lagerte. Sie wurden ins brandenburgische Markendorf geschafft und dort in Tanks gegossen. Das verseuchte Erdreich im VEB Isokond hoben Bauarbeiter drei Meter tief aus, tauschten es aus und verlegten darüber eine Asphaltdecke.

Wolf I. hatte damals eine Kopie des Briefes an das Politbüro-Mitglied Mittag in fünf Teile zerschnitten und sie an Verwandte und Freunde in Westberlin geschickt. "Ich wollte mich absichern und beweisen, dass es mir wirklich nur um die drohende Umweltkatastrophe ging", sagt er. "Und ich traute denen alles zu. Auch dass sie einfach alles umdrehen und ich mit einem mal der Schuldige bin." Was Wolf I. nicht ahnte: Vier der fünf nach Westberlin geschickten Briefe wurden von der Stasi abgefangen. Das Ministerium für Staatssicherheit eröffnete den Operativen Vorgang (OV) "Ritter"; unterschrieben von Erich Mielkes Stellvertreter Wolfgang Schwanitz. "Die Informationen über die Menge und die Lagerung von, mit hochtoxischen Tränkmitteln gefüllten Ausschusskondensatoren auf dem Werkgelände sind geeignet, die Wirtschafts- und Umweltpolitik der DDR entscheidend zu diffamieren und Unruhe unter der Bevölkerung zu provozieren", heißt es in einem Aktenvermerk. Es werde "der Verdacht einer Straftat gemäß §99 StGB festgestellt". Wolf I. wurde unterstellt, versucht zu haben, Kontakt mit westlichen Geheimdiensten aufzunehmen. Das bedeutete nach DDR-Gesetzen: "Landesverräterischer Treubruch", zu sanktionieren mit Freiheitsstrafen von bis zu zehn Jahren. In Abstimmung mit anderen Stasi-Dienststellen wurden sofortige Maßnahmen festgelegt. Dazu gehörte der zielgerichtete Einsatz von IM (informellen Mitarbeitern). Wolf I.s Vorgesetzte im VEB Isokond lieferten gleich stapelweise IM-Berichte. Zudem gab es konspirative Kontrollen der Wohnung und des Arbeitsplatzes inklusive der Installation von Wanzen. Gleichzeitig ermittelten Stasi-Agenten bei den Adressaten der Briefe in Westberlin. Als sich keine Ansatzpunkte für eine "schädliche Zusammenarbeit mit dem Klassenfeind" ergaben, wurde von der Stasi in Richtung des Paragrafen 219 ermittelt: "Ungesetzliche Verbindungsaufnahmen"; zu ahnden mit bis zu drei Jahren Gefängnis. Allerdings konnten die illegal abgefangenen Briefe, wie es in der OV-"Ritter-Akte heißt, "nicht offizialisiert" - also nicht als Beweise eingebracht werden. Wäre die Stasi doch sonst das Risiko eingegangen, zugeben zu müssen, das Postgeheimnis verletzt zu haben.

Im September 1987 wurde der OV "Ritter" geschlossen. I. werde aber weiter "als Person eingestuft, die operativ-bedeutsame Strafen der allgemeinen Kriminalität begangen" habe, heißt es in dem abschließenden Vermerk. Zehn Monate zuvor war Wolf I. aus dem VEB Isokond entfernt worden. Mit perfiden Methoden. Das begann mit dem Vorwurf, er sei offenbar psychisch gestört. Das setzte sich fort mit dem Vorwurf, er habe "vertrauliche Verschlusssachen" auf seinem Schreibtisch liegen lassen - tatsächlich handelte es sich um Material für einen keineswegs geheimen Verbesserungsvorschlag.

Zielgerichtet aus dem Betrieb gemobbt

Und das ging weiter mit Vorwürfen, er sei politisch nicht zuverlässig, weil bei einer nächtlichen Kontrolle im Schreibtisch einer Kollegin seines Vorzimmers ein Transistorradio gefunden worden sei, bei dem der "Hetzsender" RIAS eingestellt war. Wolf I. könnte noch eine Reihe Schikanen aufzählen. "Am Ende hatten sie irgendwie auch ihr Ziel erreicht", sagt er, "ich hatte keine Nerven mehr und habe mich nicht mehr gewehrt." Es habe dann nur die lapidare Erklärung gegeben: Seine Stelle sei wegen einer Umstrukturierung weggefallen, und ihm müsse nun leider betriebsbedingt gekündigt werden. Der ehemalige Haupttechnologe kam anschließend bei der PGH "Lackmetall" als technischer Leiter unter. Wolf I. war für diese Tätigkeit überqualifiziert. Der gravierende Nachteil war jedoch, dass er nach der Wiedervereinigung nun auch nicht mehr als Diplom-Ingenieur eingestuft wurde. "Hätte ich damals geschwiegen", sagt er, "hätte ich jetzt Anspruch auf eine Intelligenzrente." Und gegen "diese Ungerechtigkeit" wolle er vorgehen.

Einen ersten Erfolg hat Wolf I. vor dem Verwaltungsgericht er zielt. Dort wurde festgestellt, dass es sich durchaus um politische Verfolgung gehandelt habe. Für ein abschließendes Urteil fehlen jedoch Einkommensnachweise. Die sind schwer zu beschaffen. Im VEB Isokond wurden die Akten offenbar durch den Schredder gejagt. I. will nicht aufstecken. "Ich möchte nicht zum zweiten Mal Opfer werden", sagt er. "Erst im SED-Regime und nun im Rechtsstaat."

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